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Schreib‘ mir eine Detektivgeschichte! Part 4 von 4

Und kommen wir zum Abschluss. Damit es noch in den Oktober passt habe ich heute zwei Parts veröffentlicht.

Ich bedanke mich bei allen Lesern, die diese lange Geschichte verfolgt haben.

Mehr findet ihr bei Annie. 

Part 1 findet ihr HIER

Part 2 findet ihr HIER

Part 3 findet ihr HIER

 

HIER findet ihr die gesamte Geschichte in einem Teil

 


Am Freitag nahm ich mir vor, so wenig wie möglich auf den Fall einzugehen. Ich wollte einfach nur Martas Gegenwart genießen. Wir gingen gemütlich Essen. Dann noch auf einen Kaffee in ein kleines gemütliches Lokal und unterhielten uns vorzüglich. Wir kamen uns näher, je später es wurde. Ich lud sie zu einem Absacker in meine Wohnung ein und dort verbrachten wir noch weiter genüssliche Stunden. Wir lagen im Bett, sie hatte es sich auf meiner Brust gemütlich gemacht. Sie fing an: „Was meinst du wer Marcello getötet hat?“ „Marta, ich darf dir leider zu den Ermittlungen nichts sagen, aber ich höre mir gerne deine Theorien an. Vielleicht finde ich noch einen Schlüssel zu meinen.“ Sie blickte mich an und mein Herz klopfte. Sie war perfekt.

„Lass mich überlegen.“ Sagte sie leicht verschlafen. „Vega – sie könnte es getan haben, weil sie unbedingt erben wollte. Ihr Bruder war eine Gefahr.“ Ich nickte. „Jan, er will unbedingt das Gut erben, er würde bei mir an erster Stelle stehen.“ Wieder nickte ich. „Dann Sarah. Sarah war es bestimmt nicht. Warum sollte sie? Ich weiß, dass sie Vega das Gut geben wollte und Marcello Geld. Wenn dann hätte man eher sie umgebracht, bevor sie das Testament schrieb.“ Wieder nickte ich. Sie war so weit wie ich in meinen Ermittlungen. Nur hatte ich noch einige Geheimnisse herausgeholt, die sie wohl nicht wusste, oder mir verschwieg. Aber genug davon. Ich zog sie hoch und küsste sie um den Abend perfekt enden zu lassen.

+++

Es wurde Zeit den Fall zu lösen. Dafür nahm ich Kontakt mit dem Butler auf und teilte ihm mit, dass ich am nächsten Tag vorbei kommen wollte um eine letzte Befragung durchzuführen.

+++

Ich fuhr die beeindruckende Auffahrt zum Haus hoch. Gefolgt von zwei weiteren Polizeiautos, die ich aber anwies sich bedeckt zu halten. Sie sollten die Ausgänge sichern, da ich von einem Fluchtversuch des Mörder ausgehen musste.

Im Salon traf ich tatsächlich alle Familienmitglieder an. „Guten Tag. Schön, dass sie sich alle Zeit nehmen konnten, und wir das hier klären können. Wo ist Vincenco und Marta? Die beiden sollten doch bitte auch teilnehmen an dieser illustren Runde.“ Sarah klingelte nach den beiden.

„Wo wir jetzt so zahlreich versammelt sind, werde ich ihnen die Fakten meiner Ermittlungen darlegen. Ich werde ihnen erst mal die Motive aufzeigen und dann am Ende mein Ergebnis.“ „Sie machen es aber spannend, Herr Inspektor.“ Sagte Jan. Ich blickte ihn tief an und genoss seine Unruhe.

„Ja, das ist doch der schönste Teil meiner Arbeit. Den Mörder entlarven. Vega, “ Fing ich an. Sie rutschte nervös in dem Sesseln hin und her. „Sie sind die Haupterbin des Weingutes. Ihre Mutter wird ihnen alles vermachen und hatte vor Marcello mit Geld abzuspeisen, obwohl er geeigneter gewesen wäre, von seinem Wissen und Kontakten. Ich denke er hat sie unter Druck gesetzt um ihre Mutter zu beeinflussen. Er wollte, dass sie in ihren geliebten Lehrerberuf nachgehen und mit dem Geld, das er eigentlich bekommen sollte hätten sie ausgesorgt. Aber so ganz verzichten wollten sie doch nicht. Denn Finelli ist ein guter Name und man hätte ihn zu Finelli und Scherke ausbauen können. So einen berühmten Namen kann man sehr gut einsetzen. Ihr Bruder ist ihnen zu dicht aufgerückt. Da sind sie beim Gassi gehen im Weinberg aneinander geraten und sie haben ihn geschupst. Dabei gerat er ins Stolpern und fiel unglücklich. Ein Missgeschick. Ein Unfall.“ Sie blickte mich an wie ein Reh vor einem Autolichtkegel. „Aber ich war es nicht. Ich liebte Marcello und er hätte das Gut haben können. Ich muss nicht die Leitung hier haben. Das ist mir viel zu viel Verantwortung, Mutter.“ Sagte sie und drehte sich zu Sarah um. „Aber Kind, ich will, dass das Gut in weiblicher Hand bleibt. Dein Bruder war zu unbesonnen. Vielleicht hätte er es gut leiten können, aber ohne Familie. Er wollte nicht heiraten und sesshaft werden. Das war mir einfach zu unsicher.“

„Wo wir doch gleich zu ihrem Motiv kommen, verehrte Frau Finelli. Marcello war einfach uneinsichtig. Er wollte immer mehr und mehr, er wollte das Gut noch grösser heraus bringen. Aber dafür hat er sich mit den falschen Leuten eingelassen. Er hat die Mafia mit ins Spiel gebracht und so ihr Allerliebstes in Gefahr gebracht. Sie wollten auf keinen Fall die Mafia in ihrem Unternehmen rumfuschen haben. Waren sie ihr doch in Italien davon gekommen. Ihr Sohn war eine Bedrohung. Als sie ihn auf dem Weinberg zu rede stellten, gerieten sie in einen heftigen Streit. Er stolperte und fiel auf die Rebenverankerung.“ „Was für ein Blödsinn. Ja, er hatte tatsächlich Kontakte zur Mafia geknüpft um deren Lokale mit günstigen Schwarzgebrannten zu versorgen. Ein Zweig, den er ohne mein Wissen eröffnet hatte. Weder wollte ich harten Alkohol noch den Kontakt zur Unterwelt. Das ist ein ehrliches Unternehmen. Aber ich würde doch meinen einzigen Sohn nicht töten. Ich hätte ihn vielleicht nach Italien geschickt, Mehr nicht.“ Ich nickte

„Jan, mein Favorit. Sie haben das stärkste Motiv Marcello los zu werden. Sie sind hier nicht sehr beliebt. Nicht unbedingt der Traumschwiegersohn. Sie haben sich hier in die Familie gedrängt, indem sie Vega überstürzt heirateten nur um hier das Erbe abzusahnen. Sie waren Mittellos und die Gläubiger saßen ihnen im Nacken. Das Arbeitshaus hatte schon angeklopft. Da trafen sie zufällig auf die liebevolle, leicht zu beeindruckende Vega. Nichts für ungut.“ Meinte ich zu Vega, da ich sie nicht beleidigen wollte. Sie nickte nur ermattet. „Marcello wollte sie nicht in der Familie haben und nicht bei seiner Schwester. Außerdem wusste er, dass sie Vega betrogen. Schon kurz nach der Hochzeit sind sie regelmäßig Fremd gegangen.“ Ich beobachtete Vega. Sie zuckte zusammen, wie nach einem Schlag. Mehr nicht. Sie wusste es. Sie duldete es. Sarah schnaufte. „Was? Jan? Du Hurenbock. Du betrügst meine Tochter und bringst Schande über diese Familie. Wie konntest du nur. Hast du Marcello getötet?“

„Nein. Er hat mich angezählt. Er meinte ich solle das lassen mit der Betrügerei, oder er würde dafür sorgen, dass Vega mich verlassen würde. Ich wollte auch aufhören, aber …bei Vega und mir läuft es nicht so gut – ich bin auch nur ein Mann. Ich hab Bedürfnisse.“ Vega schluchzte. „Musst du unser Schlafzimmer hier ausbreiten? Warum meinst du wohl, warum ich mich zurückgezogen habe? Denkst du ich kann dich noch ansehen, wenn ich weiß, dass du mit jeder hergelaufenen Hure ins Bett gehst?“ Das waren starke Wort, die ich von ihr nicht erwartet hätte. „Ja, das wäre mein Motiv, für sie. Sie wollten Marcello still legen. Also trafen sie sich im Weinberg. Hier haben wir Motiv, Gelegenheit und Kraft. Jan? Sie sind einer meiner Favoriten.“ „Ich war es nicht. Ich war nicht mal in der Nähe. Ich war bei Mime Violetta.“ „Das weiß ich, aber nur bis einundzwanzig Uhr. Der Mord wurde gegen Mitternacht verübt.“ Jan schwieg. „Wo waren sie danach?“ „Im Gästezimmer.“ „Ein schwaches Alibi, das müssen sie schon zugeben.“

„Vincenzo. Sie wissen ja was man im Volksmund so sagt: Der Butler war es, oder der Gärtner. Aber wieso immer der Butler? Ich denke sie haben das Motiv, da sie Marcellos Verhalten nicht guthießen. Sie wussten von der Mafia, ein Butler weiß immer alles. Sie wollten ihn Stoppen, aber das ging tödlich aus.“ „Aber nein, ich wusste, dass Marcello nicht immer legal operierte. Aber ich hätte eher der gnädigen Frau Bescheid gesagt. Nur wollte ich sie nicht belasten, also habe ich geschwiegen.“

„Marta?“ „Christian?“ „Du bist die perfekte Frau. Ich würde alles geben eine solche Frau an meiner Seite zu wissen. Du hast eine schwere Zeit hinter dir.“ Marta blickte mich misstrauisch an. Ich beobachtete jeder ihrer grazilen Bewegungen. „Du kamst mit Nichts aus Italien hier an. Irgendwo musstest du unterkommen. Aber mit der Sprachbarriere ist das nicht so einfach hier Fuß zu fassen. Gegen Ausländer ist man hier immer etwas zurückhaltend.“ Sie wurde etwas nervös. „Was willst du andeuten? Ich bin immer loyal der Familie gegenüber.“ „Das stimmt. Der Familie gegenüber, das hast du richtig ausgedrückt. Marcello war mit dabei bei der „Familie“ Aber er wollte aussteigen, da er wusste, dass seine Mutter nie zustimmen wollte. Aber die „Familie hatte schon investiert. Und den Patron betrügt man nicht. Oder sollte ich eher Patronin sagen?“ Ihr blick wurde hart. „Ich verstehe nicht was du sagen willst.“ „Marcello ist auf dich zugekommen um dich um Geld anzupumpen. Er wusste, dass du zur hiesigen Mafia gehörst, dass du sie leitest. Aber er wollte sich zurückziehen. Das konntest du nicht zulassen. Du hättest als Köchin nie die Chance gehabt hier was zu erben. Selbst wenn sie sagen, du gehörst zur Familie – es ist nie so. Du bist eine Angestellte. Vielleicht hättest du bisschen Geld bekommen, aber mehr nicht. Dafür hast du hier zu viel investiert. Marcello sollte deine Eintrittskarte sein. Irgendwann hätte dir die Hälfte gehört – aber er hat Angst bekommen. Er wollte alles seiner Mutter beichten. Das wäre nicht drin gewesen. Du wusstest dass Sarah nichts mit der Mafia zu tun haben wollte. Sie hätte dich mit Schimpf und Schande vom Gut vertrieben und deine Arbeit wäre zunichte gewesen. Also hast du den Auftrag erteilt Marcello zu entledigen. Einer deiner Schergen hat die Schmutzarbeit für dich getätigt, während du in der Küche alles für den nächsten Tag vorbereitet – dein Alibi ausgebaut hast.“ „Was für ein Blödsinn. Wie willst du das beweisen?“  „Man muss nur bisschen zuhören und die Augen öffnen. Ich hab mich bei den Arbeitern umgehört und es gab Gerüchte einer weiblichen Mafiachefin. Ich hab dann Polizeiarbeiten getätigt und dein Leben zurückrecherchiert. Er brach mir das Herz. Dass du tatsächlich eine Mafiosa bist und wie du überhaupt in den Kreis gelangt bist. Alte Polizeiberichte mit deinem Namen sind aufgetaucht. Dass du deinen Namen behalten hast, war sehr überheblich. Du warst dir einfach zu sicher. Ich hab deinen Werdegang verfolgen können. Von kleinen Diebstählen zur Prostitution und zum Betrug. Ich konnte deinen Lebenslauf anhand deiner Fall Akte verfolgen. Wirklich überheblich.“ „Es war nie geplant, dass es soweit kommen würde. Mein Name hätte eigentlich schon aus den Akten verschwunden sein sollen. Ich hatte meine Leute, die das erledigen sollten. Das war wohl nichts. Da werden wohl einige Köpfe rollen. Da hat bestimmt einer meiner Konkurrenten die Finger im Spiel. Das kannst du dir vorstellen, Ein weiblicher Pate. Meine männlichen Gefährten fanden das nicht so toll. Aber ich habe mir den Platz schwer erkämpft und so leicht gebe ich nicht auf.“ Kaum hatte sie ausgesprochen fing sie an zu laufen. Sie drehte sich Richtung Fenster und sprang. Sie sprang durch das geschlossene Fenster. Ich war im ersten Moment bewegungslos. Dann spurtete ich ihr hinter her. Die Frau war schnell. Meine Kollegen standen alle an den Türen – keiner rechnete damit, dass eine Person aus dem Fenster springen würde. Ich verfolgte sie, wurde aber  langsamer. Ich sollte an meiner Ausdauer arbeiten.  Sie war weg. Meine Kollegen waren mittlerweile aufgeschlossen und wir drehten das gesamte Weingut um. Sie war weg. Verdammt. Sie hatte mich überrumpelt. Sie war weg. Ich ließ sie zur Fahndung ausschreiben, wusste aber, dass ich sie nie fangen würde. Sie war schon zu lange an der Spitze um sich erwischen zu lassen. Sie würde untertauchen, endlich ihren Namen ändern und ihr Erscheinungsbild. Sie würde aus meinem Leben verschwinden. Ein Stich ging mir durchs Herz, die Frau hatte mich tief berührt.

