Geschichtenzauber

Das achte Wort | 2017 – Glücksschmied


Was ist das Projekt *.txt?

Schnell erklärt soll das Projekt *.txt der Inspiration dienen. Einmal pro Monat wird ein Wort verkündet, zu dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Texte schreiben. Es gibt keinen Druck, etwas zu schreiben, kein Datum, bis wann die Texte da sein müssen … es soll also in erster Linie Spaß machen!


 

Mir ist einfach nichts zu Glück eingefallen. Als ich auf dem Weg zur Arbeit war kam mir dann  auf einmal die Eingebung. So mitten auf der Autobahn ist mir was eingefallen. So – wie soll man das notieren? Ich habe also versucht an nichts anderes zu denken um diesen zerbrechlichen Gedanken nicht zu verlieren. Sobald ich konnte bin ich rechts ran gefahren und habe es im Handy notiert. Weiter gefahren und die Gedanken sprudelten. Ach herrjeh – wenn das so weiter gehen würde, käme ich zu spät auf die Arbeit. Auf dem Firmenparkplatz noch schnell den rest eingetippt. Puh – geschafft. Einfacher wäre es gewesen, wenn ich den Rekorder auf dem Handy gefunden hätte. Jetzt weiss ich wo der abgelegt ist – für den nächsten kreativen Schub in unmöglichen Situationen. 😉


Glücksschmied

Die Tränen liefen die Wange hinab und tropften auf die Oberlippe.  Ich zog die Nase hoch und konnte mich gerade noch zurück halten um sie nicht am Ärmel abzuwischen. Lieber nahm ich das angebotene Taschentuch.  Gekündigt.  „Sehen sie es doch als Glück an, Frau Wanderer. Diese Arbeit war doch sowie so nicht ihr Ding. Büroangestellte – man hat ihnen das schon von weitem angesehen, dass sie diese Tätigkeit verabscheuen. Jetzt werden sie quasi gezwungen sich umzuorientieren und finden vielleicht was Besseres für sich. Ihr Glück vielleicht.“ Ich sah ihn durch den Tränenschleier an und er konnte wirklich froh sein, dass ich die Kiste mit meinen persönlichen Sachen schon in der Hand hatte. Sonst hätte er, statt der Hand meine Faust bekommen.

Er sah mich unbehaglich an. Es musste in meinen verquollenen Augen erkennbar sein, was ich dachte. Ich gehörte wahrlich nicht zu den Frauen, die niedlich aussehen, wenn sie weinen. Nein – keiner kommt dann und wischt mir die Tränen von der Wange und nimmt mich tröstend in den Arm. Ich bekomme hässliche rote Flecken im Gesicht, meine Augen schwellen zu roten Ringen an und meine Nase wird zu den Niagarafällen. Ich bin wirklich nicht süß, wenn ich weine.

Das förderte meist keinen Mitleid meines Gegenüber sondern eher das Bedürfnis sich schnell umzudrehen um das Elend nicht länger betrachten zu müssen. Aber Herr Paulus war ein Profi – er war der Personaler und hatte schon einige Leute heulen sehen, nach dem er ihnen die Kiste für ihre Habseligkeiten überreichte.

Mit verachtenden Blick und der verrotzten Nase schnaubte ich wie ein Stier und verließ das Büro. Ich konnte den Kollegen ansehen, dass sie aufatmeten. Alle waren froh, dass es nicht sie getroffen hatte. Ja – ich war die Letzte die kam und die Erste die gehen musste. So war das halt. Klar hat mir der Job keinen Spaß gemacht – aber das interessiert weder meinen Vermieter noch die Kreditkartenvermittler. Alle wollten sie Geld und das bekam man halt nur wenn man arbeitet.

Ich ging zum Auto.  Natürlich regnete es.  Das Universum verhöhnte mich.  Soll ich euch noch erzählen, dass ganz klassisch der Schlüssel aus der Tasche auf den Boden fiel? Und die Kiste in der meine Sachen waren so durchweicht war, dass der Inhalt gerade auf dem Boden verteilt wurde? Als ich endlich – Tratsch nass im Auto saß – leuchtete noch die Motorkontrollleuchte auf. Ich sah gen Himmel und musste lachen. Da oben meint es wirklich jemand besonders gut mit mir.

Tropfend stand ich vor der Wohnungstür und versuchte sie aufzuschließen Ich trat in den Flur und ließ die Kiste aus dem Büro einfach fallen.  Ich hörte meine Tasse klirrend.  Das war es wohl dann auch für sie.  Ich schleuderte die unbequem Schuhe von den Füssen und zog meine nassen Klamotten im Laufen aus.  Die ließ ich gerade so liegen und schlüpfte im Bad unter die warme Dusche.  In meinen kuscheligen Bademantel gewickelt setzte ich mich in meinen Lieblingsessel.  Das Telefon blinkte.  Ich hörte es ab.  „Hi Maureen. * Räusper*.  Ich muss dir was sagen“.  Er macht Schluss. Am Telefon – Perfekt. Wenn das kein Tag für Depressionen war, welcher dann.

Ich ging an den Kühlschrank um die Eislade zu öffnen.  Da stand nur noch ein halber Eimer drin auf dem sich schon Kristalle gebildet hatten.  Egal.  Der würde jetzt den friedlichen Eistod  sterben.  Mit verheulten Augen, einer Liebesschnulze im DVD Player und dem Eisbecher saß ich finster auf der Couch.

Ich war ganz alleine. Meine Eltern waren gestorben, als ich gerade 19 war. Ich hatte keine Geschwister und auch sonst keine Angehörigen. Es war also tatsächlich Zeit  das Leben, das ich gerade führte zu überdenken.

Was jetzt.  Jetzt wurde ich das Glück am Schopfe greifen.  Eine neue Zukunft. Ich hätte die Chance endlich was zu finden das mich erfüllen könnte.  Nie wieder einen Job der mich nicht glücklich machen würde.  Für irgendwelche Idioten arbeiten. Vor allem keinen Null-Acht-Fünfzehn Typen nur um nicht alleine zu sein. .  Nein ich war mehr wert.  Das Glück sollte jetzt endlich mal bei mir anklopfen. Ich würde es auf jeden Fall mit offenen Armen empfangen.

Jetzt war ich dran – ich musste meines Glückes Schmied sein.

Entspannt löffelte ich das kristallisierte Eis und lachte über die romantische Komödie. Ein Silberstreif am Horizont hatte sich gezeigt. Ich würde ihm folgen, bis ich am Ziel ankam. Wo und was auch immer es sein würde.

ENDE

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