Geschichtenzauber

Das fünfte Wort | 2017 – entdecken – Ich entdecke die Langsamkeit

Das Projekt*txt wird gegenwärtig von Dominik Leitner und Katharina Peham betreut.

Was ist das Projekt *.txt?

Schnell erklärt soll das Projekt *.txt der Inspiration dienen. Einmal pro Monat wird ein Wort verkündet, zu dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Texte schreiben. Es gibt keinen Druck, etwas zu schreiben, kein Datum, bis wann die Texte da sein müssen … es soll also in erster Linie Spaß machen!


Wie ich entdeckte, dass ich langsam bin.

Eigentlich entdeckte nicht ich es sondern meine Grundschullehrerin. Sie schrieb es mir mal in eines der Zeugnisse, dass ich zwar etwas langsam bin, aber dafür gründlich. Und irgendwann nahm sie mich beiseite und sagte zu mir.

„Kind du bist echt langsam – aber das ist egal, ich hatte schon mal einen Schüler, der war auch so langsam und der ist heute Arzt.“

Ja liebe Frau B. langsam bin ich heute noch aber Ärztin bin ich nicht geworden.

Gründlich bin ich wirklich. Gründlich unordentlich. Steckt da eine alte Seele in mir? Wurde mir auch mal nach gesagt. „Für Dein Alter bist Du so gelassen – es steckt eine alte Seele in Dir.“ Ja O.k vielleicht bin ich auch etwas langweilig. Hat sie nett umschrieben die Kollegin. Aber ich bin nicht nur langsam und unordentlich –ich bin auch faul. Schon in der Schule habe ich nur das nötigste gemacht um eine passable Note zu bekommen. Ich war so eine 2-3 Schülerin – das war auch beim Abi so.

Aber ich kann ehrgeizig sein. Zum Beispiel: Ich war festgefahren, die Ausbildung war vorbei, und mein Leben vorgezeichnet. Heiraten, Kinder, weisser Gartenzaun. *Würg* Dann sprach mich ein Patient an, ob ich mir nicht vorstellen könne Zahnarzt zu werden. OMG – niemals. Aber – der Samen war gepflanzt. Warum nicht Tierärztin? Also meldete ich mich für das Abendgymnasium an und machte mein Abi. Nicht besonders gut – deswegen bin ich zu Bio statt zu Tiermedizin. Aber – hier war meine Grenze – das Studium fiel  mir unheimlich schwer. Ich entdeckte – ich habe kein bildliches Vorstellungsvermögen. Ich konnte mir die Vorgänge in den Pflanzen nicht vorstellen. Faszinierend ja – aber wie zum Teufel soll ich das verstehen, wenn ich es nicht sehe?

Wirklich – ich bin also  nicht nur langsam, unordentlich, faul sondern auch noch unbegabt. Wenn mir jemand etwas beschreibt – kein Plan. Deswegen konnte ich auch mit Bio nicht landen. Als ich aus einem Kurs flog, weil ich im Krankenhaus lag und somit mehr als drei Tage nicht da war – zog ich die Konsequenz – Hier ist mein Weg zu Ende.

Aber ich habe es versucht und brauche nie zu sagen – was wäre wenn. Ich entdeckte, da ich beobachtete in dem Moment in dem ich nichts vom Prof verstand – die ganzen Diplomanten und Doktoranten waren nichts anderes als ich. Ich war eine Zahnarzthelferin, die ihrem Chef Kaffee kochte und das Besteck hinhielt. Dafür habe ich dann studiert. Ja – natürlich kann man sehr weit kommen – aber mein Ehrgeiz ist versiegt.

Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit. Die Anerkennung meiner Chefs – ich wechselte während des Abis zur Krankenkasse – Schon in der Praxis entdeckte ich, dass ich die Arbeit mit Menschen mag – obwohl ich Menschen eigentlich nicht mag. So war es auch bei der Krankenkasse. Als ich dann mit dem Studium anfing, wechselte ich zum Paketdienst. 19 Jahre später hänge ich da immer noch.

Ich entdeckte meine Grenzen. Ich schluckte daran. Aber heute – bin ich gewachsen, an den Herausforderungen meines Jobs – denn so viel unterschiedliche Charaktere wie bei einem Arbeitgeber, der alles beherbergt – das sind Lebenserfahrungen. Ein menschlicher Pool mit sämtlichen Charaktereigenschaften, die man sich nur vorstellen kann und auch nicht vorstellen kann. Ein Kollege sagte mir mal auf meine Anmerkung, dass ich die Zeit zurückdrehen wolle um früher hier aufzuhören  – Er würde diese Erfahrung nicht missen wollen. Soviel unmögliche und abartige Charaktere auf einem Haufen zu erleben – das hätte er nirgendwo anders kennen gelernt.

Ich entdeckte den Hochmut und den Fall. Ich war oben – und ich fiel. Ich wurde gestürzt. Ich entdeckte meinen Stolz. Ich entdeckte, dass meine Eltern falsch lagen – Was kannst Du für die Firma tun – NEIN! Was kann die Firma für mich tun. 19 Jahre habe ich gelächelt, gekämpft und gewonnen, aber auch verloren. Jetzt bin ich unten –  aber auch oben.  Nicht mehr erpressbar  – ich bin da, ich arbeite, ich gehe und mein Kopf ist endlich frei. Ich weiss nicht ob er jemals so frei war. Als Kind – bevor ich geformt wurde – Ich bin geformt – aber ich kratze an der Form. Vielleicht kann ich sie öffnen und meinen Kopf noch weiter herausstrecken. Vielleicht passt irgendwann mein Körper durch. Aber ich hörte wie die Schale in meinem Gehirn krachte – wie die Ideen wieder kamen, die ich verloren dachte. Ich bin fast frei – nicht genügend frei – aber ich Entdecke  immer mehr.

Ich entdeckte – ich bin langsam, gemütlich, faul, unbegabt, eingeschränkt, eingepfercht – aber nicht verloren.

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2 thoughts on “Das fünfte Wort | 2017 – entdecken – Ich entdecke die Langsamkeit”

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