Zurück im Haus, traf ich auf eine aufgelöste Gruppe der Finelli-Familie. „Herr Inspektor, haben sie sie erwischt?“ „Nein, meine Männer sind noch auf der Suche, aber sie hatte wohl schon einen Fluchtweg geplant. Jemand der so hoch in der Mafia angesiedelt ist, legt sich immer einen Fluchtweg zurecht.“ „Sie war so lange bei uns gewesen, hat meine Kinder mit aufgezogen. Ich habe in ihr eine Freundin gesehen. Jetzt so was. Es erschüttert mich bis ins Mark. Wie soll ich je wieder jemanden trauen?“ „Das weiß ich nicht verehrteste. Das wird nicht leicht, aber sie haben ihre Tochter an ihrer Seite. Mit ihr werden sie das schon schaffen.“ Sie drehte sich zu Vega um und winkte sie zu sich. Die beiden Frauen lagen sich weinend in den Armen. Das hier war zu Ende.

+++

Vega saß auf der Terrasse. Sie hatte einen Brief in der Hand. „Liebste Freundin, schade, dass wir uns so plötzlich voneinander trennen mussten. Aber ich hoffe alles ist zu deiner Zufriedenheit ausgegangen. Ein neues Leben erwartet dich. Und wenn die Umstände sich ändern, werden wir uns vielleicht mal wieder sehen. Achte gut auf dich und deine kleine wachsende Familie. Für immer in Liebe deine Tante M.

Sarah strich sich behutsam über den leicht gewölbten Bauch. Irgendwann würde sie ihre Freundin wieder treffen. Solange würde sie sich gut um ihr Erbe kümmern um es für ihre Tochter zu sichern.

+++

Ich beendete meinen Bericht über den Fall Finelli. Es ärgerte mich, dass ich zu lange gebraucht habe um Marta zu entlarven. Oder ärgerte es mich, dass ich sie entlarvte? Sicher war ich mir nicht. Ein Brief landete auf meinem Tisch. „Danke Oskar“, rief ich dem Postjungen hinter her. Er winkte nur ab. Ich öffnete ihn. Ein Flyer fiel mir entgegen. Es war ein Weingut in Italien. In der Nähe von Palermo. Eine Einladung zur Besichtigung und Verköstigung. Ein kleiner Zettel war im Inneren befestigt. „Wenn du jemals nach Italien kommst. Vergiss mich nicht.“

ENDE

 

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Allgemein, Einzelaktionen

Schreib‘ mir eine Detektivgeschichte! Part 3 von 4

Es geht weiter in meiner Mordermittlung – eine Einladung von Annie

Part 1 findet ihr HIER

Part 2 findet ihr HIER

Ich betrat die Küche und beobachtete Marta etwas bei ihrer Tätigkeit. Sie hatte gerötete Wangen und ihre Haare waren schon etwas aufgelöst. Sie sah einfach toll aus. Still mein Herz….

„Christian, schön dass du noch mal vorbei kommst. Hast du Hunger? Ich hab eine leckere Kürbiscremesuppe. Eine meiner Spezialitäten.“ „Wenn du mich so nett einlädst, kann ich wohl kaum nein sagen.“ Sie führte mich zum Stuhl und drückte mich herunter. Dann landete schwungvoll ein Teller vor mir und mit einer gekonnten Bewegung schenkte sie mir die Suppe ein und sie hatte nicht übertrieben. Sie war einfach köstlich. Ich würde dick werden mit dieser Frau.

Nach dem Essen saßen wir noch gemütlich bei einem Kaffee und Kerzenlicht am Esstisch. Ein massiver Tisch aus Holz – sehr gemütliche Atmosphäre. Ein bisschen romantisch. Aber leider musste ich die Stimmung etwas dämpfen. Ich musste sie fragen. „Sag mal. Ich habe mit Vincenco geredet. Er ist nicht so familiär eingestellt wie du. Er wird wohl nicht so integriert?“ „Ach, das liegt aber auch bisschen an ihm. Er ist sehr distanziert. Und ich habe ja auch bei den Kindern geholfen. Da war die Beziehung zur Familie bisschen anders.“ Hm stimmt wohl. „Erzähl mir doch bisschen was über die Familie.“ „Ich weiß nicht, ich will nicht tratschen.“ „Ich werde sowieso alles herausfinden, ich bin wirklich gut in meinem Job.“ „Und so bescheiden.“ Schmunzelte sie. Ich musste mich zurückhalten meinen Kopf nicht auf meiner Hand abzustützen und sie anzuhimmeln.

„Gut. Wo fange ich an?“ „Erzähl am besten bisschen über Marcello. Ich will ihn besser kennen lernen. Er ist der Einzige, der mich nicht mehr belügen kann.“ „Hei.“ „Na, Anwesende immer ausgenommen.“ Zwinkerte ich ihr zu. „Ich hatte dir ja schon gesagt, dass er ein toller Junge war. Er konnte einen wirklich um den Finger wickeln. Diese großen braunen Augen. Ich sag dir, man konnte nur schmelzen in seiner Nähe. Kein Wunder, dass er so viel Mädchen in seinem kleinen schwarzen Buch stehen hatte. Sie gaben sich wirklich die Klinke in die Hand. Aber binden wollte er sich nicht. Obwohl es besser gewesen wäre. Er hätte eher die Chance gehabt zu Erben. Sarah ist müde, sie will sich bald zurückziehen. Sie weiß schon dass Marcello besser geeignet wäre, aber sie will eigentlich, dass das Gut in Frauenhand bleibt. Sie will alles Vega vererben und wollte Marcello auszahlen. Aber das weißt du auf keinen Fall von mir.“ „Was ist mit Jan?“ „Jan, er ist kein guter Mensch. Er hat Vega umgarnt und unter Druck gesetzt. Er will definitiv alles Erben, deswegen haben sie so schnell geheiratet im letzten Jahr. Erst dachten wir, es wäre was Kleines Unterwegs, weil es so plötzlich kam. Aber er hat sie nur manipuliert.“ „Will Vega denn das Weingut führen?“ „Ich glaube nicht. Sie könnte es, aber eigentlich ist sie zu nett. Das wäre dann wohl Jans Part. Sie wäre gerne Lehrerin, da geht sie wirklich drin auf. Aber sie könnte das Gut führen, ich traue es ihr zu. Sie müsste nur etwas härter werden.“ Ich nickte. Es war spät. Ich erhob mich. Ich sollte jetzt gehen. Es fiel mir schwer, da ich die Gesellschaft von Marta wirklich genoss, aber ich musste noch etwas arbeiten.

+++

Im Revier angekommen sammelte ich nochmal die Fakten.

Sarah wollte das Gut abgeben, am liebsten an Vega.

Jan wollte auf jeden Fall das Gut Erben – ein Motiv um Marcello los zu werden

Marcello hatte eigentlich kaum Chance auf das Gut. Er war Sarah wohl zu unbeständig, obwohl er geeignet gewesen wäre.

Meine Motive hielten sich in Grenzen.

Morgen würde ich mich mal bisschen bei den Arbeitern umhören. Die hatten meist den besseren Überblick und die Gerüchteküche brodelte dort meist am stärksten.

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Am nächsten Morgen versuchte ich noch mal mein Glück Sarah Finelli abzupassen, aber ich wurde schon wieder vertröstet. Ich solle es einfach später versuchen. Das würde ich, und es würde Frau Finelli nicht gefallen.

Ich begab mich unter die Arbeiter und fragte hier und da etwas die Leute aus. Sie waren sehr redselig. Eigentlich wurde die Polizei immer etwas auf Distanz gehalten, da nicht immer jeder Gelegenheitsarbeiter unbescholten war. Ich war sehr erfreut hier einige Gerüchte aufzufangen. Da gäbe es doch einiges aufzuarbeiten. Ich hatte einiges an Geheimnissen aufschnappen können. Das Bild der Familie verdichtete sich. Ich fing an den Mörder einzukreisen, dachte ich.

Zurück im Revier dauerte es keine halbe Stunde, als mir mein Gast angekündigt wurde. Im Verhörraum saß eine ziemlich angesäuerte Frau Finelli. „Frau Finelli, schön, dass sie es endlich einrichten konnten mit mir zu sprechen.“ „War das nötig? Es sollte doch diskret von statten gehen.“ „Sie liessen mir keine andere Wahl, gnädigste. Ich hatte mehrfach versucht sie in ihrem Haus anzutreffen, aber sie haben mich immer vertröstet. Ich bin nicht ihr Hampelmann. Das ist eine ernste Sache und für ihre Familie sieht das hier nicht ganz so rosig aus. Es gibt einige Motive.“ „Motive. Wer aus meiner Familie sollte ein Interesse daran haben meinen Sohn zu töten? Ich vielleicht?“

„Dazu werde ich noch später kommen. Ich will jetzt erst mal von ihnen wissen, wo sie am besagten Tag waren?“ „Ich war zu einem Abendessen bei Freunden geladen. Den Micellis, da können sie gerne nachfragen. Ich bin so gegen zweiundzwanzig Uhr dort weg. Mein Butler kann ihnen bestätigen, dass ich etwa eine halbe Stunde später zu Hause ankam. Natürlich bin ich alleine gefahren, ich habe schon lange keine Chauffeur mehr. Also für diese halbe Stunde habe ich kein Alibi. Aber ich benötige diese Zeit um von den Micellis zu mir zu kommen. Das können sie testen. Also kann ich meinen Sohn nicht getötet haben. Ich bin gleich auf mein Zimmer gegangen und meine Zofe kann dies bestätigen. Ich habe mir von ihr ein Schlafmittel geben lassen, da ich unter Schlafstörungen leide. Das können sie alles erfragen.“ Mir ging ihre überhebliche Art ziemlich auf die Nerven. Aber ihr Alibi klang belegbar.

„Das werde ich natürlich alles gegenchecken. Was ist mit Marcello. Haben sie eine Ahnung mit wem er sich in den Weinbergen getroffen hat?“ „Nein, mein Sohn hat mir schon lange nicht mehr mitgeteilt, was er wann mit wem unternimmt. Er war ein erwachsener Mann. Nicht einfach aber sehr selbständig.“ „Gut. Sehen sie, es hat doch gar nicht wehgetan. Ich bedanke mich für ihr entgegenkommen. Mein Assistent wird sie hinausbegleiten.“ Sie schnaubte verärgert über die verschwendete Zeit. Innerlich ging mir das runter wie Öl.

+++

Als ich am nächsten Tag wieder bei den Finellis auftrat, ging ich gleich in die Küche. Die Tür war angelehnt und ich konnte einen heftigen Streit zwischen Marta und Sarah hören. Sie stritten sich auf Italienisch. Verdammt. Eine wirklich sehr emotionale Sprache, die wirklich erotisch klang, wenn gestritten wurde. Ich hörte die Tür zum Treppenhaus zu schlagen und betrat die Küche. „Christian, wieder hier?“ „Kann ich denn weg bleiben? Wo doch die Verlockung so groß ist? Aber ich bin zum Arbeiten hier. Was war denn los, bei euch beiden?“ „Hm? Ach Sarah. Sie ist manchmal sehr hitzköpfig. Sie erwartet am Samstag Gäste und hat wieder mal ausgefallene Wünsche. Aber ich bin alleine in der Küche und das ist nicht so leicht zu stemmen. Jetzt bekomme ich eine Aushilfe. So ist das wenn zwei italienische Frauen streiten.“ Lachte sie. Trotzdem war ich skeptisch, das klang nicht nach einem Haushaltsstreit für mich. Aber was wusste ich schon.  Wir plauderten noch etwas und verabredeten uns schließlich für den Freitag zum Essen und natürlich um noch über den Fall zu reden.

