Geschichtenzauber

Das neunte Wort | 2017 – abgehen – in die Freiheit.

Was ist das Projekt *.txt?

Schnell erklärt soll das Projekt *.txt der Inspiration dienen. Einmal pro Monat wird ein Wort verkündet, zu dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Texte schreiben. Es gibt keinen Druck, etwas zu schreiben, kein Datum, bis wann die Texte da sein müssen … es soll also in erster Linie Spaß machen!


Sollte ich nicht irgendwo abgehen? Hatte er nicht gesagt Links-Links-Rechts-Links?  Oder? War doch mehr rechts als links dabei? Verdammt. Ich hätte es im Navi eingeben lassen sollen, wo ich doch einen so guten Orientierungssinn habe. Ich verlaufe mich schon im Supermarkt. Na toll. Dabei wollte ich nur schnell weg aus dem Mist. BlaBla, wenn du da lang gehst, dann kannst du gemütlich abgehen und bist auf dem sicheren Weg in die Freiheit. Pah – vielleicht wäre es doch besser gewesen mit meinen Freunden mit zu gehen. Es war eine Party geplant – da hätte ich auch abgehen können. PARTY. Nein, ich wollte nur weg von der Kontrolle. Seit der neuen Regierung wurde es nur schlimmer. Immer mehr Kameras. Nirgends konnte man mehr unbeobachtet sein. Ich befürchte sogar in privaten Bereichen beobachten sie uns. Dann kam die Abschaffung des Bargeldes. Dumm nur, dass ich meine grosse Klappe nicht halten kann. Seit dem sind meine Konten eingefroren und mein Führerschein gesperrt. Zur Familie kann ich nicht, denn wenn die auf einmal, denn wenn auffallen würde, dass sie auf einmal mehr verbrauchen würden. Das kann ich nicht verantworten. Getoppt wird es jetzt noch. Ein paar der Schlafschafe, die sich tatsächlich freiwillig mit RFID-Chips impfen lassen. Tut ja nicht weh und man kann damit nicht nur alle seine Türen öffnen sondern auch noch sicher zahlen. Also wirklich, WIRKLICH? Denkt ihr nur das kann man mit den Chips machen? Wenn du nicht spurst, wirst du einfach abgeschaltet. So einfach ist das.

Nein – nein ich muss weg. Ah – da ist doch der Weg, der abgehen soll. Schnell sprinte ich auf den Weg zu. Er ist zugewachsen. Wo soll ich durch schlüpfen? Da bewegt sich was – ein Mann, er stoppt mich.

„Hei, du bist hier falsch. Die Party ist am anderen Ende der Stadt.“ „Ich will nicht zur Party, ich will nur hier abgehen.“ „Ich sehe, du kennst die Parole. Bist du dir sicher?“ „Absolut. Ich will keine Marionette werden. Ich will frei sein.“

„Das ist aber kein Happening. Es wird viel Einschnitte geben.“ „Nichts kann schlimmer sein, als das was hinter mir liegt. Nicht kann schlimmer sein, als absolute Kontrolle und Beschneidungen der geistigen Freiheit. Niemals. Ich bin bereit für Leben.“ „Gut, Mädchen. Willkommen im Widerstand.“

ENDE

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Geschichtenzauber

Das achte Wort | 2017 – Glücksschmied


Was ist das Projekt *.txt?

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Mir ist einfach nichts zu Glück eingefallen. Als ich auf dem Weg zur Arbeit war kam mir dann  auf einmal die Eingebung. So mitten auf der Autobahn ist mir was eingefallen. So – wie soll man das notieren? Ich habe also versucht an nichts anderes zu denken um diesen zerbrechlichen Gedanken nicht zu verlieren. Sobald ich konnte bin ich rechts ran gefahren und habe es im Handy notiert. Weiter gefahren und die Gedanken sprudelten. Ach herrjeh – wenn das so weiter gehen würde, käme ich zu spät auf die Arbeit. Auf dem Firmenparkplatz noch schnell den rest eingetippt. Puh – geschafft. Einfacher wäre es gewesen, wenn ich den Rekorder auf dem Handy gefunden hätte. Jetzt weiss ich wo der abgelegt ist – für den nächsten kreativen Schub in unmöglichen Situationen. 😉


