Horror, Schreib mit mir

Schreib mit mir Teil 5 – Trügerische Freiheit – Das Grauen lauert im Nebel Teil 2 von 2

Den ersten Teil könnt ihr HIER noch mal nachlesen.

Was bisher geschah:

Hank ist nicht zimperlich. Er hat schon eine bewegte Vergangenheit und einige Gefängnisse kennen gelernt. Aber dieses hier – das ist seltsam. Es scheint ein verfluchter Ort mit verfluchten Insassen zu sein. So langsam bekommt er es mit der Angst zu tun.

Kapitel 5

Art führte Hank zur Essensausgabe. „Hier ist unser Restaurant. Barney ist der Küchenchef. Ein netter Brummbär, der immer was zu erzählen hat. Unser Barkeeper nur ohne Alkohol. Da hinten in der Ecke, das sind die, vor denen du mich beschützen sollst. Das sind die, die mich als ihre „Bitch“ wollen.“ Er hob die Finger zu den Gänsefüßen. „Hey – mein Arsch soll Jungfrau bleiben. Echt jetzt.“

„Gut wir werden sehen, wie nützlich du mir noch bist. Wenn sie nützlicher sind, verkaufe ich dich.“ Meinte Hank trocken und genoss Arts entsetzten Blick. „Na danke auch. Da komme ich vom Regen in die Traufe. Nun gut, wir werden sehen.“

Hank knuffte Art. Aber Art hatte die Ernsthaftigkeit schon herausgehört. Hank war nicht hier, weil er ein netter Kerl war. Hier kamen  nur die ganz bösen Kerle her. Verzweifelt fragte er sich erneut, warum er überhaupt hier gelandet war. Ein Rätsel, das er wohl nie lösen würde. Aber jetzt würde er hoffentlich auch mal schlafen können und nicht ständig vor Angst die Tür verbarrikadieren müssen. An Flucht hatte er nur mal gedacht. Er wusste, dass er niemals genug Mut aufbringen würde. Zuviel Schauergeschichten rankten um das Gebiet außerhalb der Gefängnismauern.

Nach dem Frühstück gingen die beiden in den Hof. Dort gab es die üblichen Aufbauten. Fitnessbereich, Basketballkörbe und die „Chill-Ecke“. Hank beobachtete alles ganz genau. Hier schien es keinen Alpha zu geben. Sehr seltsam. Es wirkte fast harmonisch. Die alten Knackis spielten Karten oder Schach, die Jungen machten Sport. Einzig, die vor denen Art Angst hatte schienen auf Krawall aus. Den konnten sie haben. Er wäre bereit. So ab und zu einen Faustkampf würde er brauchen. Ich drehe sonst durch. Da kann ich gleich einem Buchclub oder Häkelverein beitreten. Nichts Aufregendes los hier.

„Hei, Art. Warum bricht hier eigentlich keiner aus? Keine Wachen, keine Hochsicherheit? Erklär mir das!“

„Es lauert etwas im Nebel. Manchmal hört man es oder sie. Genau weiß es keiner. Der einzige, der tatsächlich einen Ausbruch überlebte ist Mick. Der Alte mit dem Buch dahinten. Aber er spricht nicht. Wenn man ihn darauf anspricht starrt er einen nur an. Und glaub mir, das ist super unheimlich. Er ist nämlich blind. Angeblich seit dem Ausbruch. Wenn man in seine Nähe kommt, scheint seine Stille einen zu Boden zu drücken. Ich weiß es nicht, vielleicht ist er besessen? Auf jeden Fall macht er einem Angst. Du kannst dein Glück probieren. Aber er wird nicht antworten. Manche sagen er redet nur, wenn ein neuer Angriff bevorsteht, oder einer ausbricht.

Manchmal greift das Grauen aus dem Nebel tatsächlich an. Der Zaun ist das einzige, das uns schützt. Wir glauben es sind die jungen. Frisch geschlüpft, oder was auch immer. Die sind zu ungeduldig und wollen uns provozieren. Manchmal hört man die Tiere des Waldes schreien. Furchtbare Schreie. Es ist ganz übel, Alter. Da möchte man sich bei seinen Eltern im Bett verkriechen.“

Hank sah Art verständnislos an. Warum sollte man das wollen. Er hätte sich nie bei seinen Eltern verkrochen. Was ein Weichei.

