Schreibkicks

Schreibkicks – Verwunschene Dörfer

Im Moment bin ich wirklich sehr romantisch – gut auch oft gruselig-brutal – aber diese romantische Ader ist etwas erstaunlich. Bin ja eigentlich nicht so die Romantikerin. Hier habe ich wieder eine längere Geschichte. Ich hoffe es ist nicht zu lange.

Das Thema für den 1.11.18 lautete Herbstmomente

Mit dabei waren dieses Mal:


Ich hab mir hier bisschen künstlerische Freiheit gegönnt. Eigentlich wird die Zeit auf den Februar festgelegt – ich finde es passt besser in den Herbst.


Ich bin Parapsychologin. Ein belächelter Studienzweig und auch nicht so einfach einen Platz darin zu bekommen. Die Einschreibeliste ist ellenlang. Also man muss schon wirklich Glück haben. Ich hatte es und mein Mentor – Professor Pan – ja ich weiß wie sich das anhört. Vielleicht ist er es. Mich würde es nicht wundern. Er ist auf jeden Fall eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Ungeschlagen –vielleicht sind noch in den USA vergleichbar gute Wissenschaftler da – aber hier in Deutschland – Professor Pan. Ich erforsche also ganz wild übersinnliche Phänomene. Wobei sich herausstellt, dass die meisten Einbildungen oder Humbug sind – oder sogar Betrügereien. Wobei die Betrügereien mittlerweile wirklich abgenommen haben, da die Menschen zu skeptisch diesen Phänomenen gegenüber geworden sind. Keiner glaubt mehr so richtig an das Übersinnliche.

Ich schon – deswegen habe ich ja auch Parapsychologie studiert. Ich stehe jetzt vor meiner Doktorarbeit. Und ich will das Phänomen Brigadoon erkunden. Die Hundert Jahre sind fast vorbei. Es wird also Zeit nach Schottland zu fahren und mehr darüber heraus zu finden.  Parallel dazu will ich die Legende von Germelshausen stellen. Freude gegenüber dem Bösen.

Laut der schottischen Legende ist Brigadoon ein Dorf in den Highlands. Es ist unsichtbar und taucht alle hundert Jahre für einen Tag auf. Das ist ein Tag der Freude und des Festes. Man kann es dann besuchen und wenn man die wahre Liebe findet auch dort verweilen. Nur darf nie einer der Bewohner das Dorf verlassen – ansonsten ist der Zauber gebrochen und das Dorf verschwindet für immer im Nebel. Ach wie romantisch.

Während Germelshausen als Ort des Bösen bekannt wurde. Es soll bei Dillstedt liegen. Auch dieses verwünschte Dorf erscheint einen Tag alle hundert Jahre. Eine Glocke soll den Weg weißen. Wenn man in der Nähe sei, sollen die Glocken einen in seinen Bann ziehen und in das Dorf locken. Betritt man das Dorf wurde man nie wieder gesehen. Böse Mächte sollen hier ihr Unding treiben. Allerdings gibt es eine Sage, dass hier die Liebe einen jungen Mann gerettet hat.

Ich wollte einfach die beiden Phänomene nebeneinander stellen und vergleichen. Brigadoon – das freundliche und friedliche Dorf, das Liebende betreten können und Germelshausen, das Unbedarfte in seine dunklen Fänge lockt. Bei beiden wird getanzt und gesungen und gefeiert.

Ich hatte gelesen, dass Brigadoon eher im Frühling und Germelshausen eher die düsteren Herbstmomente nutzt und da auftaucht. Noch war ich mir nicht bewusst, wie ich das gestalten würde. Aber die Highlands wollte ich schon immer mal sehen.

In wenigen Wochen würde ich also Brigadoon suchen. Ich war sehr aufgeregt.

