Schreibkicks

Schreibkicks – Monster

Jeden ersten des Monats gibt zuckt es in den Gehirnwendungen und eine Geschichte für Schreibkicks wird ausgespuckt. Jedes Mal wieder erstaunt mich was ich dabei schreibe.

Das Thema für den 1.7.18 ist Monster

Veronika
Eva
Sabi

Das Thema für den 1.8.18 lautet:


Monster

Peggy lag in ihrem Bett.  In ihrem Zimmer war es dunkel. Sie hasste es, wenn es dunkel war. Sie wohnten an einer stark befahrenen Straße. Das war auch der Grund, warum ihre Mutter ihr nie erlaubte draußen zu spielen. „Es ist zu gefährlich. Du brauchst nur zu stolpern und fällst auf die Straße. Dann kommt ein Auto und überfährt dich. Und auf den Ärger habe ich keine Lust.“ Peggy zog sich dann immer mit ihrem Lieblingshasen in ihr Zimmer zurück. Sie hatte keine Freunde. Sie war immer das Bastardkind und keiner wollte mit ihr spielen. Aber es war egal. Sie hatte ihren Hasen.

Vor etwa einer Stunde hatte ihre Mutter die Wohnung verlassen. Und sie hatte vergessen, das Nachtlicht anzumachen. Aber Peggy hatte Angst. Sie wollte nicht aufstehen, um es in die Steckdose zu stecken. Ihre Mutter war oft unaufmerksam. Ihr Vater hatte sie verlassen, als sie noch ein Baby war. Ein Loser sei er, sagte ihre Mutter. Peggy wusste nicht was es bedeutet. Aber ihre Mutter war immer sehr aufgeregt, wenn sie nach ihm fragte. Peggy hatte deswegen aufgehört zu fragen.

Da Peggy keinen Vater hatte, war sie oft alleine zu Hause. Ihre Mutter hatte zwei – manchmal drei Arbeitsstellen. Also sah sie sie nicht so oft. Und wenn, war sie immer müde und genervt. Peggy wusste, dass sie sich dann besser in ihr Zimmer zurückzog. Manchmal, wenn ihre Mutter sehr müde und etwas betrunken war, wurde sie böse. Dann schimpfte sie und schubste Peggy. „Du bist schuld an meiner Situation. Wegen dir konnte ich nie die Uni besuchen und dein verdammter Vater hat sich schön verdrückt und mir dich zurück gelassen. Hätte ich dich doch besser abgetrieben.“ Dabei trank sie immer direkt aus der Weinflasche. Peggy wusste nicht was Abtreibung bedeutete –sie war erst fünf. Aber sie merkte, dass es nichts Gutes bedeutete.

Manchmal kam ihre Mutter mit Freunden nach Hause. Die waren immer laut und sie hatte wirklich Angst vor diesen Männern. Sie wirkten immer bedrohlich. Ihre Mutter schubste sie dann immer unsanft in ihr Zimmer und schloss die Tür ab. Da vergaß sie immer das Nachtlicht. Peggy stürzte sich immer schnell auf ihr Bett, denn sie wusste –unter ihrem Bett lebte ein Monster. Sie hatte es noch nie gesehen, aber oft gespürt. Denn immer wenn es absolut dunkel war, kam es hervor und schnüffelte. Peggy hatte sich immer die Decke über den Kopf gezogen und versuchte nicht zu atmen. Sie konnte natürlich nicht lange die Luft anhalten – dann versuchte sie immer ganz leise zu atmen. Die Lichtkegel der Autos, die an ihrem Haus vorbei fuhren, tauchten das Zimmer immer in eine gruselige Atmosphäre. Alle Gegenstände scheinen sich zu bewegen und zu atmen. Die Puppen hatten glühend rote Augen und teuflisches Grinsen auf den Lippen.

Heute war wieder so eine Nacht. Ihre Mutter war wütend und betrunken aus dem Haus gestürmt und hatte Peggy sich selbst überlassen. Da sie das gewohnt war, war das auch kein Problem. Sie wusste was wichtig war. Sie konnte die Notrufnummer wählen. Den Herd bedienen und den Toaster nutzen. Sie machte richtig gute Käsesandwiches. Wenn sie nachts alleine war, machte sie immer zwei Sandwiches. Sie hoffte mit dem Zweiten, das Monster unter ihrem Bett zu besänftigen.

