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Das siebte Wort | 2017 – Wald – Der Ruf des Wolfes

Was ist das Projekt *.txt? Schnell erklärt soll das Projekt *.txt der Inspiration dienen. Einmal pro Monat wird ein Wort verkündet, zu dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Texte schreiben. Es gibt keinen Druck, etwas zu schreiben, kein Datum, bis wann die Texte da sein müssen … es soll also in erster Linie Spaß machen!

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Der Ruf des Wolfes

Andrea wachte auf. Oh – ich bin ja eingeschlafen – das tat so richtig gut. Es war eine gute Entscheidung sich heute mal frei zu nehmen um einfach im Wald spazieren zu gehen. Abschalten und loslassen. Gibt es was Besseres, als das satte Grün der Blätter, das Rauschen des Windes durch die Kronen und das Geräusch der Waldbewohner? Jetzt war es aber schon recht düster geworden. Andrea fröstelte leicht. So ein Mist, ich habe keine Weste dabei. Eigentlich wollte ich ja auch  nur kurz entspannen und nicht einschlafen. Jetzt ist die Sonne weg und da ist es ja klar, dass es im Wald halt abkühlt. Ich muss jetzt gehen. Zu Hause werde ich mir ein schönes warmes Bad und ein gutes Glas Rotwein gönnen. Das hat meine Batterie wieder aufgeladen. Das sollte ich mir öfter gönnen.

Andrea stand auf, etwas steif vom langen liegen. Sie hatte einen tollen umgestürzten Baum entdeckt. Er war perfekt ausgehöhlt. Sie sammelte Tannenzweige und Blätter als Matratze. Dann hatte sie sich hineingelegt. Die Sonne hatte sie schläfrig gemacht und sie hatte sich fallen lassen.

Jetzt  musste sie aber endlich mal los – es wurde immer dunkler – solange sie noch was sah, sollte sie schon am Ausgang des Waldes sein. Sie lief los und im Augenwinkel bemerkte sie einen Schatten. Erschrocken drehte sie sich in die Richtung in der sie den Schatten wahrgenommen hatte. Da war nichts. Ach der Wald und seine Schatten, lächelte sie.

Widerwillig betrat sie erneut den Pfad um weiter zu gehen. Eigentlich wollte sie noch nicht gehen. Wäre sie wärmer angezogen, hätte sie wahrscheinlich in ihrem Naturbett übernachtet. Es war solange her, dass sie eine Nacht im Freien verbracht hatte. Eine tiefe Sehnsucht machte sich in ihrem Inneren breit. Seufzend lief sie weiter.

Tief in Gedanken versunken, achtete sie nicht so genau wo sie lang lief. Nach etwa einer halben Stunde stutzte sie. Ich bin wohl im Kreis gelaufen. Na so was, da war ich aber schwer in Gedanken.  Schmunzelte sie. Erneut lief sie los. Langsam kroch dicker Nebel aus dem Boden und verwandelte den Wald in eine gruselige Kulisse.

Andrea rieb sich über die Arme. Sie fror jetzt stark und dieser Nebel liess sie auch von innen her frösteln. Sie liebte den Wald und hatte auch schon einige Nächte in einem verbracht – aber das hier fühlte sich seltsam an. Bedrückend und beängstigend. Vorbei war das schöne wohlige Gefühl, das sie den ganzen Tag hatte. Jetzt breitete sich langsam Angst und Unsicherheit in ihr aus. Sie konnte es nicht verstehen.

Ok. Was mache ich denn jetzt? Anscheinend kann ich hier nicht raus. Verflixt.

Andrea drehte sich und erkannte – sie war schon wieder am umgefallenen Baum gelandet. Genervt setzte sie sich auf ihr gemachtes Bett aus Tannenzweigen und Blättern. Um sie herum hörte sie seltsame Geräusche. Ein Wispern. Auch hatte sie das Gefühl, ständig von irgendetwas gestreift zu werden. Sie wagte nicht sich zu bewegen. Etwas war hier im Wald und es schien ihr Angst machen zu wollen. Was ihm auch wirklich gelang.