Ich ging noch mal zum Tatort. Die Spurensicherung hatte alles abgesperrt. Aber die meisten Spuren waren auch schon verwischt. Nach der Aufnahme war es nicht mehr wichtig ihn aufrecht zu erhalten. Ich wunderte mich schon, dass Sarah nicht drauf drängte ihn frei zu geben um die beschädigte Rebe zu beschneiden.

Ich ging zurück zum Auto und verließ erst mal ohne neue Kenntnisse den Ort. Im Revier angekommen stellte ich mich wieder an die Tafel und pikte neue Erkenntnisse daran.

Der Kreis zog sich immer enger um Jan Scherke. Er hatte Motiv, Gelegenheit und die Kraft. Ich brauchte nur noch Beweise.

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Schreib‘ mir eine Detektivgeschichte! Part 2 von 4

Weiter geht es in meiner Detektivgeschichte, die eine Einladung von Annie war.

HIER kommt ihr zum Part 1


 

Ich stand in dem pompösen Salon und hätte mir liebend gerne ein Glas Bourbon eingeschenkt. Aber ich war ja im Dienst. Das wurde wirklich, mittlerweile, sehr eng genommen. „Inspektor, was verschafft mir ihren Besuch? Haben sie Neuigkeiten über den unglücklichen Sturz meines Sohnes?“ „Frau Finelli, entschuldigen sie mein frühes Auftauchen, aber sie wissen ja – alles soll schnellstens erledigt werden. Die Statistiken und der Bürgermeister und, und, und. Sie sehen hervorragend aus.“ Sie war etwas überrumpelt von meiner Begrüßung und nickte nur hoheitsvoll.

„Sind das Fräulein und ihr Gatte auch zugegen?“ „Ich denke sie schlafen noch, sie waren noch nicht beim Frühstück. Müssen sie dabei sein?“ „Das wäre natürlich hervorragend. Danke für das Angebot sie holen zu lassen.“ Ich grinste frech in mich hinein. Ich liebte es einfach die oberen Zehntausend etwas zu überrumpeln. Sie zog an einem Bändchen, das an einer Klingel im Untergeschoss bei den Angestellten endete. Kurz darauf erschien der Buttler. „Bitte holen sie doch Vega und Jan zu uns in den Salon. Es ist wichtig, sie sollen nicht trödeln.“ „Sehr wohl, gnädige Frau.“

„Wollen sie mir schon erzählen, was sie herausgefunden haben?“ „Ach, wir warten doch auf die beiden anderen, ich wiederhole mich so ungerne. Wie wird dieses Jahr der Wein? Es war ja recht trocken. Ist das ein gutes Weinjahr?“ Wieder stutzte sie. „Äh, ja trockene Jahre bescheren oft einen guten Wein. Es ist zwar nicht unbedingt einfach die Wasserversorgung aufrecht zu halten, aber es ist wesentlich besser wenn es trockener ist, als wenn die Wurzeln der Reben im feuchten Matsch stehen. Kennen sie sich aus mit Weinen?“ „Eigentlich nicht – ich trinke sie gerne und habe so ein bisschen Laienwissen um die Damen zu beeindrucken.“ Bevor sie etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür und zwei verschlafene Gestalten betraten den Raum.

„Ah, Herr und Frau Scherke. Schön, dass sie zu uns treffen. Da kann ich doch gleich mit meinen Ermittlungen weitergehen.“ „Ermittlungen?“ Fragte Jan verschlafen. „Ja, ja. Ermittlungen. Wie sich herausstellte, war es leider kein Unfall an dem Herr Finelli verstarb. Er wurde gestoßen.“ Vega zog scharf die Luft ein. Jan blickte verunsichert im Raum umher. Die einzige, die eiskalt blieb, war Sarah. Die Eisweinkönigin. Ich beobachtete die drei. Es war wirklich die beste Zeit die Verdächtigen anzutreffen. Noch ungeschminkt und ungeschützt. Da konnte man die Emotionen am besten beurteilen. Außer bei Sarah. Sie war ein Vollprofi in Gefühlen verstecken. Das würde nicht leicht werden.

+++

„Wie kommen sie darauf, dass er gestoßen wurde?“ Frage Jan. „Anhand der Spurensicherung. Wir können einen Sturz rekonstruieren. Die Fußabdrücke zeigen, dass er nicht stolperte. Wenn man die Höhe der Streben bedenkt, hätte sie ihn nie aufspießen können, wenn er einfach nur gefallen wäre. Er muss angehoben und draufgespießt worden sein. Anders ist das nicht möglich. In seinem Blut befand sich kein Alkohol. Ein Unbetrunkener versucht einen Sturz abzufangen. Das war hier nicht der Fall. Außerdem konnten wir feststellen, dass jemand versucht hat, seine Fußabdrücke zu verwischen. Ist natürlich bei so trockenem Boden recht einfach – aber nicht natürlich herstellbar. Ein geübtes Auge erkennt das. Und meine Leute im Labor haben schon einige Tatorte inspiziert.“

Jan blickte nachdenklich zu seiner Frau, die schluchzend auf dem Sofa saß. „Und jetzt, Herr Inspektor? Wie wird es weiter gehen?“ Fragte Sarah. „Nun, wie soll es wohl weiter gehen, gnädige Frau. Ich werde jetzt die Ermittlungen aufnehmen und einige Personen befragen.“ „Kann man das unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen? Sie wissen, der gute Ruf. Solange nichts Genaues bekannt ist, würde ich gerne Gerüchten vorgreifen.“ „Ich kann ihnen nichts versprechen. Sie wissen wie die Reporter sind. Wenn sie einen Knochen finden, stürzen sie sich wie verhungernde Hunde darauf. Ich werde mein Möglichstes tun.“ Im Prinzip war es mir eigentlich egal, ob die Presse davon Wind bekam. Manchmal setzte ich sie als strategisches Druckmittel ein. Wir würden sehen, wie weit ich sie hier brauchen würde.

„Wenn es ihnen alle Recht ist, würde ich meine Befragungen gerne hier im Haus vornehmen. Das ist doch gemütlicher als auf dem Revier. Wäre das in Ordnung Frau Finelli?“ „Ähm, ja natürlich. Ich habe noch ein Zimmer, das können sie nutzen, da ist auch ein Schreibtisch und Utensilien vorhanden. Wenn es denn sein muss.“ „Ja, da werden wir wohl nicht drum herum kommen. Wenn es passt würde ich doch am liebsten mit ihnen anfangen Frau Scherke. Fühlen sie sich in der Lage mit mir zu sprechen?“ Sie schaute mich wie ein verängstigtes Häschen an. Ich glaube ihre Nase wackelte auch. Ich musste mich zusammenreisen um nicht zu lachen. Es sah einfach zu ulkig aus. Wie unprofessionell von mir. Sie nickte ergeben und wir zogen uns in das zugeteilte Zimmer zurück. „Könnte ihr Butler uns vielleicht etwas zu trinken bringen?“ Sarah nickte.

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In dem Zimmer war es wirklich gemütlich. Es gab den angekündigten Schreibtisch, einen gemütlichen Sessel, einen Kamin, der leise vor sich hin flackerte. Hier könnte ich mich wohlfühlen. Ich hoffte auch, das Vega sich etwas entspannen würde. Eine heulende Befragung war wirklich sehr anstrengend. „Darf ich ihnen was zu trinken einschenken?“ Sie nickte und schnäuzte sich noch mal kräftig. Dann straffte sie die Schultern, bereit dem sich entgegenzustellen, was auf sie zukommen würde. „Erzählen sie mir doch bisschen was von sich.“ Sagte ich und setzte mich ihr gegenüber. Einen Notizblock vor mir, wartete ich auf ihre Erzählung. „Von mir? Ich dachte es geht um Marcello?“ „Ich will mir ein umfassendes Bild machen. Dazu brauche ich auch einige private Informationen von ihnen.“ Sie errötete leicht. „Ähm. Gut, ähm. Mein Name ist Vega Scherke, geborene Finelli. Ich bin achtundzwanzig und mit Jan Scherke verheiratet. Seit letztem Jahr. Ich bin Lehrerin in der Grundschule. Ich liebe es zu unterrichten.“ „Ach, Lehrerin, ich dachte sie würden auch hier eingespannt arbeiten?“ „Wenn man hier aufgewachsen ist, arbeitet man unweigerlich immer mit. Bei der Ernte, bei der Presse, bei der Abfüllung, bei der Buchhaltung. Das ist so bei einem Familienbetrieb. Mich wundert’s, dass meine Eltern nicht noch mehr Kinder hatten, dann könnte man gut Personal sparen.“ Die letzten Worte klangen etwas bitter und ich lauschte aufmerksam ihrer Stimmungsschwankung. „Werden sie als Lehrerin arbeiten, oder hier einsteigen?“ „Meine Mutter möchte dass ich hier einsteige, aber ich würde am liebsten als Lehrerin arbeiten. Es macht so Spaß mit den Kindern. Sie sind so aufnahmefähig. Wie ein Schwamm. Sie wollen alles wissen.“ Ihre Augen leuchteten, als sie berichtete. „Was ist mit Marcello? Wie war er so?“ Sie seufzte. „Marcello? Er war ein Lebemann, aber immer sehr ehrgeizig. Er wollte schon als kleiner Junge immer der Beste sein. Er hatte, trotz seiner Ausschweifungen, immer gute Noten. Er ist, er war einfach ein Naturtalent. Alles was er anfasste gelang ihm. Ich musste immer schwer arbeiten um meine Noten zu erhalten, er konnte die Nacht davor feiern und bestand seine Prüfungen am nächsten Tag mit Bravour.“ Ich hörte den leichten Neid, aber auch erhebliche Bewunderung heraus. „Können sie sich vorstellen, wer etwas gegen ihren Bruder hatte. Hatte er mit irgendjemanden streit?“ „Er hatte immer irgendwie Streit. Er war ein Hitzkopf und es gab auch so ein oder anderen gehörnten Ehemann. Die Liste ist nicht unerheblich.“ Innerlich stöhnte ich, das waren Informationen, die eine umfassende Befragung im Dorf erforderten. „Wo waren sie gestern, wenn ich so direkt fragen darf?“ Sie blickte rechts, links sie überlegte, was sie mir sagen durfte. „Ich war in meinem Zimmer.“ „Den ganzen Tag?“ „Die meiste Zeit. Natürlich war ich zu den Mahlzeiten zugegen, aber mir ging es gestern nicht so gut, und ich zog mich zurück.“ „Das kann jemand bestätigen?“ Sie blickte mich erschrocken an? „Verdächtigen sie mich?“ „Aber nein, ich muss nur ein umfassendes Bild erschaffen, dazu brauche ich doch alle Informationen.“ Sie nickte verstehend. „Ähm. Das Zimmermädchen, Jan und meine Mutter dürften die meiste Zeit bestätigen können.“ „Gut, vielen Dank Frau Scherke. Das war es erst mal. Seien sie so nett und halten sie sich zu meiner Verfügung, wenn ich noch Fragen haben sollte. Also bitte keine weiteren Ausflüge.“ Ich lächelte ihr freundlich zu und half ihr aus dem Sessel. „Wenn sie so nett währen ihren Mann herein zu bitten.“ Sie nickte und verließ den Raum mit gesenktem Kopf.

+++

Ich dachte kurz nach, über die gute Vega. Sie war wohl das schwächste der Familienmitglieder. Ein liebes Mädchen, aber immer irgendwie unterdrückt. Nun – vielleicht wollte sie auch nur ausbrechen aus diesem Trott. Sie hatte ihre Träume und vielleicht wollte sie endlich mal etwas für sich und nicht immer für die Familie machen? Ich versah sie mit einem zögerlichen Fragezeichen.

Es klopfte herrisch und die Tür wurde fast aufgestoßen, als Jan Scherke den Raum betrat. Sein gesamtes Auftreten strahlte schon Unsympathie aus. Ich mochte ihn nicht. Aber ich wollte meinem Motto der Unvoreingenommenheit treu bleiben. Also atmete ich tief ein, betrachtete meinem neuen Gast und wartete. Er hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen. Der Schlafanzug und sein Morgenmantel waren einer sportlichen Hose und einem Hemd gewichen, darüber hatte er eine Weste gezogen. Er sah aus wie ein wichtiger Mann. Wir würden sehen.

