Geschichtenzauber

[Story-Samstag] Heiliger Bund – Nur die Familia zählt

Der Wonne Monat Mai – Da fahren ständig die hupenden Autos durch die Strassen. Perfekt um eine Geschichte zu erspinnen.

 

Was ist der Story-Samstag? storysamstagDer Story-Samstag hat nur zwei einfache Regeln: Ich gebe alle 2 Wochen ein kleines Thema vor. Und du hast die Möglichkeit ganz kreativ darauf mit einem Beitrag – egal ob als Gedicht, Abhandlung, Erzählung, Witz oder sonstiger literarischer Art – zu reagieren

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Ach verflixt. Da hatte sie doch den wichtigsten Termin des Jahres fast vergessen. Sie musste noch so viel erledigen.

Schnell packte sie ihre Utensilien weg. Sie war die Trauzeugin – wie konnte das denn passieren? Eine Brautjungfer im hässlichen Kleid hätte es doch auch getan. Aber nein – Millie meinte wohl – sie – Andrea – wäre die perfekte Trauzeugin. Die Familien kennen sich schon lange und die beiden haben schon im Laufstall zusammen gespielt. Nur sind ihre Interessen seit einiger Zeit sehr weit entfernt. Während Millie immer die Prinzessin war musste Andrea schon früh ins Familienunternehmen einsteigen. Wobei der Chef auch noch Millies Vater war. So – sie hätte also sowieso nicht ablehnen können. Das hätte Schande und Unmut über ihre Familie gebracht.

Ihr Vater war eh schon enttäuscht, dass er keinen männlichen Erben für das Familienunternehmen hatte. Aber es war ihm und  ihrer Mutter nicht vergönnt gewesen noch einen Sohn zu bekommen. Also hatte Andrea den schwarzen Peter gezogen und es wurde von ihr erwartet sich die Hände schmutzig zu machen, während ihre Freundinnen sich nach den Hausaufgaben trafen und sich in der Mall vergnügten, lernte sie essentielles für den Familienjob. Seltenst durfte sie sich mal mit den Freundinnen verabreden. Nur wenn ihre Mutter beschwichtigend auf ihren Vater einredete und ihm bewusst machte, dass sie halt auch ein Mädchen war und nicht nur ….Ach verdammt – das Handy klingelte.

Das war jetzt wirklich unpassend – sie hatte einen wichtigen Auftrag vor den Füssen, den sie noch wegschaffen  musste. Ach – Millie, was will sie denn jetzt noch? Seufzte Andrea

„Andi – Süsse, warum dauert das denn solange bis du an dein Handy gehst. Ich drehe noch durch. Du musst sofort kommen und die Blumenarrangements mit dem Floristen besprechen. Ich werde noch einen Herzinfarkt bekommen bevor  ich den Heiligen Bund eingegangen bin. Wo bist du?“

Nicht weit genug weg. “Millie, du weißt doch, dass ich arbeiten muss, oder? Ich hoffe du hast nicht vergessen, für wen?“ rollte sie die Augen. Millie war eine richtige verwöhnte Göre. Ihre Mutter war früh gestorben und ihr Vater hatte ihr alles durch gehen lassen. Ein klassisches Klischee einer verwöhnten reichen Zicke. Man sagt nicht umsonst – Das Leben schreibt die Geschichten. Andrea seufzte.

„Ausserdem weisst du, dass ich es hasse wenn du mich Andi nennst. Also ich habe hier noch etwa eins bis zwei Stunden zu tun. Ich muss noch – ähm – den Müll beseitigen, der bei diesem Job angefallen ist. Das wird etwas schwierig. Also gedulde dich, dann bin ich hundert prozentig für dich und deinen Heiligen Bund da.“

Heiliger Bund – Andrea musste sich zurück halten um nicht laut los zu lachen. Die Braut in weiss. Ha! Sie sollte Rot tragen oder wenigstens das rote A – so unschuldig war Millie. Ihr Zukünftiger war ein Aussenseiter. Er wusste nichts – der arme Tor.

„Gut Andi, Andrea – ich verlasse mich auf dich. Ich hoffe doch du hältst dein Versprechen – ich will nicht mit Daddy reden müssen. TaTa bis später.“

Diese miese Kröte – wenn ich nur könnte wie ichwollte. Aber einmal in dieser Familie  immer in dieser Familie. Ich würde es ihr wirklich gerne heimzahlen. Miststück.

Andrea wurde jäh in die Gegenwart zurück gerufen. Ihr Auftrag zuckte. Ach Mist – das habe ich wohl verbockt. Vater wäre nicht sehr erfreut. Dabei war sie doch schon so lange alleine tätig. Diese blöde Hochzeitskiste. Sie öffnete den Koffer und nahm den kleinen Dolch. Nein! Sie steckte ihn zurück und zog die Spritze vor. Es sollte ja unauffällig sein. Es war ein wichtiger Auftrag ohne Spuren zu hinterlassen. Sie zog die Spritze auf und stach zu. Ein grausamer, aber schneller Vorgang. Zufrieden verstaute sie alles und ging zur Tür, ein Blick zurück: Es war alles ordentlich. So musste es sein. Schnell noch ein Foto und weg.