Sie erschrak – Mist ich brauche einen Unterschlupf. Es ist schon recht düster – ich hoffe ich bekomme noch einen Shelter hin. Schnell sammelte Andrea einige Äste, die sie für den Unterschlupf brauchte. Ob ich mir ein Feuer vor dem Shelter mache? Ach ne – ich bin zu müde. Sie schlüpfte in ihre Behausung und schlief sofort ein.

Sie wurde wach, weil sie furchtbar fror. Hätte ich mir doch die Zeit für ein Feuer genommen. Nun – ich  muss mich bisschen bewegen um das Blut wieder in Gang zu bringen. Andrea robbte aus ihrem Shelter und sprang etwas auf und ab. Da! Da war es wieder. Dieser Schatten und um sie herum erhob sich ein unheimliches Geflüster. Sie drehte sich schnell um sich herum um die Quelle der Geräusche auszumachen. Aber sie konnte nichts finden. Ihre Gänsehaut würde sich hier nicht mehr legen. Sie fing an zu rennen.

Blind stolperte sie durch den dunklen Wald. Sie wurde von etwas verfolgt. Aber was? Sie konnte nichts erkennen. Lauf weiter, Andrea, lauf um dein Leben. Sie hatte keine Zweifel  daran, dass es hier wirklich um ihr Leben ging.

Sie stolperte ständig. Da – das ist der Beweis. Wenn sie in den Horrorfilmen durch den Wald rennen, stolpert keiner. Die rennen da immer wie auf einer Aschebahn. Sie versuchte sich von der Schlinge um ihren Fuss zu befreien.  Wieder hörte sie das Geflüster. Dieses mal kamen aber noch Heulgeräusche dazu. Oh nein – Wölfe – ich habe ja gelesen, dass sie wieder kommen, aber müssen sie gerade dann kommen, wenn ich im Wald strande? So ein Mist. Wie waren die Verhaltensregel? Okay, Okay – Lärm machen – langsam zurückweichen – nur nicht rennen. Gross machen, in die Hände klatschen, was werfen. Also gut  kommt nur – ihr Wölfe. Euch zeig ich´s

Und da kamen sie. Und sie waren riesig. Vor ihr baute sich ein Weibchen auf. Sie war beeindruckend. Ihre Augen wirkten so menschlich. So wissend. Andrea konnte nicht anders – sie war beeindruckt und ihre Angst schwand sofort. Dann knackte es neben ihr. Sie drehte ihren Kopf und sah noch mehr Wölfe. Da war es dann um ihre Bewunderung geschehen. Alle Verhaltensregel vergessend, rannte sie los. Und das war der Startschuss für die Leitwölfin. Sie setzte Andrea nach – der Rest des Rudels blieb im Hintergrund.  Eine Zeitlang liefen die beiden nebeneinander. Andrea hatte eine sehr gute Kondition. Da sie ein Waldkind war, joggte sie regelmässig mehrere Stunden die Woche.

Die Wölfin machte keine Anstalten sie anzugreifen. Andrea hielt an. Sie stützte ihre Arme auf die Oberschenkel um ihren Atem zu kontrollieren.

„Was willst du von mir? Jagen, fressen? Dann mach wofür du hergekommen bist. Ich kann nicht mehr lange mit dir mithalten.“

Die Wölfin legte den Kopf schräg als würde sie überlegen. Dann erhob sie sich. Und Andrea setzte sich auf ihren Hintern. Vor ihr erschien eine Frau. Eine nackte Frau. Sie war als Mensch genauso beindruckend, wie als Wolf und die Nacktheit schien ihr nichts auszumachen. „W-was – ich glaub ich spinne. Ich schlafe doch noch? Was bist du? Ein Werwolf?“

„Ja – so werden wir von euch Menschen genannt. Aber eigentlich stimmt das nicht so ganz. Wertiere sind immer so negativ behaftet – Wir sind Menschen, die ihre innere Stimme haben siegen lassen. Wir alle empfanden eine enorme Anziehung des Waldes. Die Menschenwelt engte uns ein und nahm uns die Luft zum Atmen.“ Andrea schaute sich um und sah noch mehr nackte Menschen aus dem Schatten hervortreten.

