Geschichtenzauber

Schreib mit mir Teil 5 – Trügerische Freiheit – Das Grauen lauert im Nebel Teil 2 von 2

Den ersten Teil könnt ihr HIER noch mal nachlesen.

Was bisher geschah:

Hank ist nicht zimperlich. Er hat schon eine bewegte Vergangenheit und einige Gefängnisse kennen gelernt. Aber dieses hier – das ist seltsam. Es scheint ein verfluchter Ort mit verfluchten Insassen zu sein. So langsam bekommt er es mit der Angst zu tun.

Kapitel 5

Art führte Hank zur Essensausgabe. „Hier ist unser Restaurant. Barney ist der Küchenchef. Ein netter Brummbär, der immer was zu erzählen hat. Unser Barkeeper nur ohne Alkohol. Da hinten in der Ecke, das sind die, vor denen du mich beschützen sollst. Das sind die, die mich als ihre „Bitch“ wollen.“ Er hob die Finger zu den Gänsefüßen. „Hey – mein Arsch soll Jungfrau bleiben. Echt jetzt.“

„Gut wir werden sehen, wie nützlich du mir noch bist. Wenn sie nützlicher sind, verkaufe ich dich.“ Meinte Hank trocken und genoss Arts entsetzten Blick. „Na danke auch. Da komme ich vom Regen in die Traufe. Nun gut, wir werden sehen.“

Hank knuffte Art. Aber Art hatte die Ernsthaftigkeit schon herausgehört. Hank war nicht hier, weil er ein netter Kerl war. Hier kamen  nur die ganz bösen Kerle her. Verzweifelt fragte er sich erneut, warum er überhaupt hier gelandet war. Ein Rätsel, das er wohl nie lösen würde. Aber jetzt würde er hoffentlich auch mal schlafen können und nicht ständig vor Angst die Tür verbarrikadieren müssen. An Flucht hatte er nur mal gedacht. Er wusste, dass er niemals genug Mut aufbringen würde. Zuviel Schauergeschichten rankten um das Gebiet außerhalb der Gefängnismauern.

Nach dem Frühstück gingen die beiden in den Hof. Dort gab es die üblichen Aufbauten. Fitnessbereich, Basketballkörbe und die „Chill-Ecke“. Hank beobachtete alles ganz genau. Hier schien es keinen Alpha zu geben. Sehr seltsam. Es wirkte fast harmonisch. Die alten Knackis spielten Karten oder Schach, die Jungen machten Sport. Einzig, die vor denen Art Angst hatte schienen auf Krawall aus. Den konnten sie haben. Er wäre bereit. So ab und zu einen Faustkampf würde er brauchen. Ich drehe sonst durch. Da kann ich gleich einem Buchclub oder Häkelverein beitreten. Nichts Aufregendes los hier.

„Hei, Art. Warum bricht hier eigentlich keiner aus? Keine Wachen, keine Hochsicherheit? Erklär mir das!“

„Es lauert etwas im Nebel. Manchmal kört man es oder sie. Genau weiß es keiner. Der einzige, er tatsächlich einen Ausbruch überlebte ist Mick. Der Alte mit dem Buch dahinten. Aber er spricht nicht. Wenn man ihn darauf anspricht starrt er einen nur an. Und glaub mir, das ist super unheimlich. Er ist nämlich blind. Angeblich seit dem Ausbruch. Wenn man in seine Nähe kommt, scheint seine Stille einen zu Boden zu drücken. Ich weiß es nicht, vielleicht ist er besessen? Auf jeden Fall macht er einem Angst. Du kannst dein Glück probieren. Aber er wird nicht antworten. Manche sagen er redet nur, wenn ein neuer Angriff bevorsteht, oder einer ausbricht.

Manchmal greift das Grauen aus dem Nebel tatsächlich an. Der Zaun ist das einzige, das uns schützt. Wir glauben es sind die jungen. Frisch geschlüpft, oder was auch immer. Die sind zu ungeduldig und wollen uns provozieren. Manchmal hört man die Tiere des Waldes schreien. Furchtbare Schreie. Es ist ganz übel, Alter. Da möchte man sich bei seinen Eltern im Bett verkriechen.“

Hank sah Art verständnislos an. Warum sollte man das wollen. Er hätte sich nie bei seinen Eltern verkrochen. Was ein Weichei.