Endlich war es soweit. Ich stand in den Highlands – hier sollte Brigadoon auftauchen. Ich hatte mich vorbereitet. Ein Zelt und genügend Vorräte sollten mir die Wartezeit verkürzen. Ich ging meine Unterlagen durch und wartete. Eine Woche später merkte ich eine Veränderung. Ich erhob mich und blickte durch die Gegend. Dort hinten – da schimmerte etwas. Ich hielt den Atem an. Eine Brücke erschien im Nebel. Ich konnte es nicht glauben. Musik drang an mein Ohr. Schnell rannte ich auf die Brücke zu. Brigadoon. Es gab es wirklich. Ich sprintete über die Brücke, als ich abrupt zum Stehen kam. Ich war nämlich genau in die Arme eines jungen Mannes gestürmt, der mich auch prompt auffing und einmal herum wirbelte. „Hallo. Das ist aber mal eine stürmische Begegnung. Wohin so schnell?“ „Oh, Entschuldigung. Ich war nur so außer Häuschen, dass Brigadoon auftaucht. Das es Brigadoon überhaupt gibt.“ „Warum soll es uns nicht geben? Es gibt uns schon sehr, sehr, sehr lange.“ „Ja aber ihr erscheint nur alle hundert Jahre.“ „Ach dieses Ammenmärchen. Das haben wir schon öfter gehört, aber wir sind doch immer da.“ „Vielleicht – aber nicht für uns Außenstehenden Sichtbar.“ Er blickte mich verständnislos an. „Ach, egal. Darf ich kommen?“ „Klar, warum nicht. Wir fangen gerade mit unserer Party an. Komm ich bringe dich zu unserem Dorfältesten, unser Oberhaupt.“

Ich war so aufgeregt, dass ich wie ein kleines Mädchen hinter ihm hersprang. Das Dorf war so malerisch. Alles wirkte so alt und hübsch. Auch der Mann, dem ich folgte. Seine Kleidung war so altmodisch. Es war einfach klasse hier. „Wie heißt du?“ Fragte ich ihn. „Arnold.“ Welch ein seltsamer Zufall. Arnold hieß auch der gerettete junge Mann aus Germelshausen. Sollte da eine Verbindung bestehen? Oder war es einfach Zufall. Gab es in der Parapsychologie überhaupt Zufälle? „Wie heißt du?“ fragte er mich. Gertrud – ja – ich weiß Zufälle und so. Vielleicht – vielleicht.

Er blieb vor einem Haus stehen und klopfte. „Herein.“ „Magnus? Wir haben einen Gast.“ Er drehte sich schnell um. „Wir hatten schon lange keinen Gast mehr. Herein, herein. Willkommen.“ „Gertrud.“ „Ah – Deutsche. Schön, dass du da bist. Setz dich.“ Ich drehte mich zu einem Stuhl um und setzte mich. „Was führt sie hier her?“ „Sie wissen doch bestimmt warum ich da bin?“ „Ich kann es mir denken. Welches Jahr haben wir? Ich hab den Überblick verloren.“ „“2018“ „Ach, was ist die Zeit doch vergangen. Ja – sie sind wegen der Legende da. Natürlich. Vor hundert Jahren war das noch ein Zufall, dass wir entdeckt wurden – aber heute kann ich mir vorstellen, dass sich viel modernisiert hat. Wollen sie mir von ihrer Welt erzählen, dann erzähle ich von meiner.“ „Ok.“ Ich fing an ihm zu umreißen was die letzten hundert Jahre so passiert war und modernisiert wurde. Er staunte und gab oft Geräusche des Erstaunens von sich. Arnold sah aus wie ein Fragezeichen. „Das ist erstaunlich. Gut, jetzt bin ich dran. Ich bin etwa 500 Jahre hier.“ Ich staunte. „Sie sind nicht hier geboren?“ „Nein. Ich bin der Liebe wegen geblieben. Meine Frau ist in der Kirche um das Fest vorzubereiten. Wir treffen sie später. Wie sie ja wissen waren wir verflucht und Gott hat uns gerettet – aber mit der Auflage einmal alle 100 Jahre zu erscheinen und unverändert zu bleiben.“ „Ja, so besagt es auch meine Unterlagen, die ich gefunden habe.“ „Immer wieder kommt jemand mal zu uns. Manche bleiben, aber nur aus Liebe – andere Gründe duldet das Dorf nicht – oder sie gehen und tragen diese Legende aus.“ Wir unterhielten uns noch einige Zeit. „Jetzt wird es aber Zeit zum Dorfplatz zu gehen. Sie bleiben doch noch bisschen?“ „Ja natürlich. Ich kann es nicht abwarten den Rest zu sehen.“ Arnold nahm mich bei der Hand. Leichtes kribbeln machte sich breit. Er war wirklich ein gut aussehender Mann. Wir tanzten die ganze Nacht. Und ich verlor mein Herz. Etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht kam Magnus zu mir. „Gertrud – es wird Zeit sich zu entscheiden. Gehen oder bleiben?“ Ich schaute nach Arnold. Ich hatte mich verliebt – aber reichte es aus für immer und ewig hier zu bleiben? Meine ganze Zukunft und Forschung über Bord zu werfen? „Wie soll ich mich entscheiden? Ich mag Arnold – aber ich will auch nicht meine Zukunft weg werfen.“ „Du zweifelst – zweifeln darfst du nicht. Komm, ich bringe dich an die Stadtgrenze. Dort wird dir die Entscheidung einfacher fallen. Du musst sie ganz alleine treffen.“ Dann stand ich an der Grenze. Es war nur noch wenige Minuten bis Mitternacht. In der Mitte der Brücke blieb ich stehen. Ich blickte mich um. Arnold stand dort. Ich war hin und her gerissen. Liebe oder Arbeit. Ich blickte mein Notizbuch an und ging langsam rückwärts die Brücke hinunter in meine Welt. Dann schlug die Uhr. Beim letzten Schlag hatte ich mich entschieden und die Brücke verlassen. Mein Arnold blickte traurig und verschwand im Nebel.