„Okay – kann ich mir nicht so vorstellen. Ich kann das nicht so erfassen. Und warum ängstigt ihr mich?“

„Entschuldige, das war nicht unsere Absicht, aber wie sollen wir so was denn umsetzen? Ich denke – egal wie – du hättest Angst bekommen.“

„Ich dachte Geister wären hinter mir her. Dieser Nebel und diese Atmosphäre.“ „Hahaha – Geister – die gibt es nicht.“ „Ja klar – das sagt mir gerade ein Werwolf. Okay, wir kommen vom Thema ab. Was wollt ihr von mir?“

„Wir haben deine Seele rufen gehört?“

„Ihr habt was?“ „Wir haben die Fähigkeiten Seelenverwandte zu erkennen. Ihre Seelen rufen nach Freiheit und Wildnis. Der Wald ruft aus ihnen heraus.“ „Man, das klingt wie aus einem mittelmässigen Roman. Was sagt denn meine Seele?“

„Du bist unglücklich. Dein innerer Wolf will frei gelassen werden. Merkst du denn nicht wie er in deinem Inneren an deiner Wand schabt?“ „Wie soll ich das merken?“ „Deine innere Unruhe, deine Unzufriedenheit. Und vielleicht seltsame Gelüste?“ „Was für Gelüste? Nach Menschenfleisch?“ „Wir sind doch keine Zombies. Ich mache dir ein Angebot. Du leugnest es – aber wir spüren es ganz genau – dein Wolf will raus. Wir können dir helfen. Dann bist du Frei. Kannst durch die Wälder streifen. Rennen und mit uns jagen und tollen. Überlege es dir. Wir führen dich zurück zu deinem Lager. Bei Sonnenaufgang kommen wir um deine Entscheidung zu hören. Du bist nicht in Gefahr. Egal wie du dich entscheidest – wir helfen dir.“

Zurück in ihrem Shelter dachte Andrea intensiv nach. Was war das? Kann es das geben? Ich habe es doch gesehen. Bin ich eine Wölfin? Ich liebe es in der Natur zu sein und vermisse es wahnsinnig. Mein Job fesselt mich und ich bin unzufrieden.  Sie überlegte, bis sie einschlief. Und sie träumte. Sie war ein Wolf und rannte mit den anderen durch den Wald. Die Äste schlugen ihr ins Gesicht und sie liebte dieses Gefühl. Als würde sie von ihnen gestreichelt werden.

Bei Sonnenaufgang wurde sie von einer feuchten Nase an gestupst. Sie erschrak und rieb sich die Augen. Sie trat gegen die Äste ihres Shelters und die gaben sie frei. Das Rudel hatte sich um sie herum versammelt. Es war ein toller Anblick. Solch edlen Geschöpfe und sie wollten sie bei sich aufnehmen. Ihre Entscheidung war gefallen. Sie würde eine Wölfin sein und mit ihrem Rudel durch die Wälder streifen. Sie brauchte nichts zu sagen. Die Leitwölfin nickte und nahm ihre Hand zwischen ihre Zähne. Andrea wurde in die Mitte geführt. Ein kleiner Biss und schon war es vollbracht.

„Wann verwandle ich mich? Bei Vollmond“ Die Leitwölfin wandelte sich wieder in eine Frau. Lachend schüttelte sie ihr Haar. „Ach diese Mythen. Nein. Warte einige Stunden, bis mein Biss, den gesamten Blutkreislauf gewandelt hat. Dann kannst du dich jeder Zeit verwandeln. Genau richtig um noch einige Sachen zu erledigen. Bring dein Leben zum Abschluss und komme zu uns. Wir werden auf dich warten“

„Ok. Viel ist es ja nicht. Keine Familie, unbedeutende Freunde – ich beeil mich – ich kann es nicht abwarten bei euch zu sein.“ Andrea rannte los. Sie war so voller Energie und Lebensfreude.  Sie blickte sich um und sah ihre Familie. Noch schneller rannte sie um ihr altes Leben zu verabschieden und ihr neues zu begrüssen.

ENDE

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6 thoughts on “Das siebte Wort | 2017 – Wald – Der Ruf des Wolfes”

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