Hinter ihnen manifestierte sich ein Schatten. „Hei, Neuer. Ich bin Walt und ich kenne dich. Du warst mit Freddy damals im Bau. Ich kann mich genau an dich und deine Schläger erinnern. Hier wird es das nicht geben. Wir haben kein schlechtes Leben hier. Wir können machen was wir sollen. Keine Wärter, die uns schikanieren. Genug zu Essen, Ruhe – was will man mehr?“ „Freiheit vielleicht?“ „Glaubst du, du bist er erste harte Hund, der hier her kam und ausbrechen wollte. Geh nur zu Mick und frag den stummen Blinden. Wenn du einen lichten Moment erwischst antwortet er vielleicht. Ich rate dir die Füße still zu halten. Du hättest es schlimmer treffen können. Das Gefängnis beschützt uns. Aber erwartet Loyalität. Du hast bestimmt geträumt? Wir haben alle geträumt. Glaub mir, das scheiss Gefängnis ist verflucht, verhext, was auch immer. Wer hier drin ist bleibt hier. Da draußen, das sind die Soldaten des Gefängnisses. Keiner, außer Mick, hat es gesehen und überlebt. Weißt du wer da draußen lauert? Die gefallenen. Erst die der Kriege und dann die neuen Rekruten – die geflohenen Gefangenen. Kein einziger, der hier aufgenommen wurde, wird je entlassen. Schau dir die Chroniken an. Da liest du es.“

„Wie hat Mick es geschafft zu überleben?“ „Keine Ahnung. Er ist nicht mehr klar im Kopf. Er war auf jeden Fall mehr Tod als Lebendig als er zurückkam. Ist er jetzt ja irgendwie immer noch. Also finde dich damit ab. Die wird nur bleiben und leben oder sterben bei dem Versuch zu flüchten. Was ist dir lieber?“

„Ihr spinnt doch! Ein verhextes Gefängnis und was? Tote Soldaten? Ihr wollt mich verarschen, weil ich der Neue bin. Ich gehe zu Mick.“

Kapitel 6

Hank setzte sich Mick gegenüber. Dieser hielt die Bibel in der Hand. „Hi, ich bin Hank. Mick?“ Keine Reaktion. „Was ist da dran, an der urbanen Legende?“ Mick starte Hank mit seinen blinden Augen an. Sofort stellten sich Hanks Haare an den Armen auf. Art hatte Recht, es war befremdlich und gruselig. Es war als würde Mick direkt in seine Seele blicken.

„Das Grauen wartet im Nebel. Diejenigen Innerhalb sind des Todes. Diejenigen Außerhalb sind des Todes. Die Seelen der Außenseiter sind verdorben  das Futter der unerlösten. Keiner hier hat die Erlösung verdient. Bleib innerhalb der Mauern und werde erleuchtet. Das bedeutet Frieden und Sicherheit für deine Seele  – niemals Freiheit. Setzt einen Fuß nach draußen und bleibe für immer als Wächter und hungriger Wanderer. Niemals wirst Befreit du werden.“

Nach diesen Worten wendete sich Mick von Hank ab. Die Bibel wie ein Schutzschild vor sich erhoben.

Hank stand auf und ging zurück zu Freddy und Art. „Und?“ Freddy sah ihn wissend an. „Hast du deine Antworten?“  „Ich weiß nicht was ich habe, außer Kopfschmerzen. Mick ist echt Gaga.“ Art legte seinen Kopf fragend leicht schräg. „Willst du immer noch flüchten?“  „Nun – es muss doch möglich sein von hier zu entkommen. Wer weiß ob es nicht einer von den Flüchtenden geschafft hat? Weg ist weg und sie werden wohl kaum eine Postkarte von den Malediven schicken.“

Hank stand auf und ließ die beiden zurück. Grübelnd ging er die leeren Gänge, die immer noch gruselig wirkten, entlang. Er suchte die Verwaltung. Es musste doch einen Plan des Gefängnisses geben.

