Projekt TXT*

Projekt TXT – Das zwölfte Wort – Weihnachten 6 von 8

Weiter geht es mit meiner Geschichte

Hoffen auf ein Weihnachtswunder

Hier findet ihr den Anfang

und HIER die einzelnen Beiträge

  1. Kapitel

Was bisher geschah: Matthew wurde unruhig. Er wollte endlich aufbrechen um seine Familie zu suchen. Er hatte eine gute Zeit bei Carl verbracht, aber diese Unruhe liess ihn nicht locker. Mina und Nadja waren in ein Camp gekommen, in dem Frauen als Gegenstand verwendet wurden. Sie waren nur nützlich wenn sie schwanger würden. Aber dies klappte bei Mina nicht. Sie wurde immer und immer wieder misshandelt. Bis Angela endlich eine Lösung hatte, sie zu befreien.

Irgendwie musste er sich Einlass zu diesem Camp verschaffen. Dank Carl sah er wieder gut und kräftig aus. Vielleicht suchten sie noch Männer, die anpackten. Er straffte sich. Er würde Nadja und Mina finden. Vor dem Eingang wurde er gleich aufgehalten. „Hei, hei du. Bleib stehen. Was willst du hier? Betteln verboten, verschwinde.“ Kam die unfreundliche Aufforderung. „Ich suche Arbeit. Ich will nicht betteln. Ich bin kräftig und hab kein Problem unangenehme Aufgaben zu erledigen.“ Der Redner blickte sich um. „Manni. Hier will einer Arbeit.“ Aus einem Bretterverschlag kam ein ungepflegter, hagerer Kerl, der schon lange kein Wasser mehr an sich heran gelassen hatte. Es fehlte nur noch einen Kranz aus Fliegen um seinen Kopf schwirren zu sehen. Seine Ausdünstungen waren wirklich widerlich. Matthew zog die Augenbrauen nach oben und verzog das Gesicht. „Iss was?“ Fragte der ungepflegte. „Ne. Ich such Arbeit. Egal was.“ „Ich sag Andreas Bescheid, er wird wissen, ob Walt noch jemand braucht.“ “Warte hier.“ Matthew nickte und war froh, dass der Stinker sich verdünnisierte.

Kurze Zeit später tauchte er wieder auf und hatte einen anderen Mann, der nicht weniger unappetitlich aussah, bei sich. „Was kannst du?“ „Alles was nötig ist.“ Misstrauisch blickte Andreas ihn an. „Ich weiß nicht. Walt ist nicht da. Eigentlich brauchen wir keinen.“ „Hey. Ich wisch auch das Scheisshaus. Ist mir egal. Für einen Teller Suppe, mach ich alles. Komm schon. Lass einen Bruder nicht hier so stehen.“ „Bruder? Na das werden wir dann wohl noch sehen. Okay, komm rein. Ich zeig dir die Kantine und das Scheisshaus. Das kann wirklich mal eine Säuberung brauchen. Stinkt übel da.“ Und ein dreckiges Lachen begleitete die beiden Männer auf ihrem Weg.

***

Angela hatte Matthew überzeugt, dass Nadja deportiert werden sollte. Der Tag rückte näher und Nadja schrie wie aufgespießt. Sie war durch das ganze Camp zu hören. Mina zerriss es das Herz. Sie ließen sie nicht zu ihr. Das würde den Schmerz noch verstärken, sagten sie. So würde sie besser abnabeln können. Sie hielt sich die Ohren zu und wippte vor und zurück. Wie sollte sie diesen Schmerz in der Stimme ihrer Tochter jemals vergessen. Sie hasste sich dafür, ihr das anzutun. Aber die Alternative war wesentlich schlimmer. Dann war es ruhig. Sie waren weg. Angela kam zu ihr und schloss sie in ihre Arme. „Das wird schon. Der Schmerz vergeht. Vielleicht wirst du jetzt Schwanger. Wenn ein Kind weg ist, sorgt die Natur für nachfolge.“ Die anderen Frauen blickten teilnahmslos zu ihnen. Sie hatten selbst schon so viel Kinder weggegeben, für sie war es nichts Außergewöhnliches und sie verstanden nicht, was Muttergefühle waren. Sie hatten sie nie erleben dürfen.