„Was soll das hier werden?“ polterte er gleich los. „Nehmen sie doch erst einmal Platz. Einen Kaffee?“ Er zog sich einen Stuhl heran und ich schenkte ihm einen Kaffee ein. Er winkte ab, als ich Milch und Zucker hinzufügen wollte. „Also, was soll das, sie verdächtigen die Familie. Wie kommen sie darauf?“ „Im Moment verdächtige ich noch niemanden, Herr Scherke. Ich nehme lediglich ihr Wissen und ihre Beobachten auf um mir ein Gesamtbild der Situation um Marcello zu verschaffen. Das ist einfache Polizeiarbeit, reine Routine.“ Er schnaufte. Ein Zyniker und Querulant. Na toll. „Was wollen sie wissen?“ „Wie war ihr Verhältnis zu Marcello?“ „Wie mein Verhältnis? Nicht so gut. Ich wurde nie wirklich als Familienmitglied anerkannt. Ich war Geduldet nicht Erwünscht. Das wird ihnen Sarah bestimmt noch ausführlich mitteilen.“ „Wie kommt das?“ „Ich bin ehrgeizig. Und als ich Vega traf, war ich vielleicht etwas zu forsch und drängend, was die Heirat anging. Man unterstellte mir, dass ich nur an ihr Vermögen wolle. Aber das stimmt nicht, ich liebe Vega. Und warum soll ich lange warten, mit der Heirat, wenn ich die Frau, die ich liebe gefunden habe? Oder, was meinen sie?“ „Das kann ich nicht beurteilen, ich bin nicht verheiratet. Wie war, also ihr Verhältnis mit Marcello? Feindlich?“ „Nein keines Wegs. Ich bewunderte sein Wissen. Er kannte sich sehr gut mit dem Weingut und Wein generell aus. Er war zwar vielleicht etwas sprunghaft, aber er war ja auch ein junger Mann, der Spaß haben wollte. Er würde bestimmt alles mal erben, wenn die Gutsherrin mal abdanken würde. Er war immer der Liebling von allen. Niemand war ihm lange böse. Ein Charmeur, der sich gut verkaufen konnte. Und er konnte gut mit den Weinhändlern. Er hat immer gute Preise rausgehauen. Er hatte Verkaufs Talent. Aus ihm hätte mal ein großer Weingutbesitzer werden können.“ Die letzten Worte presste er aus zusammengekniffenen Lippen hervor, während er auf den Boden starrte. Dann, als ihm wohl bewusst wurde, dass ich ihn beobachtete, ging ein Ruck durch ihn und er setzte sich aufrecht hin. Sei n Blick war provokativ. „Wo waren sie gestern Abend?“ „Hier, im Haus. Meiner Frau ging es nicht gut und da wollte ich nicht so weit weg gehen. Sie hat manchmal solche weiblichen Anwandlungen mit Depressionen und Migräne. Wie Frauen halt so sind. Ich habe mich hier im Haus rumgedrückt.“ „Kann das einer bestätigen?“ „Hm, Vega wohl und vielleicht das Personal. Ich habe nicht darauf geachtet, wer noch im Haus mit mir herumwandert.“ „Okay. Ich bedanke mich. Bitte verlassen sie die Gegend nicht. Es kann sein, dass ich nochmal Fragen habe.“ Er stand ruckartig auf und verließ den Raum. Ich rief ihm noch hinterher, dass er doch bitte Sarah reinschicken solle.

+++

Es klopfte. Der Butler steckte den Kopf herein: „Gnädige Frau lässt sich entschuldigen. Ein wichtiger Termin ist ihr dazwischen gekommen. Sie bedauert es sehr.“ Gut, sie wollte die Machtverhältnisse klären. Das war kein Problem für mich. „Danke. Wenn sie schon da sind, kommen sie doch kurz zu ein paar Fragen herein.“ Er blickte mich unsicher an. Drehte den Kopf aus dem Zimmer heraus und schloss die Tür von innen. Ich war mir sicher, damit hatte Sarah nicht gerechnet. Ha! „Wie ist ihre Name?“ „Vincenco.“ Auch ein Italiener, das hätte ich mir denken können. „Wie lange arbeiten sie schon für Frau Finelli?“ „Ich habe schon für ihren Vater gearbeitet. Da war sie etwa zehn Jahre.“ „So, dann gehören sie ja schon sehr lange zu der Familie.“ „So würde ich das nicht nennen. Ich bin ein Angestellter und das wird einem gezeigt.“ Aha. Also keine happy Familie mit den Angestellten. Da würde ich Marta noch mal fragen müssen, bei ihr klang das anders. „Wie empfanden sie das Verhältnis der Familienmitglieder untereinander?“ „Darüber zu sprechen wäre indiskret.“ „Bei einer Mordermittlung ist nichts indiskret.“ Wies ich ihn darauf hin. „Mord? Ich dachte er wäre gestürzt?“ „Nein, er wurde gestoßen.“ Diese Eröffnung entsetzte den Butler. Er hielt sich die Hand vor den Mund. Wahre Betroffenheit sprach aus seinen Augen. „Ermordet? Wer? Warum?“ „Dafür bin ich da. Um das heraus zu finden. Was können sie mir also erzählen. Das Personal bekommt doch immer mit, was so zwischen den Wänden passiert.“

Er blickte mich an. Ich konnte den inneren Kampf erkennen. „Marcello war ein guter Junge, aber er hatte sich mit den falschen eingelassen. Er war immer sehr ehrgeizig und wollte immer besser als die anderen sein. Auch hier wollte er besser als sein Vater und seine Mutter sein. Er wollte mehr verkaufen, die Ernten ertragreicher machen. Ich habe manchmal seltsame Telefongespräche mitgehört. Er sprach über Geld, Macht und wie er alles hier auf puschen wolle. Ich weiß nicht worauf er sich eingelassen hatte. Aber manche Gespräche klangen sehr aufgewühlt. Ich denke, er steckte vielleicht in etwas illegalem drin. Das würde zu dem Jungen  Heißsporn passen.“ Vinzenco knetete unruhig seine Hände. „Wann haben sie ihn das letzte Mal gesehen?“ „Das war an dem Tag des Unfalls, Mords. Er hatte telefoniert – ich habe das Gespräch nicht mitbekommen. Aber es wurde sehr laut und heftig. Dann hatte er den Hörer aufgeknallt. Er ist aufgewühlt aus dem Haus gestürmt und mit dem Auto weggefahren. Danach hab ich ihn nicht mehr gesehen.“ „Wo waren sie am Abend dieses Tages?“ „Im Haus. Ich habe mich um das Essen und die Organisation für den nächsten Tag gekümmert. Ich muss von einigen Leuten des Personals gesehen worden sein.“ „Vielen Dank, Vinzenco.  Das war es erst mal. Sollte ihnen noch was einfallen, kommen sie bitte zu mir.“ Er nickte und verließ geknickt den Raum.

Ich würde mich noch mal zu Marta begeben. Ich hoffte etwas zu Essen abzubekommen und ihre nette Gesellschaft genießen zu können. Dabei würden vielleicht noch paar Geheimnisse gelüftet.

 

Fortsetzung folgt

Einzelaktionen

Schreib‘ mir eine Detektivgeschichte! Part 1 von 4

Ich wurde von Annie eingeladen eine Detektivgeschichte zu schreiben. HIER könnt ihr, ihre Geschichte lesen.

Quelle

 

Das war eine wahre Herausforderung. Ich habe zwar schon viel Krimis gesehen, aber nicht viele gelesen. Ich bin eher ein Thrillerleser. Also habe ich gute zwei Wochen erst Mal einige Krimisserien geschaut und einige Tipps aus dem Internet gezogen. Dann habe ich mir auf einigen Zetteln die Charaktere notiert und alles was so zu ihnen passen könnte. Motive, Alibis, Nebengeschichte. Am Ende habe ich dann doch viel frei geschrieben – aber diese Zettel haben geholfen sich bisschen mit dem Thema auseinander zu setzen. So und hier ist meine kleine Krimigeschichte, die ich über mehrer Tage verteilen werde. Zeitlich habe ich die 40er angepeilt.

Ich denke sie ist nicht sehr unvorhersehbar und spannend – aber es war ein interessantes Schreibvergnügen.


Im Folgenden werden sechs Personen vorgestellt, die in eurer Geschichte vorkommen – Die Charaktere:

Inspektor Neusüß (59): Er arbeitet schon seit einigen Jahren bei der Polizei und kann auf allerhand Erfahrung zurückgreifen. Er kennt die Beteiligten und hat daher ihnen gegenüber keine Vorurteile.

Sarah Finelli (64): Sie kommt ursprünglich aus Italien, lebt aber schon lange in Deutschland. Ihre Familie verdient schon seit vielen Jahrzehnten mit dem Weinbau ihren Lebensunterhalt. In der Pfalz bewirtschaftet Sarah Finelli einen großen Weinberg. Sie steht kurz vor dem Ruhestand und überlegt daher, wem sie das Unternehmen vermachen soll. Als emanzipierte Frau will sie es ihrer ältesten Tochter Vega überschreiben. Ihr Sohn Marcello soll eine gute Abfindung erhalten.

Vega Finelli (28): Sie wäre bereit, den Betrieb zu übernehmen, noch viel lieber würde sie allerdings ihren gelernten Beruf als Lehrerin ausüben.

Jan Scherke (30): Vegas Mann möchte das Weingut unbedingt erben. Deswegen hat er Vega auf schnellstmöglichen Wege im vergangenen Jahr geheiratet.

Marcello Finelli (25): Er ist ein richtiger Weinkenner und lebt für das Familiengeschäft. Daher fühlt er sich dazu berufen, das Weingut zu erben. Er scheut keine Mittel, um sein Ziel zu erreichen und seine Mutter davon zu überzeugen.

Marta Campari (50): Als Köchin ist sie die gute Seele des Hauses und die Vertraute aller beteiligten Personen.

 

Zuerst solltet ihr euch überlegen, wie die Personen sich verhalten. Ihr könnt euch an folgenden Fragen orientieren:

Was muss geschehen, damit eine Detektivgeschichte entstehen kann? Jemand muss zum Beispiel eine kriminelle Handlung vollziehen, die der Detektiv aufklären soll.

Wer soll der Täter sein und was hat er verbrochen?

Was hat den Täter zu dieser Tat verleitet?

Wie kommt der Inspektor dem Täter auf die Spur?

Was tragen die anderen Figuren zur Klärung des Falles bei?

Wie könnt ihr die verschiedenen Charaktereigenschaften der Figuren überzeugend in den Text einbauen?

Was passiert neben der Handlung des Kriminalfalls? Verlieben sich zum Beispiel bestimmte Personen ineinander?


Ich fahre gerade die lange Auffahrt zum Haus hinauf. Es war lange her, dass ich das letzte Mal auf dem Anwesen war. Ich war noch neu bei der Mordkommission. Es musste etwa fünfzehn Jahre her sein.  Der Hausherr war verstorben. Ein nicht natürlicher Tod. Man munkelte, er hätte seinem Leben ein Ende gesetzt. Gerüchte besagten, dass er sich verspekuliert hatte und er kurz vor dem Konkurs stand. Aber man sehe jetzt. Der Betrieb stand besser da als jemals vorher.

Ich stand vor dem pompösen Anwesen. Schon die Fahrt hier hoch hielt atemberaubende Aussichten parat. Diese Weinberge waren malerisch. Wie viele dieser Schauplätze in meiner langen Zeit als Inspektor hatte ich schon betreten? Zu viele!

Aber ich will mich ihnen erst einmal vorstellen. Mein Name ist Neusüß, Christian. Warum wurde ich immer zu solchen Einsätzen geschickt?

„Christian, du weißt doch, dass du am besten geeignet bist mit den Reichen und Schönen zu arbeiten. Deine Ruhe und Besonnenheit. Das ist halt dein Ding.“ Soviel zu der Erklärung meines Chefs. Ruhe und Besonnenheit.

Außerdem entspreche ich keinem herkömmlichen Polizistenklischee. Ich bin ledig, ja ein lediger Polizist, ohne schwierige Ehefrau, oder ein Trauma aus meiner Vergangenheit. Manchmal wünschte ich mir schon eine Familie. Zwei bis vier Bälger und eine hübsche liebevolle Frau, die mich nach Feierabend mit leckerem Essen begrüßt. Zuschriften bitte an das Revier. Dort halte ich mich eh am meisten auf.

 

Ich kann diesen Reichen Schnöseln echt nichts abgewinnen. Mein Chef schätz meine Unvoreingenommenheit. Ich behandle alle Verdächtigen gleich. Kein Vorurteil. Vor allem hier nicht. Aber dazu später noch mehr.

+++

Sarah Finelli hatte ein Juwel erschaffen. Eine Goldgrube, nach der sich so manch einer die Finger leckte. Aber sie regierte ihr Königreich mit eiserner Hand. Es war damals kein Mord nach zu weisen. Man tat es als Unfall ab. Wenn man ausversehen mit dem Seil um den Hals stirbt – gut, dann war es wohl ein Unfall. Das waren die Gründe, warum ich solche Aufträge verabscheute. Es ging immer um den guten Ruf.

Ich steige aus dem Auto und blicke die lange, beeindruckende Treppe hinauf. Sie war ganz in weiß. Am Fußende standen jeweils zu beiden Seiten schön gestaltete Buchsbäume. Der Butler kam mir entgegen. Er, wiederum bediente das klassische Klischee eines Butlers. Immer die Nase etwas zu hoch für seinen Stand.