Glücksschmied

Die Tränen liefen die Wange hinab und tropften auf die Oberlippe.  Ich zog die Nase hoch und konnte mich gerade noch zurück halten um sie nicht am Ärmel abzuwischen. Lieber nahm ich das angebotene Taschentuch.  Gekündigt.  „Sehen sie es doch als Glück an, Frau Wanderer. Diese Arbeit war doch sowie so nicht ihr Ding. Büroangestellte – man hat ihnen das schon von weitem angesehen, dass sie diese Tätigkeit verabscheuen. Jetzt werden sie quasi gezwungen sich umzuorientieren und finden vielleicht was Besseres für sich. Ihr Glück vielleicht.“ Ich sah ihn durch den Tränenschleier an und er konnte wirklich froh sein, dass ich die Kiste mit meinen persönlichen Sachen schon in der Hand hatte. Sonst hätte er, statt der Hand meine Faust bekommen.

Er sah mich unbehaglich an. Es musste in meinen verquollenen Augen erkennbar sein, was ich dachte. Ich gehörte wahrlich nicht zu den Frauen, die niedlich aussehen, wenn sie weinen. Nein – keiner kommt dann und wischt mir die Tränen von der Wange und nimmt mich tröstend in den Arm. Ich bekomme hässliche rote Flecken im Gesicht, meine Augen schwellen zu roten Ringen an und meine Nase wird zu den Niagarafällen. Ich bin wirklich nicht süß, wenn ich weine.

Das förderte meist keinen Mitleid meines Gegenüber sondern eher das Bedürfnis sich schnell umzudrehen um das Elend nicht länger betrachten zu müssen. Aber Herr Paulus war ein Profi – er war der Personaler und hatte schon einige Leute heulen sehen, nach dem er ihnen die Kiste für ihre Habseligkeiten überreichte.

Mit verachtenden Blick und der verrotzten Nase schnaubte ich wie ein Stier und verließ das Büro. Ich konnte den Kollegen ansehen, dass sie aufatmeten. Alle waren froh, dass es nicht sie getroffen hatte. Ja – ich war die Letzte die kam und die Erste die gehen musste. So war das halt. Klar hat mir der Job keinen Spaß gemacht – aber das interessiert weder meinen Vermieter noch die Kreditkartenvermittler. Alle wollten sie Geld und das bekam man halt nur wenn man arbeitet.

Ich ging zum Auto.  Natürlich regnete es.  Das Universum verhöhnte mich.  Soll ich euch noch erzählen, dass ganz klassisch der Schlüssel aus der Tasche auf den Boden fiel? Und die Kiste in der meine Sachen waren so durchweicht war, dass der Inhalt gerade auf dem Boden verteilt wurde? Als ich endlich – Tratsch nass im Auto saß – leuchtete noch die Motorkontrollleuchte auf. Ich sah gen Himmel und musste lachen. Da oben meint es wirklich jemand besonders gut mit mir.

Tropfend stand ich vor der Wohnungstür und versuchte sie aufzuschließen Ich trat in den Flur und ließ die Kiste aus dem Büro einfach fallen.  Ich hörte meine Tasse klirrend.  Das war es wohl dann auch für sie.  Ich schleuderte die unbequem Schuhe von den Füssen und zog meine nassen Klamotten im Laufen aus.  Die ließ ich gerade so liegen und schlüpfte im Bad unter die warme Dusche.  In meinen kuscheligen Bademantel gewickelt setzte ich mich in meinen Lieblingsessel.  Das Telefon blinkte.  Ich hörte es ab.  „Hi Maureen. * Räusper*.  Ich muss dir was sagen“.  Er macht Schluss. Am Telefon – Perfekt. Wenn das kein Tag für Depressionen war, welcher dann.

Ich ging an den Kühlschrank um die Eislade zu öffnen.  Da stand nur noch ein halber Eimer drin auf dem sich schon Kristalle gebildet hatten.  Egal.  Der würde jetzt den friedlichen Eistod  sterben.  Mit verheulten Augen, einer Liebesschnulze im DVD Player und dem Eisbecher saß ich finster auf der Couch.

Ich war ganz alleine. Meine Eltern waren gestorben, als ich gerade 19 war. Ich hatte keine Geschwister und auch sonst keine Angehörigen. Es war also tatsächlich Zeit  das Leben, das ich gerade führte zu überdenken.