Kapitel 7

Hank fand den Weg in die oberen Stockwerke. Die Büros waren, praktischer Weise, ausgeschildert. Er fand die Tür zur Verwaltung somit sehr schnell. Dort hing auch ein Plan des Gefängnisses. Wer hat denn dieses Gefängnis geplant? Es gibt keine Notausgänge. Nur den Haupteingang. Das gibt es doch nicht. Er setzte sich in den bequemen Chefsessel und drehte gedankenverloren hin und her. Der Stuhl war so bequem, dass er einnickte. Ein Traum schlich sich in seinen Schlaf. Er stand auf dem Wachturm und schaute über die Mauer. Es dämmerte schon, aber die Außenbeleuchtung war hell genug um alles auszuleuchten. Er sah Schatten sich bewegen. Undeutlich aber menschlich. Sie blickten hinauf zu ihm. Ihre Augen leuchteten gelblich. Hank zitterte. Vor ihm erschien ganz plötzlich ein Gesicht – unvorstellbar verzerrt und entstellt. Die Augen angstvoll aufgerissen und gelb leuchtend.  Er erschrak und wich zurück. Je weiter er zurück wich umso genauer konnte er die Gestallt erkennen. Seine Augen weiteten sich vor Schrecken und Erkennen. Vor ihm stand ein Bekannter. Vor ihm stand er selbst und er zeigte mit dem knochigen Finger auf ihn.

Hank schreckte auf und wäre fast vom Stuhl gefallen. War das eine Warnung, so wie Art ihm das erklärt hatte? Schnell stand er auf um den Raum zu verlassen. Sein Ziel war die Chronik. Er wollte sehen was andere berichteten.

Er rannte den Gang entlang, das Licht flackerte und warf grauenhafte Schatten an die Wand. Hank sah Gestalten mit langen knorrigen Fingern, die nach ihm griffen. Er war schweißgebadet, als er endlich im unteren Stockwerk Art in die Arme lief. „Hei, Alter. Du siehst aus als wärst du dem Leibhaftigen persönlich begegnet. Alles klar?“

„Ja  – so in etwa. Ich habe wieder geträumt und Schatten verfolgten mich. Ich glaube wir sind hier in der Vorhölle.“ Hank sah hektisch über seine Schulter zurück. Es folgte ihm niemand. „Bring mich zur Chronik. Ich will bisschen lesen.“ „Gut. Folge mir.“

Sie standen vor der Wand und Hank betrachtete die Sätze. Sie berichteten von Träumen, ähnlich den seinen. Von den Geräuschen und Theorien. Alles was Art ihm schon berichtete. „Komm, lass uns zum Abendessen gehen. Barny macht Steak und Pommes. Ich liebe Pommes.“ Er zog Hank mit sich, der sich widerspruchslos fügte. Nach dem Essen saßen sie vor dem Fernsehen und  ließen sich von einer billigen Telenovela berieseln.

Am nächsten Tag beschloss Hank sich genauer am Tor umzuschauen. Die Nacht hatte wieder grauenhafte Träume hervorgerufen. Er musste raus hier. Das Wetter war schlecht und die wenigsten kamen heraus. Nur ein paar liefen ihre Runden und achteten nicht auf ihn. Er inspizierte das Schloss. Es war niedrigste Sicherheitsstufe. Er konnte es nicht glauben, dass hier so wenig auf die Ausbuchsicherheit geachtet wurde.

In dem Moment öffnete sich das Tor. Er blicke irritiert. Dann sah er den Bus, Frischfleisch. Sie schienen so sicher, dass keiner abhaute, dass null Sicherheitsvorkehrungen getätigt wurden. Ein Fingerzeig des Schicksals, dachte Hank. Und nutzte das sich öffnende Tor um raus zu huschen. Er verbarg sich im Nebel und bückte sich hinter den Büschen. Jetzt musste er nur noch warten. Warten konnte er.

Kapitel 8

Während er wartete, döste er etwas ein. Er erwachte von dem Motoren Geräusch des sich entfernenden Transporters. Jetzt konnte er auch endlich fliehen. In Freiheit. Vielleicht würde er sogar ein neues Leben starten können. Ehrlich werden, eine Familie gründen und ein guter Vater werden. Vielleicht konnte er das.