Heute – zehn Jahre später hatte sich ihre Situation nicht verändert. Sie lebte immer noch bei ihrer Mutter, nur war die Stimmung ihrer Mutter von Jahr zu Jahr, von Falte zu Falte schlimmer geworden. Waren damals die Männer noch gruselig, aber nicht gefährlich, wirkten sie jetzt immer heruntergekommener und lüsterner. Nicht selten musste sie sich schlüpfrige Kommentare von den ekligen Männern anhören. Sie rannte immer schnell in ihr Zimmer und verschloss selbst die Tür. Das Nachtlicht brauchte sie nicht mehr. In den zehn Jahren hatte sie vertrauen in ihr Monster entwickelt. Es war wie ein unsichtbarer Freund. Sie erzählte ihm oft, ohne dass sie es je gesehen hätte, von ihrem Leben, oder was sie erlebt hatte. Von ihren Träumen und Zielen. Ganz besonders schlimme Tage erzählte sie ihm auch – und manchmal meinte sie ein Schluchzen zu hören. Aber nie hatte sie sich getraut im Dunkeln unter ihr Bett zu schauen. Das war fast wie ein geheimer Pakt.

Dann kam der erste Kontakt. Peggy lag in ihrem  Bett. Die Scheinwerfer der Autos zauberten verschiedene Lichter an die Decke. Sie hörte ihre Mutter lachend die Wohnungstür öffnen und Larry im Schlepptau. Larry war schon oft hier gewesen. Er war besonders eklig. Immer meinte er, dass er irgendwann mal Peggy beglücken wollte. Irgendwann. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken entlang. Sie drückte ihre Augen zu und flüsterte leise ihrem Freund unter dem Bett zu.

Ihre Tür öffnete sich. Sie hielt die Luft an. Die Tür, sie hatte vergessen sie zu verschließen. Sie zog die Decke über ihren Kopf. So wie sie es als kleines Mädchen schon getan hatte um sich vor dem Monster zu verstecken. Wieder war ein Monster in ihrem Zimmer. Aber dieses Mal nicht unter ihrem Bett. Dieses Monster stank furchtbar nach Schweiß, Zigaretten und Alkohol. Er atmete schwer und sein Atem röchelte. „Peeeeggy! Meine Süße kleiner Kirsche. Es wird Zeit dich zu pflücken. Larry will dir was Schönes zeigen. Komm schon Kleine, zier dich nicht. Du weißt doch um was es geht. Ich will nur bisschen Spaß mit dir haben. Es wird auch nicht wehtun. Naja. Mir jeden Falls nicht. Ich kann natürlich nicht versprechen, dass es dir nicht weh tut.“ Raunte er in den Raum.

Peggy zitterte. Sie hatte es geahnt, irgendwann würde so was passieren. Aber sie hatte gehofft, dass ihre Mutter sie schützen würde. Sie hätte es besser wissen müssen. Die Frau, die sie geboren hatte, die sie immer für ihr verkorkstes Leben verantwortlich gemacht hatte, würde sie nicht schützen. Sie merkte wie Larry seine Hand unter die Decke schob. Er erreichte ihre nackten Beine und schob seine Hand langsam weiter hoch, Richtung Schoss. Peggy versteifte sich und kniff die Augen zu. Seine Hand wanderte weiter. Als er am Ziel ankam, sprang sie aus dem Bett und schrie. Sie schrie so laut, dass ihre Mutter erschien. Sie erfasste die Situation und sagte: „Peggy. Halt die Klappe, die Nachbarn werden sich noch beschweren. Jetzt stell dich nicht so an. Larry ist nicht der schlechteste, den du für dein erstes Mal haben könntest. Außerdem wird er gut dafür bezahlen. Also leg dich hin und lass ihn einfach dran. Es wird Zeit, dass du deine Schulden bei  mir endlich bezahlst. Schließlich bist du selbst schuld an diesem  Zustand. Wärst du nicht, hätte ich ein besseres Leben und du müsstest jetzt nicht dafür zahlen.