Was jetzt.  Jetzt wurde ich das Glück am Schopfe greifen.  Eine neue Zukunft. Ich hätte die Chance endlich was zu finden das mich erfüllen könnte.  Nie wieder einen Job der mich nicht glücklich machen würde.  Für irgendwelche Idioten arbeiten. Vor allem keinen Null-Acht-Fünfzehn Typen nur um nicht alleine zu sein. .  Nein ich war mehr wert.  Das Glück sollte jetzt endlich mal bei mir anklopfen. Ich würde es auf jeden Fall mit offenen Armen empfangen.

Jetzt war ich dran – ich musste meines Glückes Schmied sein.

Entspannt löffelte ich das kristallisierte Eis und lachte über die romantische Komödie. Ein Silberstreif am Horizont hatte sich gezeigt. Ich würde ihm folgen, bis ich am Ziel ankam. Wo und was auch immer es sein würde.

ENDE

Allgemein, Geschichtenzauber

Das siebte Wort | 2017 – Wald – Der Ruf des Wolfes

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Der Ruf des Wolfes

Andrea wachte auf. Oh – ich bin ja eingeschlafen – das tat so richtig gut. Es war eine gute Entscheidung sich heute mal frei zu nehmen um einfach im Wald spazieren zu gehen. Abschalten und loslassen. Gibt es was Besseres, als das satte Grün der Blätter, das Rauschen des Windes durch die Kronen und das Geräusch der Waldbewohner? Jetzt war es aber schon recht düster geworden. Andrea fröstelte leicht. So ein Mist, ich habe keine Weste dabei. Eigentlich wollte ich ja auch  nur kurz entspannen und nicht einschlafen. Jetzt ist die Sonne weg und da ist es ja klar, dass es im Wald halt abkühlt. Ich muss jetzt gehen. Zu Hause werde ich mir ein schönes warmes Bad und ein gutes Glas Rotwein gönnen. Das hat meine Batterie wieder aufgeladen. Das sollte ich mir öfter gönnen.

Andrea stand auf, etwas steif vom langen liegen. Sie hatte einen tollen umgestürzten Baum entdeckt. Er war perfekt ausgehöhlt. Sie sammelte Tannenzweige und Blätter als Matratze. Dann hatte sie sich hineingelegt. Die Sonne hatte sie schläfrig gemacht und sie hatte sich fallen lassen.

Jetzt  musste sie aber endlich mal los – es wurde immer dunkler – solange sie noch was sah, sollte sie schon am Ausgang des Waldes sein. Sie lief los und im Augenwinkel bemerkte sie einen Schatten. Erschrocken drehte sie sich in die Richtung in der sie den Schatten wahrgenommen hatte. Da war nichts. Ach der Wald und seine Schatten, lächelte sie.

Widerwillig betrat sie erneut den Pfad um weiter zu gehen. Eigentlich wollte sie noch nicht gehen. Wäre sie wärmer angezogen, hätte sie wahrscheinlich in ihrem Naturbett übernachtet. Es war solange her, dass sie eine Nacht im Freien verbracht hatte. Eine tiefe Sehnsucht machte sich in ihrem Inneren breit. Seufzend lief sie weiter.

Tief in Gedanken versunken, achtete sie nicht so genau wo sie lang lief. Nach etwa einer halben Stunde stutzte sie. Ich bin wohl im Kreis gelaufen. Na so was, da war ich aber schwer in Gedanken.  Schmunzelte sie. Erneut lief sie los. Langsam kroch dicker Nebel aus dem Boden und verwandelte den Wald in eine gruselige Kulisse.

Andrea rieb sich über die Arme. Sie fror jetzt stark und dieser Nebel liess sie auch von innen her frösteln. Sie liebte den Wald und hatte auch schon einige Nächte in einem verbracht – aber das hier fühlte sich seltsam an. Bedrückend und beängstigend. Vorbei war das schöne wohlige Gefühl, das sie den ganzen Tag hatte. Jetzt breitete sich langsam Angst und Unsicherheit in ihr aus. Sie konnte es nicht verstehen.

Ok. Was mache ich denn jetzt? Anscheinend kann ich hier nicht raus. Verflixt.

Andrea drehte sich und erkannte – sie war schon wieder am umgefallenen Baum gelandet. Genervt setzte sie sich auf ihr gemachtes Bett aus Tannenzweigen und Blättern. Um sie herum hörte sie seltsame Geräusche. Ein Wispern. Auch hatte sie das Gefühl, ständig von irgendetwas gestreift zu werden. Sie wagte nicht sich zu bewegen. Etwas war hier im Wald und es schien ihr Angst machen zu wollen. Was ihm auch wirklich gelang.

