Apokalypse, [abc.etüden]

7 aus 12 | Etüdensommerpausenintermezzo II-2022 – Worst Case

 

Während der Sommerpause der Etüden können wir uns trotzdem noch austoben. Christiane hat für das Etüdensommerpausenintermezzo 12 Worte gesammelt, von denen wir 7 verwenden sollen. Inklusive diesen Satzes

Wie wenig wir einander kennen.

Hier die 12 Worte

Flohzirkus

Flughafen

Herrgottsfrühe

Kulleraugen

Milonga

Regionalbahn

Schatten

Sommerpause

Tischtuch

Ukraine

Wasserrationierung

Wasserratte

Der Text darf so lange sein, wie er halt ist. Keine Worteinschränkungen. Bis zum 4.9. läuft das Intermezzo noch. Also haut in die Tasten


Ich hab ein kleines Worst Case Szenario geschrieben, das wahrscheinlich nicht so unrealistisch ist….wer weiss.


Elena drehte den Wasserhahn auf – ein einsamer Tropfen löste sich. Er platschte ohrenbetäubend in die Spüle. So kam es ihr vor. Sie haben es tatsächlich wahr gemacht. Wasserrationierung. Ihr hat ja keiner geglaubt. Alle hatten abgewunken. „So was würden die doch nie machen. Wir zahlen regelmässig unsere Rechnungen. Wenn das kommt, wenn das kommt…..ja – Mietminderung. Auf jeden Fall. Und was hätten sie denn davon uns so leiden zu lassen? Die werden schon eine Lösung finden“. Es hat keiner geglaubt. Lieber sind sie mit ihrem super Ticket in der Regionalbahn in die Sommerpause gefahren. Es hat keiner geglaubt. Und jetzt war es da. Die Strassen waren verweisst. Die kleinen Läden, die sich tapfer geschlagen hatten: Ihre Schaufenster waren mit Zeitungspapier zugeklebt. Manche waren eingeworfen. Vorallem Elektroläden. Klar – wer will nicht den grössten Fernsehen zu Hause haben, wenn man kein Wasser mehr hat? Wie wenig wir einander kennen, merkt man, wenn man dann bei einer Krise alleine dasteht.

Elena streckte die Beine aus. Was jetzt? Mit grossen Kulleraugen sass sie und blickte aus dem Fenster. Etwas braute sich zusammen.

*

In aller Herrgottsfrühe schlich sich ein Schatten durch die Strassen. Dieser Schatten vergrösserte sich von Tür zu Tür an der er vorbeischlich. Bis es ein Mobb war. Dieser Mobb stand jetzt vor einem prächtigen Haus. Nach und nach wurden die Lampen angeschaltet. Eine Unruhe machte sich breit. Der Mann an der Spitze zischte. „Ruhe. Wir wollen hier keinen Flohzirkus. Die Situation ist ernst.“

Er erhob seine Hand, klopfte schwer an die Tür und wartete. Wartet mit dem Mobb. Die Tür öffnete sich. Jemand stand in der Tür, verschlafen und sich die Augen reibend. Eine bekannte Persönlichkeit. Eine wohlige Wärme drang aus der Tür. Das war der zündende Funken. Ein Tischtuch wurde gereicht. Der bekannten Persönlichkeit wurde dieses Tuch übergeworfen und mit Schnüren wurde sie umwickelt. Wie eine Roulade mit bunten Tupfen dekoriert. Der Mobb war nicht mehr zu halten. Sie stürmten das Haus – der Mann an der Spitze zog die umwickelte Persönlichkeit heraus. Ein Blick auf sein Handy verriet ihm, seine Kameraden in allen anderen Städten, in denen die restliche Elite wohnte, war gerade genau in diesem Moment auf dem selben Stand. Alle posteten Bilder in den sozialen Medien von in Tischtücher eingewickelten Menschen. Und all diese Menschen die meinten das Volk weiter und weiter pressen zu können wurden an einen öffentlichen Platz getrieben. Barfuss, mit verrotteten Gemüse und faulen Eiern beworfen, wurden sie durch die Stadt getrieben. Das Militär, das für solche Zwecke schon bereitgestellt wurde, würde den Eliten nicht helfen. Langsam zogen sie sich zurück. Sie würden sich nicht gegen ihr Volk stellen. Sollten sie doch die Leute vor schlimmen schützen. Was gab es schlimmeres, als sein Volk hungern und frieren zu lassen? Seit Monaten, Jahren wurde das Volk nach und nach versklavt.

*

Elena trat vor die Tür. Hier war ihre Antwort. „Was jetzt?“

Vom Himmel kam ein Getöse. Das Ende nahte. Elena war bereit. Sie wusste, dass es so nicht weiter gehen konnte. Gott hatte endgültig die Schnauze voll.

Werbung
[abc.etüden]

10 aus 15 | Etüdensommerpausenintermezzo

Die Etüden gehen in die Sommerpause – aber sie werden gut vertreten durch das Etüdensommerpausenintermezzo.