Andrea stand vor der  prächtigen Villa – sie musste überlegen, ob sie tatsächlich da hinein gehen wollte. Eigentlich will ich nicht da rein. Alles in mir sträubt sich dagegen. Ich hasse dieses Haus und ich hasse diese Familie und ich hasse mein Leben. Aber was ich  mag, ist der Respekt, der mir entgegen gebracht wird.  Andrea schüttelte sich und ging die lange Treppe zum Eingang hinauf. Sie klingelte und der Butler öffnete.

„Ah – Fräulein Andrea – zum Glück sind sie da. Das gnädige Fräulein Millie steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ich habe es nicht so richtig verstanden. Es klang nach Schleife und Schleier. Es ist als bewege man sich durch ein Minenfeld.“

„Ach guter alter Freund. Was haben sie nicht schon alles mit gemacht. Aber bald ist sie verheiratet und ein neuer Butler, darf sich seine Flügel bei ihr verdienen.“ Lachte Andrea und klopfte ihm auf die Schultern

Schnell sprang sie die Treppenstufen hoch und blieb vor der Tür zur Hölle stehen. Sie atmete tief ein und öffnete sie. Fast wäre sie rückwärts wieder raus gefallen. Es war ein Tumult in diesem Zimmer – sie erfasste eine Welle von Wut und Trotz, die fast körperlich zu spüren war. Was für ein Wahnsinn nur wegen einer Hochzeit. Ich werde nie heiraten. Das kommt gar nicht in Frage. Diesen Mist mache ich bestimmt nicht mit, da kann Papa sich auf den Kopf stellen und mit dem … „ANDREA!! Wo bleibst du so lange? Ich warte schon ewig auf dich. Schau dir das Desaster an. Das Kleid ist furchtbar. Zu wenig Schleifen und Rüschen. Ich will aussehen wie eine Prinzessin. Das muss man auf jeden Fall sofort erkennen. Die Prinzessin – das bin ich doch auch. Mein Vater ist der König. Also, sorge dafür, dass mehr Schleifen und Rüschen dran sind. Hopphopp.

Andrea dachte an ihren Werkzeugkoffer und wie gerne sie ihn gerade jetzt bei sich hätte. „Mehr Schleifen und Rüschen? Meinst du nicht du wirst dann fett aussehen? Das bauscht doch ganz schön auf. Also ich würde mir das schon gut überlegen. Schau dir die Kleiderpuppe an. Ich finde das Kleid wirklich perfekt. Wo sollen denn noch Schleifen und Rüschen dran? Es geht nur noch an Po und an den Hüften. Schätzchen. Das sieht aus als müsstest du heiraten. Jeder wird denken du bist schwanger. Und was soll dein Vater dann sagen. Er wird sein Gesicht verlieren. Er denkt, er gibt dich als Jungfrau in die Ehe.“ Andrea setzte sich neben Millie und blickte ihr  über den Spiegel ins Gesicht. „Süsse – überleg doch mal. Dein Kleid ist perfekt. Du hast dich Monate lang zur perfekten Figur gehungert und jetzt willst du das verbergen unter Schleifen und Rüschen?“

Millie dachte einige Sekunden nach, drehte sich zu ihren Brautjungfern um und schnauzte sie an. „Ihr dämlichen Hühner – ihr hättet mich fett aussehen lassen!“ Dann drehte sie sich wieder zu Andrea. „Ich habe mir genau die richtige Trauzeugin gesucht. Du rettest mich und meine Hochzeit. Wenn alles glatt läuft, werde ich  mit Papa reden und wir werden sehen, ob wir deiner Familie nicht noch etwas mehr Anerkennung geben können. Mal sehen. Vielleicht einen nobleren Bezirk. Was sagst du?“

Andrea schaute überrascht und erfreut aber sie war es nicht. Sie wollte unabhängig sein. Nicht mehr dieser schrecklichen Familie unterstehen. Nun – eine Beförderung ist auch schon mal was.

Andrea ging zu den Blumenarrangements. Sie besprach  mit dem Floristen die Änderungen als schon wieder ihr Handy klingelte. Sie rollte mit den Augen, da sie dachte es wäre Millie, aber es war ihr Vater.

„Hei Spätzchen, alles gut gelaufen bei dem  Job?“ „Das wirst du morgen in den Zeitungen lesen.“

„Komm, spann deinen alten Herren nicht so auf die Folter. Apropos Folter – ich habe einen neuen Auftrag für die Chef-Vollstreckerin. Ein kleiner Ganove hat unseren Big Boss wohl um sein Geld geprellt und die Hochzeit wird doch sooo teuer. Da brauch er jeden Cent. Ich schicke dir die Adresse.“

„Aber Paps, kann nicht Enrique gehen? Ich stecke mitten in diesem Hochzeitsalptraum.“ „Nein mein Schatz – das soll dich doch bisschen ablenken und auflockern. Ich weiss doch wie sehr dich diese Hochzeit nervt. Du sollst doch nicht noch einen Burn out bekommen, wegen einer schnöden Hochzeit für dieses kleine verwöhnte Monster. Das wird dir gut tun. Komm schon.“

