Mach was mit..., WG

Mach was mit …Kerzen

Es ist wieder Zeit für das kreative Blogprojekt von Herba und die Pö

Da es von Schreibkicks im Moment nichts mehr gibt, werde ich mit meiner WG wohl hier zu den Mach was mit Aktionen umziehen.

Kerzen

Lissi kam die große Treppe aus dem ersten Stock in die Halle hinunter. Es war kalt geworden. Das merkte man gerade in diesem alten Haus. Es gab doch wohl noch mehr Flickarbeiten zu tätigen, als ihr bewusst war, um dieses Haus dicht zu bekommen. Sie seufzte, als sie ihre Weste enger um sich schlang. Auf halber Strecke nach unten wunderte sie sich. Ein Flackern hieß sie Willkommen. Erst fühlte sie sich sicher, aber dann stutzte sie. Wieso ein Flackern und wieso roch es so intensiv nach Kerzen. Was hatten denn ihre Mitbewohner jetzt wieder angestellt?

Es wurde wirklich nicht langweilig mit ihrer WG. Gab es doch diesen kleinen aufgedrehten Geist – Amelia. Für sie existierte keine Privatsphäre. Da sie ja einfach durch Wände glitschen konnte, war privat für sie nicht Existent. Am allerliebsten erschreckte sie Lissi unter der Dusche. Aber auch so war es nie langweilig mit ihr. Denn wenn es ihr langweilig wurde, versuchte sie dem Abhilfe zu schaffen. Da kam es schon mal vor, dass sie die Möbel umstellte.

Minerva, die Haushexe mit fraglicher Vergangenheit. Sie war immer sehr distanziert. Aber wehe, sie wurde wütend. Da konnte sie schon mal eine Schneise in einen Wald schlagen. Gerne war sie mit ihrem Besen unterwegs. Sie hatte Lissi aber auch so schon einige Male unterstützt.

Frank, eines von Frankensteins Monstern, war der Koch. Er war einfach brillant. Sein Essen schmeckte zum Niederknien. Allerdings war er halt grobmotorisch und es gab einen ständigen Bedarf an neuem Geschirr. Was ging, hatten sie schon in unzerbrechliche Materialien ausgetauscht. Nicht sehr elegant, aber wenigstens haltbar. Wobei hier auch schon das ein oder andere aussah, als wäre es unter ein Auto gelangt. Er hatte halt einfach kein Gefühl für seine Kraft. Was man auch gerne an den geflickten Türscharnieren, Türgriffen und gesprungenen Glasscheiben sehen konnte. Um so erstaunlicher war seine Begabung für das Kochen.

Morphi war die Mumie – er würde bestimmt nicht an diesem Kerzenaufgebot beteiligt sein. Seine Mullbinden waren schon so alt, sie würden schon Feuerfangen, wenn er nur in die Nähe käme. Nein, er war das nicht. Lissi wurde rot, wenn sie an Morphi dachte. Hatte sie doch im Sommer einen Blick auf den Körper unter den Binden werfen können. Und der war nicht so unattraktiv wie man erwartet hätte. Sie räusperte sich.

Was in keiner guten Fabelwesen WG fehlen durfte, war natürlich ein Vampir. Dracula hatte sich in dem Haus niedergelassen. Er war ein Ärgernis. Arrogant und manipulativ. Ständig machte er sich lustig über Lissi und versuchte in ihren Kopf zu gelangen. Zum Glück hatte sie jetzt einen Schutz von Minerva bekommen, der ihn davon abhielt. Das hinderte ihn aber nicht noch weiter Sarkasmus zu verströmen. Ein wirklich nerviger Kerl.

Sehr oft kam Keya zu Besuch. Sie war eine Baumnymphe und kam zu uns mit dem Weihnachtsbaum aus dem letzten Jahr. Frank war ganz hin und weg von ihr und die beiden verstanden sich auch wirklich sehr gut.

Vor einiger Zeit sind Richard und mein imaginärer Freund erschienen. Sie waren ja nur unsichtbar. Angeblich hätten sie uns immer begleitet. Waldemar, der lieber Rex getauft worden wäre, ist Richards imaginärer Hund. Leon, ein Chamäleonkrake. Lacht nicht – so was gibt es – er ist ja schließlich MEIN imaginärer Freund, also meine Erfindung.

Richard. Er war mein Fels in dieser chaotischen WG. Er war, wie ich ein Mensch. Zum Glück kennt er die Bewohner schon lange, da er für meine Tante Ernestine, von der ich das Haus geerbt hatte, arbeitete. Er ist also der Bursche für alles. Aber sagt ihm nicht, dass ich ihn so nenne. Auf ihn kann ich mich immer verlassen. Immer gelassen und entspannt. Na ja – meistens wenigstens.