In diesem Moment wusste ich, es war die falsche Entscheidung. Mein Herz brach. Ich brach.

Monate später – ich hatte mich in die Arbeit vertieft um mich abzulenken. Der Herbst stand vor der Tür. Ich wollte alles aufgeben – aber ich hatte viel geopfert für diese Arbeit. Also packte ich wieder mein Zelt und machte mich auf den Weg nach Thüringen. Der Wald hatte schon sein herbstliches Gewand angelegt und die Stimmung die das goldene Licht warf, beruhigte mich. Ich kam noch nicht mal dazu mein Zelt aufzubauen, da hörte ich die Glocken. Verstimmt und unmelodisch lockten sie mich in ihren Bann. Ich ging wie aufgezogen. Dann lichtete sich der Wald – Germelshausen. Ich übertrat die Schwelle und wurde sofort eingefangen von einer Gruppe Jugendlicher. „Hallo schöne Maid. Ihr seid hübsch, wenn auch seltsam gekleidet.“ Ich war seltsam gekleidet? Die Trachten, die getragen wurden kannte ich noch nicht mal. So alt mussten sie sein. „Kommt, kommt. Ihr seid heute genau richtig angekommen. Heut wird gefeiert – bis wir wieder bereit dazu sind. Kommt zu unserem Schulzen. Er wird euch empfangen wollen.“ Ich ließ mich von ihnen mitziehen. Mein erster Eindruck von diesem Dorf war ernüchternd. Es wirkte verfallen und düster. Die Scheiben waren Blind und die Häuser verfallen. Die Menschen auf der Straße grüßten nicht und guckten mich noch nicht mal an. Ein dunkler Nebel verschluckte die Straße. Ich betrat das Haus des Schulzes. Er war nicht so erfreut mich zu sehen. Aber er hieß mich willkommen. „Kommt junge Frau. Esst, trinkt und feiert mit uns später. Es gibt eine Feier zu ehren diesen Tages. Bis wir wieder feiern können, dauert es einige Zeit.“ „Ja ich weiß – hundert Jahre.“ Er blickte mich erstaunt an und dann böse. „Ihr wisst über dieses Dorf bescheid?“ „Ja. Aber es gibt nicht viel Überliefertes. Deswegen bin ich hier. Ich will mehr erfahren.“ „Es gibt nichts zu berichten. Meine Tochter wird sich um euch kümmern. Tut uns den Gefallen und feiert mit uns.“ „Gut, das will ich tun.“ Die Tür öffnete sich und ein hübsches Mädchen in grauen Kleidern erschien. „Kommt mit mir, ich will euch vorbereiten.“ Mich vorbereiten? Das klang bedrohlich. Ich hatte schon Geschichten gehört. Menschen, die dieses Dorf betraten, sollen nie wieder gesehen worden sein. Mir wurde etwas mulmig zu mute. Hatte ich mich hier übernommen und würde hier meinem Schicksal begegnen. Ich dachte an Arnold und mein Herz schmerzte. Eine kleine Träne stahl sich aus meinem Augenwinkel. „Warum weint ihr?“ Fragte mich das Mädchen. „Wie ist dein Name?“ „Annalena“ sagte sie schüchtern. Ich berichtete ihr von Brigadoon und Arnold. „Ihr liebt diesen Mann?“ „Ja – ich liebe ihn und habe mich falsch entschieden. Wenn ich nur die Chance hätte – aber ich werde keine hundert Jahre leben und wenn wäre ich eine alte Frau.“ Sie blickte mich traurig an. „Kommt lasst uns feiern gehen.“ Ich folgte ihr. Wir tanzten und tanzten – ich kam mir vor wie in Trance. Und ich wurde trauriger und trauriger. Die Leute hier waren kalt und abweisend. Sie sangen, tanzten, lachten – aber es wirkte aufgesetzt. Dann spürte ich eine kleine Hand, die sich in meine Schob. „Kommt mit mir.“ Sagte Annalena „Aber seid vorsichtig, dass uns keiner sieht.“ Ich folgte ihr unauffällig. Sie brachte mich an die Dorfgrenze. „Geht. Wenn ihr jetzt nicht geht, könnt ihr nie wieder von hier fort. Und hier ist es nicht schön. Eure Seele wird hier gequält und festgehalten. Wo ihr doch einen Ort habt in der ihr Glücklich werden könnt. Geht nach Brigadoon und betet. Betet, betet, betet. Vielleicht erhört euch jemand und ihr werdet eine Überraschung erleben. Lebt wohl, liebe Gertrud, vergesst mich nicht – hier in dem verfluchten Dorf, aus dem nie einer wieder entkommen kann.“ Und schon verdichtete sich der Nebel. Sie war verschwunden. Im Hintergrund konnte ich die letzten Schläge der verstimmten Glocke hören und schon war das Dorf weg.