„Herr Inspektor? Sie werden erwartet. Die Familie ist im Salon. Bitte folgen sie mir.“

Ich folge. Es hatte sich in den fünfzehn Jahren nicht viel geändert. Das war so in diesen Umgebungen üblich. Da wurde einmal teuer eingerichtet, und das blieb dann mindestens bis zum Tod des Kopfes der Familie. Je nachdem wie gut man sich mit den Hausherren verstand und wie viel man erbte, änderten die Kinder dann alles um es dann wieder bis zu deren verscheiden so zu belassen.

**

Wir betraten den Salon. Ich erfasste schnellstens die Situation. Zwei Frauen ein Mann. Bis auf Frau Finelli waren mir die anderen Unbekannt. Ich muss zugeben, die Frau hat sich ziemlich gut gehalten. Erfolg steht ihr gut.

„Inspektor Neusüß.“ Kündigte mich der Butler an.

„Inspektor, welch eine Tragödie, die sie hier her führt. Wir wissen ja, dass wir mit ihrer Diskretion rechnen dürfen, bis der Fall gelöst ist?“  „Natürlich.  Das ist selbstredend. Darf ich mir selbst ein Bild machen von der Situation?“ „Aber selbstverständlich. Folgen sie mir. Wir haben alles so belassen wie Vega es gefunden hat.“ Ich drehte mich um zu Vega und sah ein schüchternes Mädchen auf dem Sessel sitzen, die kaum ihren Kopf anhob um mich anzublicken. „Vega war mit dem Hund unterwegs. Das macht sie morgens immer. Sie ist da immer sehr gewissenhaft. Ich würde den Köter wahrscheinlich immer nur die Tür rauslassen und warten bis er von alleine zurückkam.“ Sagte ein Mann, der an der Bar stand. Er kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu. „Mein Name ist Jan, Jan Scherke. Ich bin Vegas Ehemann.“ Ich ergriff die Hand und stellte fest, dass ich diesen Mann nicht leiden konnte. Soviel zu Unvoreingenommenheit, Chef.

„Gut, dann lassen sie uns mal den Tatort betrachten.“ Wir gingen gesammelt zum Tatort. Ich konnte von weitem schon erkennen, dass dies bestimmt nicht so aussehen sollte. In den Reben lag eine männliche Leiche. Durch seinen Torso ging ein Metallstab. Ich blickte mich um und erkannte, dass die Befestigung der Reben war. Dort wurden sie festgebunden und beim Wachsen unterstützt. Eine davon befand sich jetzt in Marcello und darunter waren bestimmt ein halbes Glas Wein zermatscht.

Ich begab mich zur Marcello und begutachtete die Situation. „Bitte bleiben sie stehen. Ich muss mir erst ein Bild machen und sie könnten wichtige Spuren vernichten. Danke“

Vega schluchzte. Jan hatte den Arm um sie gelegt. Sarah beobachtete mich genau. Ich konnte erkennen, dass sich die Befestigung durch sein Herz gebohrt hatte. Er musste sofort Tod gewesen sein. Vorsichtig, um keine wichtigen Spuren zu verwischen, umrundete ich ihn. Ich zog meine Kamera hervor und knipste einige Bilder. Das macht man jetzt so. Ich würde sie dann entwickeln lassen und dann konnte ich mir den Tatort immer wieder anschauen. Bis ich entnervt aufgeben würde. Eine tolle Zeitersparnis, ich müsste nicht ständig in die Berge hier klettern. Allerdings ist die Aussicht von hier natürlich ganz besonders hübsch. Etwas geschmälert durch den Toten.

„Gut, ich habe genug gesehen. Lassen sie uns zurückgehen.“ Und so traten wir alle wieder den Rückweg zum Haus an.

+++

Auf dem Rückweg zum Haus arbeitete mein Gehirn schon auf volltouren. Das Finelli Weingut war der größte Arbeitgeber hier in der Gegend der Pfalz. Das würde natürlich wieder einiges an Fingerspitzengefühl bedürfen. Ich sollte mich echt zur Sitte versetzen lassen. So langsam hatte ich wirklich die Schnauze voll von Samthandschuhen. Definitiv konnte ich jetzt schon sagen – es handelte sich nicht um einen Unfall. Selbst ohne Kriminaltechnik konnte ich erkennen, dass der gute Marcello gestoßen wurde. Jetzt musste ich nur noch meine Theorie untermauern und den Täter finden.

Ich betrachtete die Familienangehörigen.

Da war Sarah Finelli – italienische Dame im Alter von 64. Sie hatte den gesamten Betrieb unter Kontrolle. Aber man sah ihr auch an, dass sie müde war.

Vega – die schüchterne graue Maus von Tochter. Man sollte die unscheinbaren nie unterschätzen. Vielleicht war sie es?

Jan. Ihn konnte ich noch nicht einschätzen. Er war auf jeden Fall nicht zu unterschätzen. Ich glaube er setzt seiner Frau etwas zu. Das werde ich noch in Erfahrung bringen.

Im Salon angekommen, sah ich eine weitere Person – eine Frau. Fragend blickte ich Sarah Finelli an. „Das ist Marta, Marta Campari unsere Köchin und gute Seele. Sie ist schon so lange in unserem Dienst, dass sie eigentlich zur Familie gehört.“ Ich ging auf sie zu und musste feststellen, dass die gute Dame wirklich eine Augenweide war. Und dazu noch eine Köchin. Hätte ich es besser treffen können. Eine gute Seele, die alle Geheimnisse kannte. Das musste ich für mich nutzen können. Außer sie hatte selbst ein Geheimnis. Wir werden sehen. „Herr Inspektor? Sie müssen hungrig sein? Kommen sie doch mit in die Küche, ich zaubere ihnen schnell etwas Einfaches.“ Mir lief ein Schauer über den Rücken. Ihre Stimme war sinnlich und mir fielen so einige Sünden ein, die nichts mit Essen zu tun hatten. Christian, schimpfte ich mich selbst. Professionell bleiben.

„Herrschaften, ich verabschiede mich erst mal. Ich schicke die Kriminaltechniker noch vorbei, damit sie den Tatort sichern und sichten. Ich werde mich bei ihnen melden. Ich möchte nur noch mein Bedauern zum Ausdruck bringen. Ein junger Mann in der Blüte seines Lebens und so ein schrecklicher Unfall.“ Bewusst blickte ich mich in der Runde um, als ich den inszenierten Unfall erwähnte. Keine Reaktionen. Sehr professionell. Oder wirklich unschuldig?

Ich folgte Marta in die Küche. Ein wirklich netter Anblick, ihre Hinterseite. Eine rassige Frau. „Kommen sie, setzen sie sich. Ich wärme ihnen schnell ein bisschen der Lasagne auf.“ „Vielen Dank Frau Campari.“ „Nennen sie mich Marta. Frau Campari, das klingt zu förmlich. Das bin ich nicht gewohnt, da komme ich mir irgendwie unwohl vor.“ „Also gut, Marta. Dann bestehe ich aber auch darauf, dass sie mich Christian nennen.“ Sie drehte sich zu mir um und blinzelte mir zu. „Aber gerne, Christian. Jetzt setzen sie sich erst mal und trinken sie einen Kaffee.“

„Marta, sie kennen doch bestimmt alle Familienmitglieder bestens. Was war Marcello für ein Typ? Ich möchte die Trauernden noch nicht damit behelligen.“ „Marcello.“ Sie schluchzte. Schnell stand ich auf um mich tröstend anzubieten. Wie schamlos von mir, aber ich bin halt doch auch nur ein Mann. Sie löste sich von mir. „Marcello war ein Augenstern. Ein Charmeur schon im Kinderwagen konnte er einem den Kopf verdrehen. Er war gerade mal 25. Er hatte das Geschäft von der Pike auf gelernt. Er wusste alles über Weine und ihren Vertrieb. Er hätte das Geschäft übernehmen sollen. Aber ….“ „Aber?“ „Ach, ich will nicht tratschen. Das soll ihnen besser Frau Finelli erzählen. Ich habe schon zu viel erzählt. Hier ihre Lasagne. Lassen sie es sich schmecken.“ „Setzen sie sich doch bisschen zu mir. Erzählen sie mir von sich.“ „Von mir, ach was soll ich schon erzählen. Ich bin wirklich nicht interessant genug. Was wollen sie wissen?“ Alles, dachte ich. Vor allem ob es einen Herr Campari gibt. Ich schluckte erst mal den Bissen der hervorragenden Lasagne. „Im Gegenteil, sie sind äußerst interessant. Wo kommen sie her, wie lange sind sie schon hier im Dienst und sind sie verheiratet?“ Ich konnte ein schelmisches Grinsen nicht unterdrücken und bemerkte erfreut eine leichte Rötung ihrer Wangen. Sie räusperte sich und um ihre Verlegenheit zu überspielen dann fing sie an zu erzählen. „Ich komme aus Palermo. Ich bin als junges Mädchen von zu Hause weg. Es war mir einfach zu Eng dort. Ich wollte etwas erleben. Aber als Frau ist das natürlich nicht so einfach. Ich bin, mehr oder weniger fast am Traualtar weg gelaufen. Ich war schon versprochen. So einem alten Metzger. Das kam nicht in Frage. So habe ich nie geheiratet, aber man muss ja nicht immer gleich Nägel mit Köpfen machen, wenn sie verstehen.“ Jetzt war ich an der Reihe zu erröten, ich verstand. Sie registrierte, dass sie mich aus dem Konzept gebracht hatte und ein leicht hämisches Lächeln umschmeichelte ihre verführerischen Lippen. „Mrmrremrm“ räusperte ich mich. “Ähm, wie sind sie bei den Finellis gelandet?“ „Das war nicht so schwer. Italiener ziehen sich halt an. Sarah kommt aus Italien und sie hat mich einem Restaurant abgeworben. Ich war dort als Köchin tätig und sie war begeistert von meinem Künsten. Das war vor ungefähr 25 Jahren. Da war Marcello gerade geboren und ich konnte meine Hilfe auch also Nanny anbieten.“ „Vega war da schon geboren?“ „Ja, Vega ist 28. Ein so hübsches kleines Mädchen. Sie war schon immer so eine Liebe und zarte Gestalt. Sie ist eigentlich zu schade für diese Welt. Ein kleiner Engel. Und so begabt. Aber ob sie für dieses Geschäft geeignet ist? Ich bin mir nicht so sicher. Aber jetzt soll es reichen. Denken sie nicht, ich merke nicht, dass sie mich hier aushorchen, sie Schlingel.“ Ich tat unschuldig und hob entschuldigend die Hände. „Das ist wohl eine Berufskrankheit. Entschuldigen sie. Ich will sie nicht bedrängen. Lieber erfahre ich doch mehr über sie.“ Flirtete ich dezent mit ihr. „Ach sie – ich muss sie jetzt aber verjagen. Ich muss das Abendessen richten. Wobei wohl kaum einer was essen wird. Aber sie wissen ja wie das in solch einem Haushalt ist. Der Schein muss sein. Herr Inspektor, „Christian“. „Christian, ich wünsche ihnen einen guten Heimweg und einen netten Abend.“ „So nett bin ich ja noch nie hinausgeworfen worden. Marta, ich bedanke mich und hoffe auf ein baldiges Wiedersehen.“ Ich stand auf und konnte mich nicht zurückhalten. Ich griff nach ihrer kleinen Hand und drückte einen Kuss darauf.

+++

„Was sollen wir jetzt machen, Mutter?“ „Vega, beruhige dich. Der Inspektor wird das schon regeln. Er wird schon herausfinden was deinem Bruder geschehen ist.“ „Was soll schon geschehen sein?“ erwiderte Jan. „Er wird wieder mal betrunken gewesen sein und eines seiner Flittchen mit seinem Reichtum beeindrucken wollen. Er zeigte ihr den Weinberg und ist dabei in seinem Suff unglücklich gestolpert. Diese Streben für die Reben sind schon recht robust. Die halten einen Brustkorb schon aus.“ „JAN! Ich bitte dich, sei nicht so vulgär. Du sprichst über meinen Sohn.“ Jan erhob beschwichtigend die Hände. „Ja klar, der Goldjunge. Ihn hast du ja immer beschützt. Aber was ist mit Vega? Sie ist auch deine Tochter. Sie brauch uns jetzt umso mehr“ Er trat auf Vega zu und schloss sie in seine Arme. Sie erstarrte. Seit einiger Zeit war die Beziehung abgekühlt. Sie hatte ein ungutes Gefühl in seiner Nähe, konnte es aber nicht fassen.

„Jetzt beruhigen wir uns erst mal. Marta wird das Essen gleich bringen. Selbst wenn sie fast ein Familienmitglied ist, sie ist nicht unser Blut. Also Kontenance. Der Schein muss gewahrt werden. Wir sind die Finellis. Bei uns gibt es keine Skandale. Ich will keinen öffentlich machen. Schmutzige Wäsche wird in unserem Bottich gewaschen. Nicht auf der Straße.“ „Aber Mutter, wie willst du das denn verhindern. Der Inspektor wird alle unsere Geheimnisse aufdecken.“ Sie fröstelte. Sie hatten alle Geheimnisse.