Ungläubig schaute sie ihre Mutter an. Natürlich. Für Geld machte ihre Mutter alles. Sogar die Jungfräulichkeit ihrer Tochter verkaufen. „Larry, komm mach schon. Schnapp sie und leg sie aufs Bett. Sie wird schon mitmachen. Sonst hole ich bisschen Wein um sie gefügig zu machen. Dann wird sie auch entspannter sein.“ Larry lachte und Peggy schrie. In dem Moment bebte ihr Zimmer. Sie dachte es wäre ihre Angst, die das Zimmer beben lies. Larry blieb stehen und blickte sich verunsichert zu ihrer Mutter um. „Ein Erdbeben?“  „Was? Hier gibt es kein Erdbeben, das sind der Alkohol und deine Geilheit. Kannst es kaum abwarten eine Jungfrau zu nehmen.“ Schmutzig lachte ihre Mutter. Fast sah es aus, als würden ihre Augen rot leuchten. Jetzt sah Peggy, die wahren Monster in ihrem Leben.

Plötzlich flog ihr Bett auf die Seite. Das erste Mal in ihrem Leben sah sie ihr Monster unter dem Bett. Es war groß und sein Fell war dunkelbraun, fast schwarz. Seine Augen leuchteten und seine Zähne waren spitz und groß. Peggy war gebannt. Sie hatte keine Angst. Sie wusste, dass das Monster nicht ihr was tun würde. Larry robbte zurück und eine Pfütze bildete sich um ihn. Ihre Mutter schrie. Nicht lange.  Das Monster sprang auf sie zu. Es wuchs und  mit einem Happs hatte es ihre Mutter verschluckt. Schlagartig war es ruhig. Langsam drehte es sich um und blickte auf Larry. Dieser wollte gerade anfangen zu schreien, als ihm dasselbe Schicksal ereilte. Schneller als Peggy es erfassen konnte hatte das Monster Larry verschluckt. Es leckte mit der Zunge über die dicken fleischigen Lippen und rülpste herzhaft. Dann stellte er ihr Bett wieder auf seinen Platz und wollte sich gerade wieder drunter verstecken, als Peggy auf ihn zulief um ihn zu umarmen. Das Monster stutze. War er doch nur ein Monster und alle hatten Angst vor ihm. Aber Peggy nicht. Er setzte sich aufs Bett und nahm Peggy auf seinen Schoss. Dann wiegte er sie wie ein kleines Kind bis ihre Tränen versiegten und sie einschlief.

Das Monster unter ihrem Bett hatte sie vor den wahren Monstern gerettet. Seit diesem Tag schlief es nie wieder unter ihrem Bett und Peggy hatte nie wieder  Angst.

Ende

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14 Gedanken zu „Schreibkicks – Monster“

  1. Liebe Rina,
    das ist ein interessantes Psychogramm, welches von Mutter und Tochter gezeichnet wird. Die Hilfe des Monsters ist gleichzeitig ein Schritt im Inneren: „Ich bin sicher. Ich kann mich verteidigen.“ Somit kann man das Monster auch als in Peggy inharänt sehen.
    Viele Grüße
    Sebastian

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  2. Huhu,

    also diese Geschichte fand ich heftiger als die mit den Zombies. Was ist das denn bitte für eine Mutter? Die Frau ging ja mal gar nicht. Ich frag mich warum Peggy in all der Zeit nicht abgehauen ist. Aber das Monster war ja da. Das war gut.

    LG Corly

    Gefällt 1 Person

    1. Ja – eine heftige Story, weil sie in der Realität passieren kann – bis auf das Monster Zombies sind halt Fiktion – deswegen oft nicht so schlimm. – Zum glück hat das Monster ihr beigestanden. Da sieht man aber wieder wer die wahren Monster sind…..:-)

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      1. ja stimmt wohl. Ich find es auch allein wegen der Thematik heftig. Besonders, wenn es um Kinder geht. Auch wenn sie da schon erwachsen ist. Vielleicht ist es dann aber sogar noch schlimmer in ihrer Situation. Stimmt. Das Thema wahre Monster hatten wir ja erst.

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