Der letzte Gedanke war sein neues Leben, das er beginnen wollte. Sein letzter Blick zurück galt den Gemäuern hinter ihm und Gesichter hinter den Fenstern. Mick und neben ihm stand traurig blickend, Art. Eine Hand zum Abschied erhoben lösten sie sich auf. Das Gefängnis zerfiel vor seinen Augen. Nur noch ein Gerippe aus Mauerwerk. Das Letzte was er las, ein Ausschnitt aus der Chronik an der Aussenmauer.

„Die Befreiten Geister sind sicher hinter diesen Mauern. Die verfluchten Geister jagen vor den Mauern der vergangenen Sicherheit hinter her. Auf ewig sind beide Seiten Gefangen, ob ihrer Taten. Du, der du das liest – hast dich für die falsche Seite entschieden.“

Hanks Gestalt begann sich aufzulösen. Er wurde zu einem Schatten mit gelben Augen. Keiner wird jemals seinem Gefängnis entkommen. Ein neuer Eintrag auf der Chronik im Waschraum erzählt von dieser Geschichte. Für Nachfolgende, die vor der Entscheidung stehen – Sicherheit aber Verdammt im Inneren – oder Ewiger Jäger und Verdammt im Äußeren.

ENDE

Die Inspiration stammt von Jette. Vielen Dank

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Horror, Schreib mit mir

Schreib mit mir Teil 5 – Trügerische Freiheit – Das Grauen lauert im Nebel Teil 1 von 2

Wieder hat mich ein Szenario von Jette „gefangen“ genommen. Dieses mal eine Geschichte um ein seltsames Gefängnis.

Allerdings konnte ich mich wieder nicht bremsen und muss es aufteilen. Es wird zwei Parts geben.


Setting:

Dein/e Protagonist/in ist ein/ Gefangene/r in einem Gefängnis. In diesem Gefängnis gibt es keine Wachen. Dennoch haben die Gefangenen zu viel Angst um zu fliehen.

Warum fliehen sie nicht? Was würde passieren, wenn sie es doch versuchen?

Gegenstände:

ein Schlagstock, eine Pistole, Tränengas, Gefängnisoverall

Charaktere:

Ein absoluter Feigling und jemanden der beunruhigend still ist


Hank war das, was man einen harten Kerl nennt. Sein Vorstrafenregister könnte in jeder Kriminologie-Vorlesung als Paradebeispiel dienen.  Man könnte natürlich anbringen, dass er eine schwierige Kindheit hatte. Ja das stimmt sogar – seine Mutter eine Säuferin und Prostituierte, sein Vater ein Schläger – ein typisches Klischee. Das einzige was nicht passte, war Hank. Er war immer brav, schüchtern, ängstlich und zurückhaltend. Sein Vater verachtete ihn dafür. Er hielt ihn für einen jammernden Schwächling und schlug oft umso härter zu, um einen Mann aus ihm zu machen. Dann wurde er erwachsen – und er erkannte, dass er etwas ändern musste, wenn er nicht immer unter solchen Menschen, wie seinem Vater, leiden wollte. Er schloss sich einer Gang ein und als sein Vater irgendwann mal wieder zuschlagen wollte, kam Hank ihm zuvor. Er schlug mit all seiner Wut und seinem Hass zu. Solange bis sein Vater sich nicht mehr rührte. Als seine Mutter in das Zimmer stürmte und ihrem Mann tot da liegen sah, stürzte sie sich auf Hank und boxte ihn. Eigentlich wollte er sie nicht töten – sie war ja auch ein Opfer des Systems. Dumm nur, dass sie nie für Hank da war. Er griff in seinen Rücken und holte die Pistole aus dem Gürtel – er schoss und es war ruhig. Danach entwickelte sich seine kriminelle Karriere wie aus dem Lehrbuch. So kam es dann auch, dass er mehr Zeit seines Lebens in Gefängnissen als in Freiheit verbrachte. Ja – Hank war ein unangenehmer Zeitgenosse. Besser man ging ihm aus dem Weg.