Mina weinte und biss sich in die Hand um sich zu beruhigen. Es war noch nicht die Zeit. Sie musste sich noch gedulden. Die Tür öffnete sich und Andreas stand in der Tür. Sie blickte durch die mit Tränenverschleierten Augen. Dann erhob sie sich um ihrer Tätigkeit nachzugehen. Es war nichts Außergewöhnliches mehr. Der Schmerz wurde einfach ausgeblendet. Sie wusste, dass die Nacht lange werden würde. Sie war nicht mehr nur Andreas zugeteilt. Da sie unnütz war, war sie einfach zur Entspannung da.

***

Nadja verstand nicht was passierte. Sie wurde gewaltsam von ihrer Mutter weggehalten. Sie versuchte sich zu wehren, aber die Männer waren natürlich viel zu stark. Sie konnte zwar paar kräftige Tritte austeilen und hörte mit Genugtuung dass so mancher stöhnte. Einer wollte gerade ausholen und zuschlagen, als ein anderer seine Hand in der Bewegung aufhielt. „Du wirst sie töten. Einen Schlag von dir wird sie nicht aushalten. Halt dich zurück. Bist du ein Mann, oder eine Memme? So kleine Tritte von einem kleinen Mädchen. Also so was.“ Der angesprochene funkelte Nadja wütend an und trug sie unter seinem Arm einfach nach draußen. Dort warf er sie in einen Transporter und schloss die Tür. Sie sprang auf und rannte an die Tür um mit ihren kleinen Fäustchen, ohne Erfolgschancen dagegen zu trommeln. Ihre Stimme war schon rau vom Schreien. Es kam nur noch ein Wimmern. Sie kauerte sich in die Ecke und schluchzte. Wo war ihre Mami? Wo war der Weihnachtsmann? Seine Zeit war noch nicht gekommen. Er konnte ihr nicht helfen. Auch Mami konnte ihr nicht helfen. Sie war zwar klein, aber sie hatte genug mitbekommen. Sie wusste dass ihre Mutter misshandelt wurde. Sie verstand nicht alles. Aber ihre Schmerzen konnte sie in den Augen und Bewegungen erkennen.

Das Auto stoppte. Die Tür öffnete sich und ein Schwall hellen Lichts drang in das Auto. Nadja musste ihre Augen zu kneifen, da die Augen empfindlich reagierten. „Auf, Prinzessin, beweg dich und komm raus, sonst hole ich dich. Und glaub mir, das willst du nicht.“ Sie stand auf und kam mit hängenden Schultern und geneigten Kopf zu dem Mann. Er hob sie aus dem Auto uns schubste sie vor sich her.

Er öffnete eine Tür und stieß sie hinein. „So, hier ein Neuankömmling. Eine Trotzige – es wird Zeit, dass sie Manieren bei gebracht bekommt.“ Die Frau hinter dem Schreibtisch blickte Nadja streng an. Sie hatte grau melierte Haare, die streng zu einem Dutt zusammen gefasst waren. Er sah so straff aus, dass man meinen konnte, er würde die Stirn gleich mit straffen. Sie hatte ein schwarzes Gouvernantenkleid an. Langsam erhob sie sich und  kam um den Tisch. In der Hand hatte sie ein langes Lineal. Sie stand vor Nadja, legte das Lineal unter ihr Kinn und hob es schmerzhaft an. Nadja zuckte und erhob trotzig ihren Kopf. „So, so. Eine Trotzige. Ich sehe es in deinem Blick. Hier wird sich das ändern. Hier ist keine Mami, die dich beschützt und betüddelt. Hier werden andere Seiten aufgezogen. Hier wirst du Respekt lernen. Hier wird dir deine Stellung gezeigt. Bring sie zu Marnie. Sie soll sie waschen und neu einkleiden.“ Der Mann nickte und wieder wurde Nadja vor ihm her geschubst.