Hinter ihnen manifestierte sich ein Schatten. „Hei, Neuer. Ich bin Walt und ich kenne dich. Du warst mit Freddy damals im Bau. Ich kann mich genau an dich und deine Schläger erinnern. Hier wird es das nicht geben. Wir haben kein schlechtes Leben hier. Wir können machen was wir sollen. Keine Wärter, die uns schikanieren. Genug zu Essen, Ruhe – was will man mehr?“ „Freiheit vielleicht?“ „Glaubst du, du bist er erste harte Hund, der hier her kam und ausbrechen wollte. Geh nur zu Mick und frag den stummen Blinden. Wenn du einen lichten Moment erwischst antwortet er vielleicht. Ich rate dir die Füße still zu halten. Du hättest es schlimmer treffen können. Das Gefängnis beschützt uns. Aber erwartet Loyalität. Du hast bestimmt geträumt? Wir haben alle geträumt. Glaub mir, das scheiss Gefängnis ist verflucht, verhext, was auch immer. Wer hier drin ist bleibt hier. Da draußen, das sind die Soldaten des Gefängnisses. Keiner, außer Mick, hat es gesehen und überlebt. Weißt du wer da draußen lauert? Die gefallenen. Erst die der Kriege und dann die neuen Rekruten – die geflohenen Gefangenen. Kein einziger, der hier aufgenommen wurde, wird je entlassen. Schau dir die Chroniken an. Da liest du es.“

„Wie hat Mick es geschafft zu überleben?“ „Keine Ahnung. Er ist nicht mehr klar im Kopf. Er war auf jeden Fall mehr Tod als Lebendig als er zurückkam. Ist er jetzt ja irgendwie immer noch. Also finde dich damit ab. Die wird nur bleiben und leben oder sterben bei dem Versuch zu flüchten. Was ist dir lieber?“

„Ihr spinnt doch! Ein verhextes Gefängnis und was? Tote Soldaten? Ihr wollt mich verarschen, weil ich der Neue bin. Ich gehe zu Mick.“

Kapitel 6

Hank setzte sich Mick gegenüber. Dieser hielt die Bibel in der Hand. „Hi, ich bin Hank. Mick?“ Keine Reaktion. „Was ist da dran, an der urbanen Legende?“ Mick starte Hank mit seinen blinden Augen an. Sofort stellten sich Hanks Haare an den Armen auf. Art hatte Recht, es war befremdlich und gruselig. Es war als würde Mick direkt in seine Seele blicken.

„Das Grauen wartet im Nebel. Diejenigen Innerhalb sind des Todes. Diejenigen Außerhalb sind des Todes. Die Seelen der Außenseiter sind verdorben  das Futter der unerlösten. Keiner hier hat die Erlösung verdient. Bleib innerhalb der Mauern und werde erleuchtet. Das bedeutet Frieden und Sicherheit für deine Seele  – niemals Freiheit. Setzt einen Fuß nach draußen und bleibe für immer als Wächter und hungriger Wanderer. Niemals wirst Befreit du werden.“

Nach diesen Worten wendete sich Mick von Hank ab. Die Bibel wie ein Schutzschild vor sich erhoben.

Hank stand auf und ging zurück zu Freddy und Art. „Und?“ Freddy sah ihn wissend an. „Hast du deine Antworten?“  „Ich weiß nicht was ich habe, außer Kopfschmerzen. Mick ist echt Gaga.“ Art legte seinen Kopf fragend leicht schräg. „Willst du immer noch flüchten?“  „Nun – es muss doch möglich sein von hier zu entkommen. Wer weiß ob es nicht einer von den Flüchtenden geschafft hat? Weg ist weg und sie werden wohl kaum eine Postkarte von den Malediven schicken.“

Hank stand auf und ließ die beiden zurück. Grübelnd ging er die leeren Gänge, die immer noch gruselig wirkten, entlang. Er suchte die Verwaltung. Es musste doch einen Plan des Gefängnisses geben.

Kapitel 7

Hank fand den Weg in die oberen Stockwerke. Die Büros waren, praktischer Weise, ausgeschildert. Er fand die Tür zur Verwaltung somit sehr schnell. Dort hing auch ein Plan des Gefängnisses. Wer hat denn dieses Gefängnis geplant? Es gibt keine Notausgänge. Nur den Haupteingang. Das gibt es doch nicht. Er setzte sich in den bequemen Chefsessel und drehte gedankenverloren hin und her. Der Stuhl war so bequem, dass er einnickte. Ein Traum schlich sich in seinen Schlaf. Er stand auf dem Wachturm und schaute über die Mauer. Es dämmerte schon, aber die Außenbeleuchtung war hell genug um alles auszuleuchten. Er sah Schatten sich bewegen. Undeutlich aber menschlich. Sie blickten hinauf zu ihm. Ihre Augen leuchteten gelblich. Hank zitterte. Vor ihm erschien ganz plötzlich ein Gesicht – unvorstellbar verzerrt und entstellt. Die Augen angstvoll aufgerissen und gelb leuchtend.  Er erschrak und wich zurück. Je weiter er zurück wich umso genauer konnte er die Geschallt erkennen. Seine Augen weiteten sich vor Schrecken und Erkennen. Vor ihm stand ein Bekannter. Vor ihm stand er selbst und er zeigte mit dem knochigen Finger auf ihn.