Wie es sich gehört, hatten wir auch ein Orakel. Ein sehr zurückhaltendes Wesen. Es hat sich mir nur ein Mal offenbart. Aber ich glaube auch nicht, dass ich es öfter brauchen werde. Denke ich doch.

Ja, das sind wir. Aber wer hatte jetzt die Kerzen angezündet und weshalb. Diese Frage war immer noch nicht beantwortet.

Als ich unten ankam, hob ich meinen Kopf und über mir schwebten bestimmt hunderte von Kerzen und tropften mir auf den Kopf. Dachte ich, aber zum Glück lösten sich die Tropfen auf, bevor sie auftrafen. Entsetzt sah ich die Blätter, die zwischen den Kerzen auf und ab flogen. Die Blätter waren schon länger da. Die hatte Minerva hergezaubert als der Herbst kam. Das sah natürlich sehr malerisch aus. Wenn man so in einem Blätterregen durch die Halle lief. Sein eigener Wald im Haus. Es raschelte, wenn man von einem Raum zum anderen ging. Und Waldemar hatte seinen wahren Spaß, wenn Amelia für ihn einen Laubhaufen aufschichtete.

Dass diese Blätter so nah an den Kerzenflammen flogen, das gefiel mir so gar nicht.

„Hallo? Wer ist denn hier für verantwortlich? Minerva. Warum hast du diese Kerzen hier schweben lassen? Es sieht aus wie im Speisesaal von Harry Potter.“

Wie immer, wenn Minerva sich bewegte, kam ich mir wie ein plumpes Bauernweib vor. Sie ging nicht, sie schwebte. Ihr bodenlangen Kleider verdeckten ihre Füße, weswegen sie den Schein aufrechterhalten konnte zu schweben. Ich war immer sprachlos, wenn sie den Raum betrat. Ein Funkeln schien sie immer zu umgeben. Aber heute konnten es auch die Kerzenflammen sein, die das bewirkten.

„Hallo Lissi, warum musst du denn schon wieder so herumbrüllen. Weißt du denn nicht, was heute für ein Tag ist?“ „Sonntag?“ Minerva rollte genervt die Augen. „Wie lange lebst du denn jetzt schon hier bei uns. Es wird wirklich mal Zeit, dass du unsere Gebräuche lernst.“ Ich stutzte. Welcher Brauch sollte denn heute sein? „Dann mache mir doch endlich mal eine Liste. Weißt du was? Ich werde im neuen Jahr einfach einen Kalender kaufen und du kannst dann alle wichtigen Tage für mich eintragen. Dann werde ich auch nie wieder in ein ‚magisches Fettnäpfchen‘ treten.“ Meinte ich während ich die letzten Worte in Gänsefüße steckte. Sie schnaufte und drehte sich um. Sie war auf den Weg aus der Halle hinaus. Einfach stehen ließ sie mich. Ich hob die Arme. „Hey, was ist denn jetzt für ein Tag?“ Sie ignorierte mich einfach.

Richard kam die Treppe hinunter. „Ach, das sieht ja richtig toll aus. Also Minerva hat das Dekorieren wirklich gut drauf. Alles, was sie zaubert, sieht einfach wunderschön aus.“ Ich stützte meine Arme in die Hüfte und blinzelte ihn ärgerlich an. Er stutzte. „Ist was?“ „Das wüsste ich auch gerne. Minerva hat mich einfach stehen lassen. Was ist denn heute besonderes?“ „Also wirklich Lissi. Du lebst jetzt etwa ein Jahr bei uns und weißt immer noch nicht, was ihnen wichtig ist. Also da musst du unbedingt echt mal dran gehen. Hmmm – ich rieche Frühstück. Komm lass uns in die Küche gehen.“

Ich schlurfte eingeschnappt hinter ihm her. In der Küche würde mir keiner ausweichen. Da würde ich sie alle antreffen und verhaften.

Es roch wirklich himmlisch. Waffeln und Sirup. Hmmm. Als ich die Küche betrat, knurrte mein Magen unüberhörbar. „Ach, das Biest ist wach. Komm lass es heraus. Es muss doch einen Grund geben, dass du hier die Hüterin geworden bist. Gib zu, du bist ein Werwesen. Das Knurren deutet auf jeden Fall darauf.“ „Guten Morgen, Dracula. Schön dich zu sehen. Ist dein Blut sauer geworden oder warum erzählst du so einen Mist?“ Bis auf meinen kleinen Ausflug als Fee, von dem ich niemanden berichtete, war ich ein Mensch. Das dachte ich wenigstens. Ich hoffte es. Ja, ganz bestimmt ein Mensch.