Schnell rannte ich zurück zum Auto. Ich packte alles hinein und fuhr Richtung Schottland.

Und hier stehe ich jetzt. Meine Notizen habe ich fertig – ich lasse sie im Auto – für euch. Ich stehe an dem Flecken, den ich damals sah. Ich bete und bete und bete. Ich gebe nicht auf. Ich entschuldige mich und warte. Nichts geschieht. Aber ich will nicht aufgeben. Ich bete. Und auf einmal erscheint eine Brücke. Magnus steht drauf. „Gertrud. Komm schnell. Die Zeit ist knapp. Dieses Wunder geschieht nur sehr, sehr selten. Dein Gefühl muss wirklich sehr tief und innig sein. Komm, komm. Sei Willkommen bei uns. Du musst besonders sein.“ Ich rannte und warf mich in seine Arme. „Ach Magnus – ich war so betrübt über meine Entscheidung.“ Dann sah ich ihn. Er stand am anderen Ende der Brücke. Ich löste mich von Magnus und rannte schleunigst in seine Arme. Meinen Seelenverwandten. Auch hier war jetzt Herbst und das goldene Herbstlicht tauchte mich und Arnold in einen heiligen Schimmer. Wir waren vereint. Nie wieder würden wir uns trennen, für alle Ewigkeiten. Das war ein ganz besonderer Herbstmoment, den ich wirklich jedem wünsche.

Ende.

Quellen

(https://www.glenlaurel.com/about-us/blog/the-legend-of-brigadoon)

(http://www.ancientpages.com/2016/11/02/legend-of-brigadoon-mythical-village-where-time-stands-still/)

http://gutenberg.spiegel.de/buch/germelshausen-5680/1

https://de.wikisource.org/wiki/Th%C3%BCringer_Sagenbuch._Erster_Band/Das_verw%C3%BCnschte_Dorf

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17 Gedanken zu „Schreibkicks – Verwunschene Dörfer“

  1. Huhu,

    auch diese Geschichte hab ich durch. Auch die hat mir gut gefallen. Das war ja genau was für mich. Diese Dörfer fand ich sehr interessant. Stelle ich mir interessant vor. Das hatte schon was. Und es war so magisch.

    LG Corly

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