Wieder einmal saß er vor einem Richter. Er hörte gar nicht richtig zu. Ein schwitzender Junganwalt, der nervös mit den Seiten raschelte und vor dem Richter stotterte – Hank war es egal. Er saß im Gefängnisoverall auf dem Stuhl und wartete auf sein Urteil. Das wäre die letzte Verurteilung. Er würde nie wieder in Freiheit kommen.

Er erinnerte sich an seine Verhaftung. Sie hätten ihn nie überwältigt, wenn sie nicht Tränengas verwendet hätten. Er lächelte bei dem Gedanken an den Grünschnabel, der seine Pistole kaum richtig herum gehalten hatte. Fast hätte  er sie noch fallen lassen. Hank holte gerade mit seinem Schlagstock aus, als das Gas durch die Fenster geworfen wurde.

Er hatte Gerüchte gehört über ein Gefängnis ohne Wärter. Die Verhandlung war vorüber und Hank sollte tatsächlich lebenslänglich in dieses mysteriöse Gefängnis ohne Wärter kommen. Innerlich jubelte er – das wäre doch gelacht, wenn er nicht einfach die Flatter machen könnte. Lächelnd betrat er den Gefangenentransporter, setzte sich und schlief entspannt ein.

Kapitel 2

Der Transport stoppte  „Hei – Gefangener – hast du gut geschlafen? Wach auf. Hei Penner. Wir sind da. Die gemütlichen Stunden sind vorbei. Auf du Lurch. Beweg dich und reih dich ein. Dein neues zu Hause will dich willkommen heißen. Harharhar.“

Hank schlug die Augen auf. Er hatte tatsächlich gut geschlafen. Das Ruckeln des Autos und das Brummen des Motors hatte ihn sanft ein schlummern lassen – wie ein Baby in der Wiege. Er schmunzelte leicht und bekam gleich einen Tritt in den Magen.

„Hei – Wichser – beweg dich, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Im Dunkeln werden wir hier weg sein. Auf, auf.“

Der Wächter wusste nicht, wie froh er sein konnte, dass Hank gefesselt war. Beruhige dich Brauner – du kannst es eh nicht ändern. Atme tief ein und aus und verlasse das Auto. Es wird schon noch eine Möglichkeit geben sich zu entfernen. Ein Knast ohne Bewachung – wie schwer soll das schon für mich sein.

Hank reihte sich hinter den anderen Gefangenen ein. Insgesamt waren sie vier Männer. Er schaute sich unauffällig um. Ein Sumpfgebiet. Er seufzte tief. Sumpf ist immer gefährlich – aber immerhin an ein Festland gebunden. Eine Insel wäre schwieriger geworden.

Er konnte den Weg erkennen, den das Auto genommen hatte. Er würde als Fluchtweg ausfallen. Hank konnte Solarbetriebene Straßenlaternen erkennen. Wahrscheinlich war auch irgendwo ein Überwachungssystem geschaltet. Nein – er musste anders hier raus kommen.

Aber sein erstes Ziel würde der Boss sein. Es gab immer einen Boss. Und das wollte Hank sein. Er würde auf keinen Fall die Bitch von jemandem sein. Ha. Nicht er. Das würden die da drinnen schon merken.

Kapitel  3

Hank lies das nervige Aufnahmeritual über sich ergehen. Es war ja nicht sein erster Besuch im Gefängnis. Er schlappte stur hinter den anderen her, zog sich aus, als es befohlen wurde und präsentierte alle seine Körperöffnungen. Als Krimineller durfte man halt nicht schüchtern sein.

Nach dem Prozedere bekam er seine Kleidung, Handtuch, Seife, Zahnbürste und Zahnpasta. Er wurde zu seiner Zelle gebracht und alleine gelassen.

„Hei, hei Neuer. Wie heißt du? Willst du mein Freund sein? Mein Beschützer? Du siehst stark und angsteinflößend aus. Ich brauche jemanden, der mich beschützt. Ich habe solch Angst.“

„Wie lange bist du schon hier?“ „Eine Woche, und du glaubst nicht wie beängstigend das hier ist.“

„Erzähl mir was  über den Knast hier.  Komm rüber zu mir und berichte was ich wissen muss.“

Hank schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam und ein Bürschchen, der nicht älter als siebzehn oder achtzehn sein konnte drückte sich an der Wand entlang und schlüpfte in die Zelle.