Hier die Wortliste

Die Wörter, die es auf die Liste geschafft haben, lauten in alphabetischer Reihenfolge:

Ablenkungsmanöver
Baggersee
Biedermeierschränkchen
Federkleid
Firlefanz
Fischkonservenfabrik
Fußfessel
Kirchturmspitze
Liebe
Luxusproblem
Ohrring
Räumungsklage
Sachertorte
Tanztee
Unterwasserkönig

 

10 von 15 Worten in einen Text einbauen, egal wie lang und auch sonst frei Schnauze. Nur zwei Bedingungen gibt es:

1. Ihr sucht euch aus der folgenden Liste (mindestens) 10 Wörteraus (mehr geht immer), und baut die ein.
2. Ihr integriert eine Gedichtzeile (und/)oder eine Textzeile aus einem Lied in euren Text. Bitte bedenkt, dass das Urheberrecht verbietet, aktuelle Texte/Gedichte in voller Länge zu zitieren, daher beschränke ich den Aufruf auf maximal eine Zeile….Oder aber nehmt ein Gedicht, dessen Urheber länger als 70 Jahre tot ist…


Schon immer wollte sie ein Federkleid besitzen. Aber ihr Vater hielt das für Firlefanz. Ein Mädchen aus einer Arbeiterfamilie, würde so einen Mumpitz nicht brauchen – nur einen guten Ehemann und Arbeit. Er war schon froh, dass er für diesen Monat die Räumungsklage abwenden konnte, da kam sie mit solchen Wünschen. Ein Fummel für reiche Dirnen. So etwas würde seine Tochter niemals tragen. Eher würde er ihr eine Fußfessel mit langer Kette verpassen, bevor sie so aufgedonnert das Haus verlassen würde. Arnika war verzweifelt. Sie sah ihr Leben an sich vorbei rauschen. Ihre Zukunft lag in der Fischkonservenfabrik. Ihre gesamte Familie arbeitete dort und sie sollte die nächsten Tage auch dort anfangen. Vielleicht könnte sie ja dort Karriere machen? Oder vielleicht würde ja auch der  Fabriksohn auf sie aufmerksam werden und sie da herausholen? Das konnte doch nicht ihre Zukunft sein, oder doch? Warum nicht? Das war das Leben so vieler Menschen, die jeden Monat Rechnungen zahlen mussten. Alles wurde immer teurer.

Sie sah traurig in ihrem Biedermeierschränkchen, ein Erbe ihrer Großmutter. An dessen innere Tür hatte sie das gewünschte Kleid gehängt. Sie wusste, dass sie es nie besitzen würde. Eigentlich wollte sie es auch nicht – sie wollte nur ihren Vater etwas provozieren.  Arnika drehte sich zum Fenster und blickte auf die Kirchturmspitze. Während sie herausschaute, dachte sie an den Tag am Baggersee. Sie liebte das Wasser. Wenn sie tief tauchte kamen ihr alle Dinge, die sie belasteten wie Luxusprobleme vor. Wie einfach konnte es ohne den Alltag und dessen Schatten sein. Nur die Liebe fehlte ihr noch zu ihrem Glück. Sie erinnerte sich an ihr Tauchen – sie hatte die Augen geöffnet und es war einfach nur grau, schlammig und hässlich. Wie schön müsste das Meer sein. Die Farben, die Fische. Sie musste ans Meer. Ins Meer. Egal wie. Sie saß in ihrem Kämmerchen, dachte darüber nach, einen Plan für die Flucht zu schmieden. Hier bleiben war keine Option. Sie brauchte ein gutes Ablenkungsmanöver um zu entkommen. Sie würde sich nicht dem allgemeinen Druck unterwerfen. Sie wollte keine Arbeitsdrohne werden. Sie würde gehen und ihr Leben genießen. Dafür würde sie ans Meer gehen um den Unterwasserkönig zu finden, von dem sie schon so oft geträumt hatte. Er war gefährlich und böse, aber in ihren Träumen hatte sie auch seine Güte gespürt – sie musste ihn finden. Sie wollte gemeinsam mit ihm die Unterwasserwelt regieren. Auf den Wellen reiten, mit Delfinen schwimmen und Haien kämpfen. Ja, das würde sie. Sie würde Leben und schwimmen. Lebend durch ihre Zukunft schwimmen. Während sie ihre Pläne schmiedete kam ihr ein Gedicht in den Sinn, das sie von ihrem Großvater gehört hatte.

Das Meer

Grüß‘ mir das Meer,
Silberne Wellen
Rauschen und schwellen,
Schön ist das Meer!

Grüß‘ mir das Meer,
Golden es schäumt‘,
Ob es auch träumet?
Tief ist das Meer.

Grüß‘ mir das Meer,
Glücklich es scheinet
Ströme es weinet,
Groß ist das Meer.

Friederike Kempner (1836-1901)(Quelle)