„Das versuche ich zu verhindern. Ich muss sehen, dass dies hier als Unfall zählt. Ich hoffe doch es war ein Unfall?“ Sarah blickte fragend in die  kleine Runde. Wer hätte auch ihrem Sohn etwas zu leide tun können? Er war ein Schatz. Nicht ohne. Ein Gigolo. Frauen liebten ihn. Aber er war ja auch noch jung. Gerade fünfundzwanzig. Er musste seine Hörner noch abstoßen. Sie stockte. Sie hatte noch nicht erfasst, dass er nicht mehr am Leben war. Am liebsten wäre sie jetzt gerade zusammen gebrochen. Aber auch sie musste den Schein wahren. Ach sie war so müde. Ihre Zeit war einfach gekommen. Und jetzt das.

Sie erhob sich und führte die kleine Familie in das Speisezimmer. Keiner hatte Appetit, aber das zählte nicht. Es ist immer der Schein. Es war ein tragischer Unfall, aber das Leben musste weiter gehen.

Sie setzte sich an den Kopf des Tisches. Das war ihr Platz seit ihr Vater und dann ihr Mann verstorben waren. Sie war die Hüterin der Familie. Das Familienoberhaupt. Sie müsste alles zusammenhalten.

+++

Marta war aufgewühlt. Dieser fesche Inspektor war ihr leicht unter die Haut gegangen. Aber noch viel schlimmer war: ihr kleiner Marcello war tot. Er war immer so lebenslustig und frech gewesen. Immer stibitze er ihr die Kekse vom Fensterbrett. Selbst jetzt noch, als Erwachsener ist er immer vorbei geschlichen und hat sich einen warmen Keks geklaut. Wie sollte es ohne ihn weiter gehen. Ein Stern war erloschen. Sie musste sich setzen. Die Familie würde warten, dass sie das Essen bereitete. Das Küchenmädchen kam herein und wollte das Essen abholen. Marta schnäuzte sich. „Anna, ach Herzchen. Ich bin bisschen hinten dran. Warte ich bereite alles schnell vor, dass du es nach oben bringen kannst.“ Das Mädchen stand still da. Sie hatte Marta noch nie so blass und schwach gesehen. Das ängstigte sie etwas.

+++

Ich war in meinem Büro angekommen. Den Film hatte ich zum Entwickeln im Labor abgegeben. Ich wollte erst mal Revue passieren lassen, was ich gesehen und gehört hatte.

Marcello fünfundzwanzig, von einer Rebenaufhängung erstochen. Beim Sturz, oder wurde er gestoßen?

Die Familie: Sarah, als Familienoberhaupt. Vega, die Tochter. Jan, der Schwager. Wer hätte einen Vorteil von Marcellos Tot? So offensichtlich keiner. Marcello war ein Schwerenöter, aber beliebt. Er war ein Weinkenner und kannte den Betrieb bis in die kleinste Presse. Ich schrieb groß Motiv auf einen Zettel und hängte es an meine Tatorttafel. Dort vereinte ich die Namen und die Steckbriefe.

Das Telefon klingelte. „Inspektor Neusüß.“ „Inspektor, die Fotos sind fertig. Sie können sie abholen.“ „Ja, danke. Ich komme sofort.“ Auf dem Rückweg würde ich mir noch schnell einen Kaffee holen. Dabei musste ich an den leckeren Kaffee von Marta denken. Da war der Präsidiumskaffee eine Plörre dagegen. Meistens blieb der Löffel stecken. Ein Männerkaffee, wie meine Kollegen gerne scherzten.

Ich hängte die Bilder an meine Tafel und betrachtete sie nachdenklich. Der Bericht der Kriminaltechniker lag mir ebenfalls schon vor. Ich blätterte ihn durch und verglich ihn mit den Aufnahmen. Das Ergebnis war eindeutig. Gleich morgenfrüh würde ich die Familie informieren. Es sollte eine Überraschung werden.

+++

Sarah saß am Frühstückstisch mit der Tageszeitung und ihrem Kaffee. Auf ihrem Teller lag ein leckeres Croissant. Das war seit Jahren ihr Frühstück. Da war sie sehr pedantisch. Sie blickte ärgerlich von der Zeitung auf, als ihr Butler eintrat. „Frau Finelli, der Inspektor ist da.“ „Was? So früh. Das ist schon ein bisschen ungehörig. Führen sie ihn in den Salon, ich brauche noch etwas. Ich lass mich bestimmt nicht von ihm hetzen.“ „Sehr wohl, gnädige Frau.“

Ich wusste, dass ich eigentlich etwas unverschämt früh war. Aber ich wollte nicht allzu viel Spielraum lassen. Die Familie sollte noch ungeschminkt vor mich treten. Als der Butler mich bat etwas Geduld zu haben und zu warten, verzog ich mich schnell mal in die Küche. Marta stand mit beiden Händen in einem Teig versunken und überall Mehl im Gesicht, an der Arbeitsplatte. „Christian? Du bist aber früh. Unverschämt früh.“ „Ja, ich bin ein Morgenmensch. Und ich dachte mir ich kann bei dir noch schnell einen deiner leckeren Kaffees abstauben?“ „Äh, ja natürlich. Bediene dich. Ich bin gerade etwas beschäftigt, wie du dir vielleicht denkst.“ Sie klang etwas genervt, aber das bezog ich nicht auf mich. Ich kann mir schon vorstellen, dass so ein herrschaftlicher Haufen gut bedient werden will. „Was meinst du, könnten wir noch bisschen reden. Vielleicht heute oder morgen Abend. Bei einem leckeren Essen und einem Gläschen Wein? Ich lade dich ein.“ „Ein Date?“ „Offiziell natürlich nicht. In einem laufenden Fall, würde ich nie mit einer Betroffenen ein Date einfädeln. Es dient alles zur Wahrheitsfindung.“ Schmunzelte ich und sah erfreut dass sie mich offen anlächelte. „Dann morgen, heute ist etwas knapp. Ich muss mich für das Nicht-Date erst zu Recht machen. Eine Frau in meinem Alter brauch etwas Anlaufzeit.“ Wohl wissend, dass man am besten gar nichts erwähnt wenn eine Frau ihr Alter auf den Plan bringt, stand ich auf und drückte ihr einen kleinen, zaghaften Kuss auf die Wange. Bevor sie sich beschweren konnte, hatte ich die Küche schon verlassen.

Leicht errötend fasste sich Marta an die geküsste Wange und lächelte glücklich.

 

Fortsetzung folgt

Einzelaktionen

Schreibmission #2 – Zirkus – Die Entscheidung

Malina bietet wöchentlich Ideen  mit Herausforderungen an um eine kleine Gesichte zu schreiben. Schreibmission. Die aktuelle Mission für diese Woche:

Die heutige Mission:

Thema: Zirkus

Vorkommen soll: Eine besondere Uhr

Beschreibe in deinem Text: Ein Kostüm der Akrobaten

 

Eigentlich hatte ich einen gruseligen und düsteren Zirkus im Kopf, bei dem Thema – aber wie es so ist – sobald man anfängt zu schreiben, verselbständigt sich die Geschichte manchmal.

Tretet ein in den Zirkus.


 

Der Zirkus war in der Stadt – immer das Highlight des Jahres. Die Kinder rannten durch die Straßen, kaum dass die Plakate angebracht waren und spielten Löwen, Elefanten, Clowns, Seiltänzer. Auch Anton war aufgeregt. Er war jetzt vierzehn und wusste, wenn man vierzehn war, gab es etwas ganz besonders in diesem Zirkus. Aber keiner sprach je davon. Ein Geheimnis. Das gab es in diesem Dorf eigentlich gar nicht – Geheimnisse. Die alte Krähe von gegenüber, war immer ein Garant, dass jeder alles erfuhr. Aber auch sie hielt dieses Geheimnis unter Verschluss.

Morgen würde er endlich  mehr wissen. Er legte sich ins Bett – aber der Schlaf wollte nicht kommen. Unruhig wälzte er sich hin und her. Er war einfach zu aufgeregt. Seufzend stieg er aus dem Bett und ging zum Fenster – er hoffte die frische Luft würde ihn bisschen schläfrig machen. Die Gaslampen waren schon erloschen, der zunehmende Mond erleuchtete die Straße schwach. Anton blickte aus dem Fenster und sah hinter der nächsten Ecke seltsame Schatten hervor kommen. Große schlaksige Gestalten, die ihre Arme seltsam hin und her baumeln ließen. Eigenartige Kreaturen die auf vier Beinen liefen. Ängstlich schüttelte er den Kopf. Das sind doch nur Schatten. Die gehören bestimmt zum Zirkus.

Er rannte zurück ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Die Freude auf Morgen war dem leichten Schrecken gewichen. Dann schlief er ein.

Am nächsten Morgen schien die Sonne durch sein Fenster. Er sprang aus seinem Bett. Die hellen Strahlen verscheuchten den Schrecken des Abends. Schnell zog er sich an und rannte die Treppe herunter. Seine Eltern waren schon beim Frühstücken. „Endlich, der Zirkus. Und endlich werde ich in das Geheimnis eingeweiht.“ Er tanzte um den Tisch und seine Eltern schauten sich sorgenvoll an. Nach dem Frühstück liefen sie zu dem Marktplatz, auf dem sich der Zirkus niedergelassen hatte. Anton rannte voraus. Er hatte seine Karte in der Hand und suchte schon die besten Plätze für sie heraus.

Am Anfang waren die üblichen Attraktionen zu sehen. Löwenbändiger, Clowns die aus einem zu kleinen Auto krabbeln und Plastikblumen mit Wasser auf ihre Kameraden richteten. Pferde, Elefanten, Akrobaten. Das erste Mal, dass Anton auf die Akrobaten achtete. Ein Mädchen – etwa in seinem Alter – stand vor ihm und streckte die Arme aus. Ihr Kostüm war atemberaubend schön. In blau und grüntönen gehalten schimmerte es wie er sich eine Meerjungfrau vorstellen würde. Es war mit wunderschönen Steinen und Pailletten bestickt und ihr kleines Rüschenröckchen wirkte wie aus Spinnweben gesponnen.

Anton verlor sein Herz. Das erste Mal, dass er sich verliebte. Sie war eine Seiltänzerin und er konnte den Blick nicht von ihr wenden, wie sie oben in den Lüften des Zirkuszeltes sprang, sich drehte, vor und zurück lief. Er klatschte mit am lautesten Beifall.

Die Vorstellung war vorüber.

Es folgte die Ansage, die er schon so viele Jahre vorher gehört hatte.

„Liebes Publikum. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit und die vollen Reihen. Wir bedanken uns herzlich bei ihnen auch für ihre Gastfreundlichkeit. Die Show ist für heute beendet. Ich würde alle bitten, das Zelt zu verlassen. Die einzigen, die heute bleiben dürfen, sind die Kinder, die in diesem Jahr das vierzehnte Lebensjahr erreicht haben. Vielen Dank für ihr Verständnis.“

Antons Eltern standen auf. Sein Vater strich ihm über den Kopf und seine Mutter drückte ihm noch einen Kuss auf die Wange. „Du weißt wir lieben dich. Egal wie du dich entscheidest. Wir werden dich immer lieben und du wirst hier immer ein Zuhause haben.“ Seine Mutter drückte ihn ganz fest und Tränen rannen über ihre Wange. Er verstand gar nichts. Was sollte denn diese Ansage. Er drückte sie zurück und streichelte ihren Rücken beruhigend.

Dann war er mit noch drei weiteren Kindern, die er aus der Schule kannte, alleine in dem Zelt. Der Direktor trat in die Mitte der Manege. Er hielt eine Uhr in der Hand. Sie war sehr alt und hatte schöne Verschnörkelungen auf ihrem Deckel.

„Liebe Gäste – liebe vierzehnjährige. Heute kommt der Tag auf den ihr so lange warten musstet. Heute wird meine besondere Uhr hier in meiner Hand euch die Wahrheit offenbaren. Danach wird sie euch eine Entscheidung abringen. Also seid aufmerksam und überlegt gut.“

Anton war fasziniert und sprachlos – etwas ängstlich. Aber dasselbe sah er auch bei den anderen.

Die Uhr drehte sich und die Zeiger drehten sich einmal rund ums Ziffernblatt. Dann öffnete sich der Vorhang und die Show begann.