„Hallo, ich bin Art.“ „Hank.“ „Dein Name klingt schon mutig. Ich bin irgendwie falsch hier. Hier sind nur Schwerverbrecher – nicht für ungut, aber dass du kein Waisenknabe bist ist offensichtlich.“

„Warum bist du hier?“ „Ich bin ein bekannter Hacker. Und ich habe das Verteidigungsministerium gehackt und lahm gelegt. Ich bin also ein Staatsfeind. Aber mich in den härtesten Knast zu stecken, finde ich doch etwas übertrieben.“

„Härtester Knast? Du willst mich veralbern, oder? Hier gibt es keine Wachen. Soweit ich das sehe, werden wir noch nicht mal eingeschlossen. Was ist denn da hart?“

„Du hast keine Ahnung. Du Tor. Du bist noch neu – aber du wirst schon erfahren, wie toll es hier ist. Und nicht nur die Insassen. Glaube mir.“

Hank betrachtete Art nachdenklich. Ich werde schon herausfinden, was dieser Feigling meint. Morgen werde ich erst mal das Gebiet erkunden. Mal sehen wer hier das Sagen hat.

„So – Art. War ja echt nett, deine Bekanntschaft zu  machen, aber ich habe eine lange Fahrt hinter mir und ich bin echt geschafft. Ich will mich jetzt nur noch aufs Ohr hauen und solange schlafen, wie ich darf. Wie lange darf man denn hier schlafen?“

„So lange du willst. Gibt ja keine Wärter hier. Wir sind hier im nirgendwo.“

„Na bestens – das ist ja wie Urlaub hier. Vielleicht gefällt es mir ja doch. Wir werden sehen. Und jetzt verpiss dich.“

Kapitel 4

Hank konnte trotz Müdigkeit nicht einschlafen. Er grübelte. Was würde ihn erwarten. Ein Gefängnis ohne Wärter. Warum flüchtet keiner? Das kann doch nicht sein, dass die alle ein Leben in Gefangenschaft vorziehen.

Irgendwann holte der Schlaf ihn doch ein. Er schlief unruhig. Immer wieder stöhnte er und warf sich hin und her. Kurz vor der Dämmerung schreckte er hoch. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. War es aus seinem Traum, oder kam es von draußen. Er war nass geschwitzt und fror.

Ihm blieb nichts anderes übrig als aufzustehen. An Schlaf war erst mal nicht mehr zu denken. Die Notbeleuchtung war angeschaltet und er ging auf den Gang hinaus. Kein Mensch war auf den Gängen unterwegs. Er folgte den Pfeilen auf dem Boden, die ihn zu den Ausgängen führten. Die Notbeleuchtung ließ den Gang in einem dämmerigen grünen Licht erscheinen. Hank sah in jeder Ecke Schatten, die sich bewegten. Eine Gänsehaut überzog seine Arme. Es war wirklich gruselig. Am liebsten wäre er sofort umgekehrt in seine Zelle und hätte die Tür freiwillig verschlossen.

Verdammt, reiß dich zusammen, du Memme. Was soll denn hier schon großartig sein. Vielleicht irgendein Gefangener, der wie ich nicht schlafen kann. Vielleicht ist der irgendwo hängen geblieben und hat irgendwas umgeworfen, und das hat das Geräusch gemacht, dass dich geweckt hat. Ja so wird es sein. Ich will jetzt nur mal an die frische Luft. Dann gehe ich zurück in meine Zelle und schlafe weiter.