Ich ging zum Regal an der hinteren Wand und drehte das Radio an. Sofort ging ein Raunen und Zischen durch den Raum und das Radio explodierte. Ich warf mich auf den Boden und hob die Arme schützend über meinen Kopf. „Spinnst du, Minerva? Warum hast du das Radio explodieren lassen?“ Sie blickte in die Runde. „Ist das zu fassen. Ich weiss nicht warum das Orakel gerade sie auserwählt hat, das Haus zu erben. Was hat Ernestine sich nur dabei gedacht. Bestimmt hat sie das Orakel bestochen. Mit einem sonderweichem Kissen. Oder einem schallisoliertem Raum. Irgendwas. Es kann doch nicht sein, das die da.“ Dabei zeigte sie erregt auf mich. „Die da, immer noch nicht weiß, was hier zählt.“

Dracula nahm sich der Situation an. „Also Lissi. Heute ist Totensonntag. Noch nie gehört?“ „Doch. Ich weiß, dass erst nach dem Totensonntag, die Weihnachtsbeleuchtung angeschaltet wird und die Weihnachtsmärkte aufmachen.“ Wieder ging ein Raunen durch den Raum.

Richard hielt sich diplomatisch aus der Sache raus und aß seine Waffeln. Das wäre eine Sache der Fabelwesen. Er wusste ja auch schließlich, was es bedeutete.

„Am Totensonntag wird den Verblichenen gehuldigt. Für jeden geliebten, der verloren ging, wird eine Kerze angezündet.“ Ich dachte zurück an die Halle. Oh, wow. Da waren aber viele gestorben. Da hingen unzählbar viele Kerzen. „Natürlich sind da viele. Wir sind ja auch schon sehr alt. Da hat man schon einige seiner Freunde und Familie verloren. Das ist doch selbstverständlich.“ „Du sollst doch aus meinem Kopf bleiben.“ Ich blickte auf meine Hand, der Ring – der lag im Badezimmer. Da lag er gut. Verärgert kniff ich die Lippen zusammen.

„Und da gibt es auch keine Musik.“ Meldete sich Amelia zu Wort. „Es ist ein stiller Feiertag. Normalerweise reden wir schon viel zu viel. Ein Tag, an dem wir gedenken und uns erinnern.“

„Okay, okay. Es tut mir leid. Ich bin wirklich – ja – unhöflich. Ich gelobe Besserung. Im neuen Jahr werde ich mich mehr mit euch beschäftigen. Ich will wissen was ihr vor dem Einzug in das Haus erlebt habt. Was hat euch geprägt, was habt ihr erlebt? Das wird meine Mission.“

Unruhiges Scharren erklang jetzt aus der Küche. Noch nie habe ich so beunruhigte Fabelwesen gesehen. Minerva stotterte. „Ach laaasss, gut sein. Das lernst du schon noch mit unseren Bräuchen. Du brauchst nicht so tief einzusteigen.“ Dracula zupfte an seinem hochgeschlossenen Kragen. „Ja, ich finde auch, dass kann man ruhig ruhen lassen. Wir erklären dir doch gerne was du nicht weißt.“ Hüstelte er.

Ich hatte wohl in ein Wespennest gestochen. Das ließ mich neugierig werden. Da wurde wohl einiges verheimlicht. Genüsslich trank ich meinen Kaffee und blickte durch die offene Küchentür zu den fliegenden Kerzen. Das würden wir doch mal sehen, wie ich deren Vergangenheit ruhen lassen würde. Ich hatte Blut geleckt. Bäh. Ich hatte tatsächlich Blut geleckt. Ich hatte Draculas Tasse gegriffen. Widerlich.

ENDE.

Bisher erschienen

  1. Schreibkicks – die vererbte Zeitkapsel
  2. Schreibkicks – Weihnachstspezial – Die Sache mit dem Rentier
  3. Mach was…mit einer Festtags-Leckerei
  4. Schreibkicks – Märchen der guten Vorsätze
  5. Schreibkicks – Rückkehr der Freunde
  6. Schreibkicks – Die Welt bei Nacht mit einem Hausschuh.
  7. Schreibkicks – Im Spiegel lauert die Gefahr
  8. Schreibkicks – Mai – Lachen heilt alle Wunden
  9. Schreibkicks 2 in 1 – Auf dem Dach vom Glück gegrüsst. Part 1 v 2
  10. Schreibkicks 2 in 1 – Auf dem Dach vom Glück gegrüsst. Part 2 v 2
  11. Schreibkicks – Hitzefrei.
  12. Schreibkicks – Hurrikane
  13. #Writing Friday – der Traum der Fee
  14. #Writing Friday – Minervas Besen
  15. Mach was mit …Kerzen

5 Gedanken zu „Mach was mit …Kerzen“

    1. Die kommen bestimmt noch mal zu Besuch.
      Ich bin selbst gespannt was tiefe Geheimnisse zu Tage kommen. Noch keinen Plan, mal sehen was man so in den letzten Jahrhunderten so erleben konnte. Wall Of shame 😌😎

      Gefällt 1 Person

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