Im nächsten Zimmer wurde sie von einer anderen Frau in Empfang genommen. Marnie. „Marnie – Neuzugang. Die übliche Prozedur, hat Frau Paulus angeordnet.“ „Alles klar. Ich danke dir.“ Und schon waren die beiden alleine. „Du bist Nadja, oder?“ Nadja blickte sie verängstigt an und nickte vorsichtig. „Ich bin Marnie. Eine Freundin von Angela. Ich werde versuchen etwas auf dich aufzupassen. Aber du musst dich auch etwas zurück halten. Dann wird es auch bisschen leichter für dich. Glaub mir, es wird nur vorübergehend sein. Wenn du dich gut benimmst, dann wird nichts Schlimmes geschehen. Hast du das verstanden?“ „Ja, das habe ich. Aber ich will nicht hier sein. Ich will zu meiner Mami.“ „Ich weiß, mein Schatz. Deine Mami würde dir gerne helfen. Aber sie kann noch nicht. Hab etwas Geduld.“ Nadja verstand nicht alles, aber sie nickte brav und ließ sich in die Dusche führen. Danach bekam sie ein grobes graues Kleid. Die Heimuniform.

Die nächsten Tage sollten mit die schlimmsten werden, die Nadja je erlebte.

***

Die nächsten Wochen fügte sich Matthew immer mehr in das Team. Er schleimte an den richtigen Stellen und durfte somit immer mehr unbeaufsichtigt betreten. Er hatte schon ausgelotet wo die Frauen Quartiere waren. Heute würde er endlich eintreten dürfen, da er etwas zu reparieren hatte. Er hatte auch mitbekommen, wie die Frauen hier behandelt wurden. Ihm wurde ganz schlecht bei dem Gedanken, dass seine Familie eventuell hier wäre und was sie mitmachen mussten.

Er betrat den Gemeinschaftsraum. „Hallo, ich suche Angela.“ Er schaute sich suchend um. In einer Ecke schaute eine Frau in den Vierzigern auf. „Ich bin Angela, was gibt es?“ „Ich soll etwas reparieren.“ „Du bist neu, ich hab dich noch nie gesehen. Sonst wärst du schon hier gewesen und hättest dir geholt was dir zusteht. Also steht dir noch nichts zu. Hm?“ „Ähm, ja ich bin erst ein paar Wochen hier.“ „Okay. Komm mit mir, ich zeig dir wo du Hand anlegen kannst. Es sind paar Dinge.“ Er folgte ihr. Sein Blick schweifte die anderen Frauen. Sie waren verschmutzt. Aber es schien sie nicht zu interessieren. Sie waren wie seelenlose Puppen. Einige waren Schwanger. Diese Frauen sahen gut und gesund aus. Um diese Frauen wurde sich wohl gut gekümmert. Das war klar, sie trugen die nächste Generation, das Überleben der Menschheit in sich. Aber nirgendwo konnte er Mina sehen. Kinder sah er gar nicht. Als er mit Angela alleine war, traute er sich zu fragen. „Ähm, entschuldige. Angela?“ Sie blieb stehen und sah ihn fragend an. „Ich suche jemanden. Mein Name ist Matthew.“ „Matthew?“ Sie wirkte erstaunt. „Äh, ja. Ich suche meine Familie. Mina und Nadja.“ Angela blieb abrupt stehen. Er wäre fast auf sie aufgelaufen. Hektisch drehte sie sich um und hielt den Finger vor den Mund. Dann zog sie ihn schnell in einen Raum. „Hier ist es sicher.  Du bist also Matthew. Ich hätte niemals damit gerechnet, dass du noch lebst und hier auftauchst.“ Er sah sie fragend an. „Ja, Mina und Nadja waren hier.“ Er wurde hektisch. „Waren? Was ist passiert? Leben sie noch?“ Andrea hob beschwichtigend die Hand. „Ja, als ich sie das letzte Mal gesehen habe, lebten sie noch, aber das ist schon etwa sieben Monate her.“ „Sieben Monate! Erzähl mir mehr. Ging es ihnen gut?“ „Sie lebten. Gut gehen, ist hier ein dehnbarer Begriff. Ich denke Nadja ging es gut. Sie wurde gefüttert und hatte es warm. Mehr wohl nicht. Leicht war es nicht. Mina – ja, du hast die Frauen draußen gesehen. Da brauche ich dir wohl kaum etwas zu erklären.“ Matthew war erschüttert. Er hatte es befürchtet, aber noch gehofft, Mina wäre verschont geblieben. „Ich konnte ihnen helfen. Sie konnten fliehen. Unglauben erfasste Matthew. „Wirklich?“ Sie nickte. „Ja. Sie konnten fliehen. Aber mehr weiß ich nicht. Ich hab natürlich nie wieder was von ihnen gehört. Ich weiß nicht ob sie es geschafft haben.“ „Warum bist du nicht mit ihnen gegangen?“ „Ich werde hier gebraucht. Die Frauen brauchen eine Ansprechperson, die sich auch manchmal für sie einsetzt. Ich kann sie nicht alleine lassen.“ Matthew drückte sie. „Ich danke dir, für die Info und vor allem, dass du den beiden eine so gute Freundin warst. Ich werde sie finden und ihnen von dir erzählen. Wir werden dir das nie vergessen.“ „Das ist schon gut. Ich bin froh, dass sie hier weg gekommen sind. Sie haben es bestimmt geschafft. Mina und Nadja sind wirklich starke Persönlichkeiten.“ Matthew nickte stolz. Sie hatten es geschafft. Es war Zeit, dass er sie endlich fand.