Hank schreckte auf und wäre fast vom Stuhl gefallen. War das eine Warnung, so wie Art ihm das erklärt hatte? Schnell stand er auf um den Raum zu verlassen. Sein Ziel war die Chronik. Er wollte sehen was andere berichteten.

Er rannte den Gang entlang, das Licht flackerte und warf grauenhafte Schatten an die Wand. Hank sah Gestalten mit langen knorrigen Fingern, die nach ihm griffen. Er war schweißgebadet, als er endlich im unteren Stockwerk Art in die Arme lief. „Hei, Alter. Du siehst aus als wärst du dem Leibhaftigen persönlich begegnet. Alles klar?“

„Ja  – so in etwa. Ich habe wieder geträumt und Schatten verfolgten mich. Ich glaube wir sind hier in der Vorhölle.“ Hank sah hektisch über seine Schulter zurück. Es folgte ihm niemand. „Bring mich zur Chronik. Ich will bisschen lesen.“ „Gut. Folge mir.“

Sie standen vor der Wand und Hank betrachtete die Sätze. Sie berichteten von Träumen, ähnlich den seinen. Von den Geräuschen und Theorien. Alles was Art ihm schon berichtete. „Komm, lass uns zum Abendessen gehen. Barny macht Steak und Pommes. Ich liebe Pommes.“ Er zog Hank mit sich, der sich widerspruchslos fügte. Nach dem Essen saßen sie vor dem Fernsehen und  ließen sich von einer billigen Telenovela berieseln.

Am nächsten Tag beschloss Hank sich genauer am Tor umzuschauen. Die Nacht hatte wieder grauenhafte Träume hervorgerufen. Er musste raus hier. Das Wetter war schlecht und die wenigsten kamen heraus. Nur ein paar liefen ihre Runden und achteten nicht auf ihn. Er inspizierte das Schloss. Es war niedrigste Sicherheitsstufe. Er konnte es nicht glauben, dass hier so wenig auf die Ausbuchsicherheit geachtet wurde.

In dem Moment öffnete sich das Tor. Er blicke irritiert. Dann sah er den Bus, Frischfleisch. Sie schienen so sicher, dass keiner abhaute, dass null Sicherheitsvorkehrungen getätigt wurden. Ein Fingerzeig des Schicksals, dachte Hank. Und nutzte das sich öffnende Tor um raus zu huschen. Er verbarg sich im Nebel und bückte sich hinter den Büschen. Jetzt musste er nur noch warten. Warten konnte er.

Kapitel 8

Während er wartete, döste er etwas ein. Er erwachte von dem Motoren Geräusch des sich entfernenden Transporters. Jetzt konnte er auch endlich fliehen. In Freiheit. Vielleicht würde er sogar ein neues Leben starten können. Ehrlich werden, eine Familie gründen und ein guter Vater werden. Vielleicht konnte er das.

Der letzte Gedanke war sein neues Leben, das er beginnen wollte. Sein letzter Blick zurück galt den Gemäuern hinter ihm und Gesichter hinter den Fenstern. Mick und neben ihm stand traurig blickend, Art. Eine Hand zum Abschied erhoben lösten sie sich auf. Das Gefängnis zerfiel vor seinen Augen. Nur noch ein Gerippe aus Mauerwerk. Das Letzte was er las, ein Ausschnitt aus der Chronik an der Aussenmauer.

„Die Befreiten Geister sind sicher hinter diesen Mauern. Die verfluchten Geister jagen vor den Mauern der vergangenen Sicherheit hinter her. Auf ewig sind beide Seiten Gefangen, ob ihrer Taten. Du, der du das liest – hast dich für die falsche Seite entschieden.“

Hanks Gestalt begann sich aufzulösen. Er wurde zu einem Schatten mit gelben Augen. Keiner wird jemals seinem Gefängnis entkommen. Ein neuer Eintrag auf der Chronik im Waschraum erzählt von dieser Geschichte. Für Nachfolgende, die vor der Entscheidung stehen – Sicherheit aber Verdammt im Inneren – oder Ewiger Jäger und Verdammt im Äußeren.

ENDE

Die Inspiration stammt von Jette. Vielen Dank

 

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8 thoughts on “Schreib mit mir Teil 5 – Trügerische Freiheit – Das Grauen lauert im Nebel Teil 2 von 2”

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