„Na gut, wahrscheinlich hast du recht. Dann soll Enrique wenigstens diese Hochzeitsplanung beobachten. Hahahahaha.“

„Ja guter Scherz. Bis dann Mäuschen.“

„Bis dann Paps. Hab dich lieb.“ Er hatte Recht – so ein bisschen Foltern entspannte mich eigentlich immer. Ich ging also lächelnd Richtung Auto als ich einen schrillen Schrei hörte und ein Klirren. Etwas war durch die Fensterscheibe gekracht. Mitten vor die Füsse des Caterers. Der liess fast die Torte fallen. Ich sah diese schon fallen. Und dann sah ich Millie aus dem Fenster stürzen, direkt in die Tortenüberreste. Ihr Blut würde den weissen Fondant durchziehen und Andrea würde daneben stehen und erleichtert aufatmen.

Aber er hatte die Torte fest im Griff und der Tagtraum zerplatzte. Sie überlegte kurz ob sie schnell flüchten sollte aber es war zu spät. Sie wurde schon entdeckt. „ANDREA!“ Sie konnte die mitleidigen Blicke förmlich fühlen. Wieder einmal dachte sie an ihren gut ausgestatteten Werkzeugkoffer und dass eine Folter sie entspannen würde – wen sie dabei folterte war ihr doch eigentlich egal.

„Hi Millie? Was gibt es denn?“ flötete Andrea das Fenster hoch. „Komm sofort hoch.“

„Ich habe einen Auftrag.“ „JA!! – Dein Auftrag ist meine Trauzeugin zu sein. Komm hoch.“

Verflixte Scheisse. Wie war sie nur an diesen Posten gekommen. Sie konnte sich einfach nicht erinnern. Das musste doch irgendein Racheakt einer verfeindeten Familie sein. Hatte sie in letzter Zeit einen von denen getötet? Mit hängenden Schultern bewegte sich Andrea Richtung Brautzimmer, oder sollte sie es besser Brutzimmer nennen. Andrea schmunzelte.

Wieder stand sie vor der Tür und kein Loch im Boden wollte sie verschlucken. Sie trat ein und wartete bis der erste Schwall Worte an ihr abprallte. Dann sortierte sie die Worte und heraus kam Blablabla Haare blablabla verhunzt – blablabla töte sie. Stopp. Töte sie. Andrea musste sich verhört haben. Aber Millie wiederholte noch einmal. „Andrea – ich befehle dir, diese Person sofort zu töten. Schau dir an, was sie mit meinen Haaren gemacht hat. Sie hat sie verbrannt. Da – siehst du. Da sie hat Löcher in meine Frisur gebrannt. Sie muss verschwinden – kümmere dich darum.“ „Äh – Millie, ich kann nicht einfach die Stylistin töten.“ „Und ob – du wirst von meiner Familie bezahlt. Wenn du es nicht tust, wird es jemand anderes aus der Familia tun – aber das wird auf deiner Punktekarte ganz schöne Abzüge geben. Verstehst du mich?“ „Ja – das kann man wohl kaum missverstehen. Aber ich werde sie nicht töten. Ich besorge dir jemanden, der das wieder hin bekommt und Amorelli Coiffeur wird mit sofortiger Wirkung seinen Laden schliessen und die Besitzerin verschwinden. Aber nicht im Kanal. Dass das klar ist. Verstehst du mich Millie? Das ist kein Spiel mit Barbie Puppen. Du spielst hier mit Menschenleben. Du bist kein kleines Kind mehr – du wirst heiraten und bald eine eigene Familie gründen. Also werde erwachsen. Ist das klar?“

Millie sah Andrea verschreckt an. Dann stand sie auf. Es fehlte nur noch der Rauch, der aus der Nase austritt. Dann nahm sie wieder einen Gegenstand und ein weiteres Fenster ging zu Bruch. Sie schrie auf und trat auf und setzte sich wieder. „Hol deinen Rettungsplan und dann geh mir aus den Augen. Ich will dich heute nicht mehr sehen. Verschwinde.“

Das liess sich Andrea nicht zwei Mal sagen. Sie war schneller aus der Tür draussen als jemand schwupp-di-wupp sagen konnte. Sie rannte fast – schnell zum Auto und das Grundstück verlassen. Auf dem Weg machte sie dem Stylisten ihres Hundes noch Beine und erzählte ihm alles was er wissen musste. Inklusive, dass er auf keinen Fall verraten soll, dass er Hundestylist sei. Sonst bräuchte Andrea schnell einen Unterschlupf – vielleicht das Zeugenschutzprogramm?

Jetzt freute sie sich aber mal auf die Ablenkung. Sie schwor sich, dass das nie wieder geschehen würde – nie wieder würde sie Trauzeugin werden um jemanden in den Heiligen Bund der Ehe zu führen. Lieber zehn Folter und zehn Beseitigungen, als noch einmal eine Hochzeit betreuen.

ENDE

 

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3 thoughts on “[Story-Samstag] Heiliger Bund – Nur die Familia zählt”

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