Er sah seltsame Kreaturen, die vor ihm hin und her liefen. Elefantenartig aber doch keine Elefanten. Sie hatten mehrere Augen und gespaltene Rüssel. Die Akrobaten, flogen – ja sie flogen herein. Auf ihrem Rücken befanden sich Flügel. Die Pferde hatten Hörner auf der Stirn und die Löwen die eintraten wirkten nicht nur Majestätisch – sie waren Majestäten. Ihre Mähnen blitzten und blinkten und sie konnten sprechen. Als letztes kam seine neue Liebe. Die kleine Seiltänzerin. Auch sie hatte schöne schimmernde Flügel. Sie kam direkt auf ihn zu geflogen. „Hallo Anton. Ich in Araja – eine Fee. Wie gefällt dir die zweite Show?“ „Woher kennst du meinen Namen?“ „Wir kennen alle Namen der vierzehnjährigen. Es ist die Zeit der Entscheidung für euch. Entscheidet ihr euch für euer geheimes Wesen oder bleibt ihr bei den Menschen.“ „Welches geheime Wesen? Ich bin doch kein Wesen, ich bin ein Mensch.“ „Hm, ja schon – aber in jedem Menschen schlummert ein anderes Wesen. Und wenn wir vierzehn werden erwacht es durch uns. Dann können wir uns entscheiden. Mensch oder Fabelwesen?“ „Und was für ein Wesen bin ich?“ „Komm zum Spiegel.“ Sie zog Anton  mit sich. Vor dem Spiegel sah er es dann. Er drehte sich, dass er seinen Rücken sehen konnte. Er hatte Flügel. Ganz fein und leicht. Er war eine Fee. Wie Araja.

„Und was kommt jetzt?“ „Der Direktor wird euch gleich aufklären, setz dich einfach wieder und warte bisschen.“ Das tat er. Aber ständig schaute er auf seinen Rücken und sah seine Flügel flattern. Es fühlte sich gut an. Frei – Richtig. Er beobachtete die Figuren in der Manege. Sie waren glücklich. Dann kam der Direktor in die Mitte. „So ihr vierzehnjährigen. Ihr wurdet jeder in sein Wesen eingeführt. Jetzt liegt die Entscheidung bei euch. Ihr könnt entscheiden. Bleibt ihr bei uns in eurem wahren Wesen oder geht ihr zurück zum Menschendasein. Bedenkt – als Mensch werdet ihr nie wieder in euer mystisches Wesen zurückkehren können. Als Fabelwesen könnt ihr die Form der Menschen annehmen und eure Familien besuchen. Diejenigen, die sich zum Menschenleben entscheiden werden allerdings einen Vertrag unterschreiben, niemals die wahre Identität dieses Zirkus bekannt zu geben. Sollte dieser Vertrag gebrochen werden, wird es euch schlecht ergehen. Ihr werdet furchtbare Qualen erleiden. Also bedenkt dies.“

Anton grübelte. Mensch oder Fee. Er liebte seine Eltern, hatte aber keine Freunde. Sein Leben war langweilig und er war eingeengt. Fee. Hier stand ihm alles offen. Freiheit, Freunde, Freude. Etwa eine Stunde später kam der Direktor wieder. „Wie habt ihr euch entschieden?“ Die drei anderen neben Anton hatten sich gegen das Leben im Zirkus entschieden. Anton dagegen wusste, das hier war seine Bestimmung. Hier würde er glücklich werden.

„Gut – ihr drei dürft gehen und denkt an den Vertrag. Niemals dürft ihr ihn brechen. Anton. Gehe bitte zu deinen Eltern und sage ihnen wie du dich entschieden hast. Sie standen selbst vor der Entscheidung damals und wissen wie es ist. Also hab keine Angst. Danach komm wieder und beginne dein neues Leben bei uns.“

Anton verließ das Zelt um sich zu verabschieden. Seine Eltern lachten und weinten. „Ich wusste es – ich habe es schon bei deiner Geburt gewusst. Mein Sohn. Wir lieben dich. Und einmal im Jahr werden wir uns sehen. Pass auf dich auf.“ Sein Vater umarmte ihn und seine Mutter weinte bitterlich. Aber sie lächelte.

Schnell packte er seine Sachen und fast wäre er geflogen um wieder bei seiner neuen Familie zu sein. Ein aufregendes Leben würde  ihn erwarten.

 

ENDE

 

Einzelaktionen

Schreibmission – Halbwesen

Eine neue Schreibaktion ist an den Start gegangen. Malina hat auf ihrem Blog Bücherträumerei  eine Schreibmission gestartet. Dafür zitiere ich einfach mal die Bedingungen

Kurz erklärt

  • Es gibt jeden Sonntag ein paar kleine Aufgaben, zu denen du dann einen Text schreiben kannst – egal, ob Geschichte, Gedicht etc.

  • Danach kannst du deinen Beitrag über Social-Media (#schreibmission) teilen, bei den anderen Teilnehmern vorbeischauen und eine Aufgabe fürs nächstes Mal vorschlagen.

  • Du hast bis zum nächsten Samstag Zeit, deinen Text zu schreiben.


Die Mission

  • Schreibthema: Halbwesen
  • Vorgegebene Wörter: Turmspitzen, Marionette, Blütenblatt
  • Herausforderung: Beschreibe Emotionen nur anhand Gestik und Mimik!

Es ist natürlich etwas zu lang geworden – obwohl ich es so kurz wie möglich versucht habe – und ob ich das mit der Herausforderung so richtig eingesetzt habe – weiss ich nicht – das war schon eine Herausforderung. Ich wünsche euch viel Spass beim lesen und vielleicht hat ja der ein oder andere auch mal Lust zu schreiben.


Hallo Leute – ich bin Ariana – und heute ist mein sechzehnter Geburtstag. Ist das nicht normalerweise ein Freudentag? Ja sollte er sein. Auch bei mir – ich plane meinen sechzehnten Geburtstag schon seit ich vierzehn geworden bin. Ich habe einen kleinen Ordner angelegt, was ich so mit sechzehn von mir erwarte. Ein schönes Mädchen mit einem Blütenblatt im Haar ziert den Einband – das hatte ich mal in einem Esoterikshop gefunden und war sofort verliebt in dieses Bild. Aber kommen wir doch zum Inhalt – der ist ja eigentlich schon interessant – also ich wollte mit sechzehn hübsch, langhaarig, schlank, schlagfertig, verliebt sein. Jetzt bin ich sechzehn und bin nicht hässlich – wenigstens, spaghettihaarig, schlaksig, schüchtern und nicht verliebt – nun – ist ja gar nicht so schlecht – ach – wenigstens bin ich eine Optimistin. Bis heute – denn als ich heute Morgen wach wurde und mich so richtig auf meinen Geburtstag freute – juckten mir ganz furchtbar die Beine – Ich zog meine Schlafanzughose aus und war total behaart – WAS?? Ich rasiere mir natürlich schon lange die Beine –  was war das denn? Ich stürzte also ins Bad und musste tatsächlich zwei Klingen verwenden – also ist das ein Hormonschub mit sechzehn? Ein heftiger Schub. Aber ich will weiter erzählen:  Ich gehe also hinunter in die Küche um meine Familie zu begrüßen. Wie erwartet sind alle versammelt – Mein Vater, meine Mutter, die Großmutter, und meine Tante – Mein Bruder konnte nicht, der ist in der Uni  und muss irgendwelche Arbeiten abgeben. Aber was  musste ich sehen – „Hei Schwesterchen – alles Gute zum Geburtstag. Dank moderner Kommunikation kann ich wenigstens dein Gesicht sehen fühl dich gedrückt und geknutscht. Hab einen schönen Tag – ich  muss weg.“ „Ahhh. Frankie – danke dir – ich freu mich dich zu sehen. Danke, danke, danke für deinen Anruf – ich wünsche dir viel Glück bei deinen Tests. Knutschi.“ Ich verabschiedete mich winkend und klappte den Laptop zu. Die anderen schauten mich erwartungsvoll an. Meine Tante sprach mich als erstes an. „Na Süße – sweet sixteen. Wie fühlst du dich?“ „Hm ich denke genauso wie gestern mit fünfzehn. Aber ich habe irgendwie einen Hormonschub bekommen – meine Beine waren total behaart – willkommen in der Pubertät.“ Lachte ich und bemerkte die verstohlenen Blicke meiner Familie – misstrauisch beäugte ich sie. „Alles klar – warum scharrt ihr so nervös mit den Füssen?“ Erschrocken blickten sie mich an. „Was? Da täuschst du dich mein Schatz.“ Meinte mein Vater und nestelte nervös an seiner Krawatte. Ich zuckte mit den Schultern und schaute mich um. Geschenke gab es bei uns traditionell immer abends, wenn die Familie wieder zusammen kam. Aber es gab immer ein kleines Törtchen mit einer Kerze zum auspusten um den Geburtstag stimmungsvoll zu begrüßen. Und da stand auch schon mein Schokotörtchen mit kleinen Spitzen. Darauf freute ich mich immer am meisten. Sie stellten sich um mich und stimmten den Happy Birthday Song an, während ich die Kerze auf den Turmspitzen des Törtchens auspustete.  Jeder konnte sich dann eine Ecke abbrechen und wir verabredeten uns dann am Abend.

In der Schule traf ich meine beste Freundin – sie blickte mich seltsam an – in ihrem Gesicht spiegelte sich Verwunderung, erstaunen, entsetzen, Freude und irgendwie angst ab. Angst? Ich musste mich täuschen. „Hallo Geburtstagskind – hat dich der Geburtstagsgeist besucht?“ „Hä – was soll mich besucht haben?“ „Ein Scherz –aber du siehst so anders aus. Deine Haare wirken so voll und glänzend und länger – warst du beim Friseur und hast Extensions?“ „Was – quatsch – als könnte ich mir das leisten. Du bist ja witzig – vielleicht habe ich sie nur anders gekämmt – keine Ahnung – oder es liegt an dem Hormonschub.“ Und ich erzählte ihr von meiner Beinbehaarung. Sie schaute verwirrt und wieder etwas ängstlich – seltsam. Sie drückte mich und steckte mir schnell ein kleines Geschenk in die Tasche. „Ich muss los – ich muss ein Referat halten – wollen wir nach der Schule ein Eis essen? Ich lad dich ein.“ „Ja – ok – aber ich lad dich ein. Treffen wir uns bei den Fahrrädern am Ende.“ Wir hatten wenig Kurse zusammen unsere Freundschaft hatte ihren Anfang im Kindergarten. Aber wir hatten so unterschiedliche Interessen, dass wir kaum was zusammen belegt hatten – warum wir Freundinnen waren – keine Ahnung – die Chemie stimmte einfach. Nach der Schule trafen wir uns in unserem Stamm-Eiscafé – gut es war das einzige hier im Dorf – aber es klingt doch einfach gut, oder? Ich packte mein Geschenk aus und freute mich wahnsinnig – Es war ein Bild von uns beiden als wir mal einen schrägen Kurs hatten – Da hatten wir so viel Spaß und der Kursleiter hat uns dabei fotografiert wie wir eine Marionette entwirrten. Wir wollten mal ein Marionettentheater machen – aber wir waren wirklich total unfähig, diese Fäden nicht ständig zu verwurschteln.  „Das war ein toller Tag, oder?“ Fragte mich Betsy. „Oh  ja, das Geschenk ist klasse. Da erinnere ich mich so gerne zurück – wir sollten den Kursleiter noch mal besuchen und ihn noch mal zum Verzweifeln bringen.“ Wir lachten herzlich, quatschten noch bisschen über das Wochenende, an dem meine Party stattfinden sollte. Dann verabschiedeten wir uns und ich fuhr mit dem Rad nach Hause. Ich freute mich auf meine Familie – das waren immer die schönsten Momente am Geburtstag.

Das Fahrradfahren war heute wirklich sehr anstrengend. Mir schmerzten die Beine und ich konnte kaum den kleinen Hügel zu unserem Haus bewältigen. Ich biss die Zähne zusammen, schaltete runter und fuhr fast im Leerlauf hoch. Endlich, schnaufend angekommen schob ich das Fahrrad in die Garage und betrat von dort das Haus. Als erstes musste ich in mein Zimmer mich bequem anziehen. Die Schmerzen waren fast unerträglich. Im Bad nahm ich mir erst noch schnell eine Schmerztablette und legte mich dann ins Bett. Bevor ich  mich umziehen konnte war ich schon eingeschlafen.

Ich träumte – ich war im Wald um  mich herum flirrte und zirpte es. Musik spielte und es wurde getanzt – ich glaub ich sah Feen und Nymphen. Sie lagen im weichen Gras und ich saß mit einer Flöte neben ihnen auf der ich spielte – ich blickte an mir herunter – und erschrak – ich sah krumme Beine mit Hufen. Erschrocken sprang ich auf und blickte an mir herunter – ja – ich hatte Ziegenbeine mit Hufen. Schweißgebadet wachte ich auf und meine Beine schmerzten furchtbar. Wahrscheinlich hatte ich mich im Schlaf so verkrampft. Es war schon düster in meinem Zimmer, als ich mich aus dem Bett quälte. Ich stolperte, konnte mich aber auffangen. Meine Tante stand in der Tür und beobachtete mich. „Hallo Sweetie – wir haben mit dir zu reden – komm, zieh dir was Bequemes an und trink das hier gegen die Schmerzen.“ Ich schaute sie ängstlich an und misstrauisch auf das Glas. „Was ist das?“ „Es wird dir helfen, vertrau mir und komm nach unten.“

Ich trank das Glas schnell aus, bevor ich merkte wie widerlich das schmeckte und musste würgen – so viel zu vertrauen. Bäh – Igitt. Schnell ging ich ins Bad um Wasser nachzutrinken. Wie war das widerlich. Was hat sie mir da gegeben. Aber sie hatte Recht, die Schmerzen verschwanden augenblicklich. Ich entspannte mich. Dann zog ich mich um. Aber vorher stellte ich  mich vor den Spiegel. Der Traum wirkte noch nach und ich hatte das Bedürfnis meine Beine zu betrachten. Oh nein – da waren ja schon wieder die Haare – was war das nur? Ein Gendefekt – deswegen wollte meine Tante mit mir reden? Waren die Beine etwas krumm? Ach quatsch – ich ließ mich zu sehr von meinem Traum beeinflussen. Ich zog die Hose an und rannte schnell runter.