***

Die Glocke läutete. Nadja schlug die Augen auf. Alles tat ihr weh. Den Tag davor hatte Frau Paulus sie die Latrinen schrubben lassen. Danach musste sie hungrig schlafen gehen, da sie wieder einmal ihren Mund nicht halten konnte. Sie hatte zwar Marnies Ratschläge angenommen und hielt sich zurück, aber so ganz konnte sie nicht über ihren Schatten springen. Manchmal war sie immer noch aufmüpfig. Dafür wurde sie dann immer bestraft. Am Anfang waren die Strafen sehr hart gewesen. Da wurde sie von ihren Mitheimbewohnern bestraft. Da sie für ihre Aufmüpfigkeit mit bestraft wurden. Sie schlugen sie, stopften sie in die Latrine, spritzen sie bei Minustemperaturen Nass und sperrten sie aus. Aber sie gab nicht auf. Sie wurde nur schlauer. Sie merkte, dass es nichts brachte immer gegen den Strom zu schwimmen. Sie blieb jetzt immer im Hintergrund und wich aus. Sie war sich sicher, dass sie irgendwann gerettet werden würde. Von ihrer Mutter, oder wenn es Weihnachten wurde, vom Weihnachtsmann. Aber sie wusste nicht wann Weihnachten war, deswegen schreib sie jeden Tag einen Wunschzettel. „Bitte lieber Weihnachtsmann. Rette meine Mutter. Sie wird mich dann finden. Oder rette mich, damit ich sie befreien kann. Alles Liebe, deine tapfere Nadja.“ Den Wunschzettel vergrub sie dann immer heimlich. Einmal hatte ein Junge den Brief gefunden und sich erst lustig gemacht und ihn dann Frau Paulus gebracht. In der neuen Zeit, in der sie jetzt lebten, gab es kein Weihnachten mehr. Weihnachten bedeutete Hoffnung, und das war nicht erwünscht. Sie wurde auch gleich dafür bestraft an diese alten Dinge zu glauben. Eine Woche wurde sie in einen Schuppen gesperrt. Bei Wasser und Brot und einer schimmeligen feuchten Decke, harrte sie aus. Sie war tapfer. Wenn sie weinte, dann immer heimlich. Denn auch weinen wurde bestraft. Eigentlich wurde alles bestraft. Gehorsam, das war es, was sie wollten. Keine Widerworte und stets machen was gesagt wurde, ohne darüber nachzudenken. Vor allem von den Mädchen. Nadja war sich sicher. Das alles war nur vorübergehend. Sie würde bald wieder mit ihrer Mutter vereint sein. Und sie würden dann das schönste Weihnachtsfest feiern, dass sie je hatten.

Aber es sollte noch einige Monate dauern, bis endlich die ersehnte Rettung kam. Solange behielt sie sich immer ein kleines Stückchen Hoffnung in ihren kleinen Herzen.

Werbeanzeigen

Mit Absenden eines Kommentars erklärst Du Dich einverstanden, dass evtl. personenbezogene Daten (z.B. die IP-Adresse etc.) abgespeichert und für Statistiken von Wordpress weiterverarbeitet werden.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.