Hank beruhigte sich wieder. Er ging weiter durch die unheimlichen Gänge. Seine Schritte wurden von den Wänden zurück geworfen. Das irritierte ihn. Er hatte das Gefühl schon ewig gelaufen zu sein. Irgendwo musste doch  mal eine Tür nach außen sein.  Verflixt. Ich glaube ich laufe im Kreis. Was soll der Scheiss. Da! Eine Tür. Endlich. Hank ging etwas schneller. Seine Schritte hinterließen ein Echo. Ein Echo? Er blieb stehen. Die Schritte gingen weiter. Erschrocken drehte er sich um. Ein Schatten an der Wand bewegte sich weiter. Hank hielt den Atem an. Gleich müsste jemand um die Ecke kommen. Der Schatten bewegte sich weiter. Langsam aber ohne zu zögern. Jetzt musste sein Verfolger erscheinen. Aber da war niemand. Er hörte immer noch Schritte. Aber kein Mensch war hervor getreten. Der Schatten an der Wand bewegte sich weiter. Er kam auf Hank zu.

Hank ging langsam rückwärts. Das konnte doch nicht sein. Was konnte einen Schatten an die Wand werfen, wenn es keinen Körper dazu gab? Dann stolperte Hank und musste sich auffangen damit er nicht stürzte. In dem Moment stand der Schatten genau vor ihm. Hank hielt den Atem an. Da spürte er einen kräftigen Stoß. Dieser Stoß beförderte ihn geradewegs auf die gegenüberliegende Wand zu.  Er fiel und blieb mit dem Rücken an der Wand und rutschte herunter – so blieb er sitzen. Der Schatten kam immer näher. Hank hob zum Schutz den Arm. Da spürte er wie er am Arm gezogen wurde. Er wurde nach oben gezogen und ein scharfer Schmerz drang in seinen Arm. Wieder und wieder war es, als würde jemand auf ihn einstechen. Dann war es vorbei. Ganz plötzlich war der Spuk vorüber. Hank betrachtete seinen Arm. Es waren lauter oberflächliche Schnitte zu erkennen. Nicht tief. Nichts Besorgniserregendes. Schnell rannte er in Richtung seiner Zelle. Atemlos trat er ein und verschloss die Zellentür.  Er blickte sich um, ob er etwas fand mit dem er die Zelle verriegeln konnte. Da gab es nichts. Dann legte er sich schnell in sein Bett und zog die Decke über den Kopf wie ein kleiner Junge. Er versuchte ganz leise zu atmen um ja keine Geräusche zu machen. Ein leichtes Zittern fuhr durch seinen Körper. Nicht mehr viel und seine Körperfunktionen würden ihren Dienst einstellen und er würde sich in die Hose pinkeln. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. Und es war verdammt gruselig.

Er hörte ein Rauschen. Als würde der Wind Blätter durch den leeren Gang treiben. Noch einige Zeit horchte er und atmete leise. Dann schlief er ein.

Am nächsten Morgen wachte Hank auf. Er spürte, dass er nicht alleine war, und zog vorsichtig die Decke von seinem Gesicht. Und er erschrak. Vor ihm, auf einem Stuhl, saß Art.

„Verdammt, Alter. Spinnst du mich so zu erschrecken. Was soll denn das?“ Schnauzte er Art an.

„Hallo Freund. Wie hast du geschlafen?“

„Beschissen. Was zum Teufel ist hier nachts los? Schau nur – ich habe lauter Schnittverletzungen.“ Er hob seinen Arm und wollte die Schnitte zeigen. Seine Arme waren unverletzt. Hank drehte hektisch seine Arme hin und her. „D-Das versteh ich nicht. Ich hatte gestern die Zelle verlassen und irgendein Schatten hat mich angegriffen und verletzt. Aber hier – es ist nichts auf meinen Armen.

„Ach ja – ich hätte dich vielleicht vorwarnen sollen. Man bekommt hier sonderbare Träume, wenn man neu ist. Hat irgendwas mit der Einstellung zu tun. Als wüsste das Gefängnis etwas über deine Gedanken und schickt dir Träume zur Warnung. So in etwa findest du es in der Chronik.“

„Chronik? Hier gibt es eine Chronik?“

„Na ja Chronik ist vielleicht etwas hochtrabend. Warst du schon im Waschraum? An den Wänden dort und auf dem Klo, findest du die Chronik.“

Hank sah Art zweifelnd an – ein seltsamer Knabe – ein seltsamer Ort.

Fortsetzung