Meine Großmutter stand in der Tür. „Hallo mein Schatz.“ Sie umarmte mich – ich liebte ihren Geruch nach Orangeplätzchen und Kaffee.  Es war ihr Geruch, den ich schon von klein auf kannte und liebte. Ich fühlte mich so geborgen in ihren Armen – ich wollte gar nicht mehr los gelassen werden. Als sie mich dann doch losließ fröstelte ich – so sehr fehlte es mir schon.

Meine Mutter und meine Tante saßen auf der Couch und hatten eine Tasse Kaffee vor sich. „Hier mein Schatz.“ Meine Mutter reichte mir eine Tasse warmen Kakao. Mein Lieblingsgetränk. Mit Schokostreusel. „Okay – jetzt will ich aber wissen was los ist. Bin ich irgendwie krank?“ Und zog dabei meine Hosenbeine hoch. „Warum wachsen meine Haare an den Beinen so schnell? Und was waren das für furchtbare schmerzen?“ Mein Vater seufzte tief. „Ach meine arme Kleine – ich hatte gehofft, dass es wenigstens dich überspringt. Wie soll ich das erklären?“ „Nun –am besten wohl am Anfang, oder?“ „Das dauert zu lange.“ Meinte meine Tante und zog so das Gespräch zu sich. „Also ich versuche dir das schnell und klar zu erklären – wie bei dem berühmten Pflaster.“ Ich blickte sie neugierig und offen an. Ich wollte einfach wissen was los ist.

„Wir sind keine Menschen!“ Ich runzelte die Stirn – und blickte verwirrt durch das Zimmer – vielleicht sprang gleich mein Bruder hinter dem Sessel vor und schrie „Überraschung“ Aber es geschah nichts. Also hörte ich mit immer noch gerunzelter Stirn weiter zu. „Äh – wir gehören einem Geschlecht von Göttern an – wir sind Halbwesen, oder auch Mischwesen.“  Ich sprang auf – lief das Zimmer hoch und runter – blickte meine Familie an und wollte eigentlich lachen – wäre da nicht der Erinnerungsfetzen meines Traumes, in dem ich Ziegenbeine hatte. Ich blickte meine Beine an – doch sie waren krummer, als ich sie  kannte – was sollte das – würde ich eine Ziege werden? Schlief ich  noch?

„Das ist schwer zu verstehen – wir haben das alle durch gemacht – mit sechzehn – Frag mich nicht, warum alle Veränderungen mit sechzehn starten, das ist so ein mystisches Gesetz. Auf jeden Fall  Verwandeln wir uns dann.“ „Verwandeln?“ Ich klang etwas hysterisch, mein Atem ging stoßweise und ich glaubte gleich ohnmächtig zu werden. Mein Vater sprang auf und stützte mich. Sanft führte er mich zur Couch. „Setz dich und atme tief durch.“ „Atmen? Ich glaube ich habe irgendwie ein anderes Problem. Zu was verwandle ich mich – ich bin sechzehn. Mein Leben fängt gerade an und ich verwandle mich in irgendwas schräges – als wäre die Pubertät nicht schwer genug – muss ich jetzt mit krummen Beinen und Hufen durch die Gegend laufen – wie soll ich das im Sport machen – ich werde das Gespött werden – ich werde ausgestoßen. Ich werde ein Freak.“ Schrie ich mittlerweile.

„Beruhig dich und trink deine Schokolade.“ Sagte meine Mutter herrisch. Ich schrumpfte im Sitzkissen des Sofas zusammen und schlürfte meine Schokolade – sofort wurde ich ruhiger – natürlich – da war bestimmt was reingemischt. Natürlich – wahrscheinlich mischte mir meine Familie schon immer was in meinen Kakao – und ein Gehirnschaden war jetzt die Folge. Tse.

„Also – wir gehören also einem alten Geschlecht der Götter an?“ Wiederholte ich fragend? „Und welchem – Ziegengötter?“ Wieder erntete ich seltsame Blicke. „Wie kommst du denn darauf?“ Fragte meine Mutter – „Ich habe so was in der Art geträumt.“ „Hm.“ Machte die Großmutter. „Ich glaube – und das soll eine Ehre sein – selbst wenn du das jetzt nicht so sehen wirst – du bist ein besonderes Exemplar unserer Spezies.“ „Oh Mann – ich glaube ich spinne – was soll denn das heißen Spezies? Was bin ich denn, was sind wir denn?“ „Wir gehören dem Geschlecht der Pan an.“ Sagte ihr Vater. „Pan? Der Schlaftyp mit den schlechten Träumen?“ „Nein – das ist ein Faun – aber die ähneln sich. Es gibt so viel verschiedene Mythen über uns. Das wichtigste wirst du schon lernen – wenn du in die Schule gehst.“ „Schule??? Was den für eine Schule???“ Ich blickte meine Familie ängstlich an – ich sollte doch nicht etwa die Schule wechseln. Oh nein. „Na in deiner Schule gibt es speziellen Unterricht für Wesen wie uns – deswegen wohnen wir hier. Deine Freundin ist auch schon in diesem Unterricht, da sie etwas älter ist.“ „Betsy?“ „Ja genau – sie kommt nach her auch noch und weißt dich ein – sie wird sowas wie dein Sponsor.“ „Sponsor – ich bin doch keine Alkoholikerin – ich bin ein – was? Pan? Was ist das überhaupt?“ „ Es ist ein Gott – Gott des Waldes und der Natur. Er liebt Fröhlichkeit, Tanz und Musik. Gut wir haben noch paar unangenehme Eigenschaften – aber das hat ja eh jeder.“ Meinte meine Tante.

Es klingelte an der Tür. „Ah – das wird wohl Betsy sein. Sie wird dir mehr erzählen können – so unter Freundinnen.“ Meine Tante huschte schnell zur Tür und meine – angeblich – beste Freundin schlich leicht geduckt, als hätte sie Angst vor meiner Reaktion, ins Zimmer hinein. „Betsy – meine beste Freundin. Was muss ich hören?“ „Äh – ja – Pan, ne – Surprise – du bist eine Göttin.“ Göttin? Klingt eigentlich gar nicht so schlecht – gut die Beine nun da werde ich wohl eine Lösung finden – es gibt ja luftige Hosen und lange Röcke. Aber mit dem Begriff Göttin kann ich mich tatsächlich anfreunden.

ENDE

Einzelaktionen

Ich erinnere mich … Eine Schreibübung

Frau Vro´s Muse inspiriert uns dieses Mal ebenfalls.

Das erste Mal auf diese Idee aufmerksam wurde sie bei Anita von der Textweberei. Die Idee selbst stammt von Michael Staravic, bei dem sie einen Schreibworkshop gemacht hat. Und so geht’s:

Ihr beginnt mit „Ich erinnere mich, …“ und schreibt die erste Erinnerung auf, die euch einfällt. Die nächste Erinnerung betrifft ein Ereignis, das niemals stattgefunden hat und nur eurer Fantasie entspringt. Danach kommt wieder eine tatsächliche Erinnerung und danach eine erfundene. So geht das zehn Sätze lang


Das war eine interessante Übung, die doch bisschen  mehr über sein Inneres verrät, als man selbst so denkt. Manches klingt so verbittert, wie ich tatsächlich noch bin. Sehr spannende Sache.

1 – Ich erinnere mich an mein Vorstellungsgespräch bei  meiner jetzigen Firma. Ich war sehr nervös und nicht sicher, dass ich länger als ½ Jahr dort bleiben wollte. Die Uhrzeit war unmenschlich. 19 Jahre später ist die Uhrzeit immer noch unmenschlich und ich habe den Absprung versäumt.

1 – Ich erinnere mich dass ich auf den Himalaya stieg und als Erste die Fahne in den Gipfel stiess. Es war ein berauschendes Gefühl, von dem ich meinen Enkeln heute noch erzähle.

2 – Ich erinnere mich als wir unseren Rüden geholt haben. Mein Mann hat ihn im Auto geholt und ich hatte ihn eingeholt. Ich sass auf dem Roller und konnte den kleinen süssen Fratz bewundern, ich konnte es kaum abwarten ihn zu knuddlen. 13 Jahre später liebe ich es immer noch ihn zu knuddeln.

2 – Ich erinnere mich an meine Insel, die ich für uns gekauft habe. Sie ist  mittlerweile erschlossen und auch dem Internet angeschlossen. Von dort aus blogge ich das relaxte Inselleben. Ich liege in der Hängematte unter meiner Lieblingspalme und schlürfe leckere Cocktails.

3 – Ich erinnere mich an die Suche nach einem passenden Haus für uns und die Hunde. Haus für Haus haben wir uns angeschaut. Dann endlich das perfekte für uns gefunden. Wichtig war uns, dass die Hunde sicher im Hof bleiben können. Wir waren unwichtig.

3 – Ich erinnere mich an den Flug ins Weltall um festzustellen, dass alles Lüge ist, was uns die Medien und Schulen beigebracht haben. Die Erde sieht ganz anders aus, als wir es gezeigt bekommen.

4 – Ich erinnere mich wie Glücklich ich war, als ich die Zulassung für die Uni bekam. Es war im Nachbarort und ich musste weder umziehen noch einen neuen Job suchen. Ich war so happy. Ein anderes Leben sollte starten.

4 – Ich erinnere mich an meine erfolgreiche Doktorarbeit, die bahnbrechende Erkenntnisse hervorbrachten. Ich werde in mehreren Fachzeitschriften erwähnt und mein Fachbuch ist in den Lehrstoff aufgenommen worden.

5 – Ich erinnere  mich an unseren ersten Neuwagen. Den haben wir gekauft, damit wir nicht irgendwo unterwegs auf den Weg zu Arbeit liegen bleiben. Da war es uns noch wichtig.

5 – Ich erinnere mich, dass es eine Entschuldigung des Arbeitgebers für seine Handlung gab. Eine öffentliche Entschuldigung vor der gesamten Belegschaft um und zu rehabilitieren.

6 – Ich erinnere mich an meine Reise nach Ägypten. Ich war so beeindruckt von den Bauwerken und der Geschichte. Noch Jahrelang danach habe ich alles darüber gelesen und ständig die Bilder betrachtet.

6 – Ich erinnere mich,  dass meinem Schwiegervater einen neue Lunge eingesetzt wurde, genauso gerecht wie bei Roland Kaiser.

7 – Ich erinnere mich daran, wie mein Mann mich nach  meinem Namen gefragt hatte und ich wusste, dass er mich bald nach einem Date fragen würde. Eigentlich wollte ich damals keinen Freund haben, aber ich konnte dem netten Kerl einfach keinen Korb geben. 17 Jahre später freue ich mich über diese Entscheidung

7 – Ich erinnere mich, dass ich den Weltrekord im Schwimmen gebrochen habe. Ich wurde ins Guinnessbuch der Rekorde eingetragen und kann kleinen Kindern das Schwimmen beibringen.

8 – Ich erinnere mich an eine Exkursion von der Uni aus und ich war immer das Schlusslicht, da      bekam ich, nicht das erste mal, das Gefühl, dass Studieren doch nicht so das richtige für mich war.

8 – Ich erinnere mich, dass ich im Dunkeln durch die Strassen laufe und sich ein Portal öffnet um   mir zu zeigen wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich bei manchen Abzweigungen den anderen Weg gewählt hätte.

9 – Ich erinnere mich an die Weihnachtstage bei denen ich mit meiner Mutter Plätzchen backte. Sie hat das wirklich nur für mich gemacht, denn sie hasst es zu backen.

9 – Ich erinnere mich an meine Reise um die Welt. Ich habe alles wichtigen Sehenswürdigkeiten betrachtet und vor allem die gesamte Chinesische Mauer abgelaufen.

10 – Ich erinnere mich an unsere Fahrt nach München mit unserem Dackel, der leider schon 12 Jahre tot ist. Es war so toll. Die Bayern lieben einfach Dackel. Ständig wurden wir angesprochen wegen des Prachtexemplars von einem Dackel. Er hat das gespürt, irgendwie ist er noch stolzer als sonst vor uns her gelaufen.

10 – Ich erinnere mich an mein Leben in der Vergangenheit. Die breiten Hüften, auf denen ich die Kinder und die Körbe transportierte, habe ich in mein heutiges Leben mitgenommen.