Sie erschrak – Mist ich brauche einen Unterschlupf. Es ist schon recht düster – ich hoffe ich bekomme noch einen Shelter hin. Schnell sammelte Andrea einige Äste, die sie für den Unterschlupf brauchte. Ob ich mir ein Feuer vor dem Shelter mache? Ach ne – ich bin zu müde. Sie schlüpfte in ihre Behausung und schlief sofort ein.

Sie wurde wach, weil sie furchtbar fror. Hätte ich mir doch die Zeit für ein Feuer genommen. Nun – ich  muss mich bisschen bewegen um das Blut wieder in Gang zu bringen. Andrea robbte aus ihrem Shelter und sprang etwas auf und ab. Da! Da war es wieder. Dieser Schatten und um sie herum erhob sich ein unheimliches Geflüster. Sie drehte sich schnell um sich herum um die Quelle der Geräusche auszumachen. Aber sie konnte nichts finden. Ihre Gänsehaut würde sich hier nicht mehr legen. Sie fing an zu rennen.

Blind stolperte sie durch den dunklen Wald. Sie wurde von etwas verfolgt. Aber was? Sie konnte nichts erkennen. Lauf weiter, Andrea, lauf um dein Leben. Sie hatte keine Zweifel  daran, dass es hier wirklich um ihr Leben ging.

Sie stolperte ständig. Da – das ist der Beweis. Wenn sie in den Horrorfilmen durch den Wald rennen, stolpert keiner. Die rennen da immer wie auf einer Aschebahn. Sie versuchte sich von der Schlinge um ihren Fuss zu befreien.  Wieder hörte sie das Geflüster. Dieses mal kamen aber noch Heulgeräusche dazu. Oh nein – Wölfe – ich habe ja gelesen, dass sie wieder kommen, aber müssen sie gerade dann kommen, wenn ich im Wald strande? So ein Mist. Wie waren die Verhaltensregel? Okay, Okay – Lärm machen – langsam zurückweichen – nur nicht rennen. Gross machen, in die Hände klatschen, was werfen. Also gut  kommt nur – ihr Wölfe. Euch zeig ich´s

Und da kamen sie. Und sie waren riesig. Vor ihr baute sich ein Weibchen auf. Sie war beeindruckend. Ihre Augen wirkten so menschlich. So wissend. Andrea konnte nicht anders – sie war beeindruckt und ihre Angst schwand sofort. Dann knackte es neben ihr. Sie drehte ihren Kopf und sah noch mehr Wölfe. Da war es dann um ihre Bewunderung geschehen. Alle Verhaltensregel vergessend, rannte sie los. Und das war der Startschuss für die Leitwölfin. Sie setzte Andrea nach – der Rest des Rudels blieb im Hintergrund.  Eine Zeitlang liefen die beiden nebeneinander. Andrea hatte eine sehr gute Kondition. Da sie ein Waldkind war, joggte sie regelmässig mehrere Stunden die Woche.

Die Wölfin machte keine Anstalten sie anzugreifen. Andrea hielt an. Sie stützte ihre Arme auf die Oberschenkel um ihren Atem zu kontrollieren.

„Was willst du von mir? Jagen, fressen? Dann mach wofür du hergekommen bist. Ich kann nicht mehr lange mit dir mithalten.“

Die Wölfin legte den Kopf schräg als würde sie überlegen. Dann erhob sie sich. Und Andrea setzte sich auf ihren Hintern. Vor ihr erschien eine Frau. Eine nackte Frau. Sie war als Mensch genauso beindruckend, wie als Wolf und die Nacktheit schien ihr nichts auszumachen. „W-was – ich glaub ich spinne. Ich schlafe doch noch? Was bist du? Ein Werwolf?“

„Ja – so werden wir von euch Menschen genannt. Aber eigentlich stimmt das nicht so ganz. Wertiere sind immer so negativ behaftet – Wir sind Menschen, die ihre innere Stimme haben siegen lassen. Wir alle empfanden eine enorme Anziehung des Waldes. Die Menschenwelt engte uns ein und nahm uns die Luft zum Atmen.“ Andrea schaute sich um und sah noch mehr nackte Menschen aus dem Schatten hervortreten.

„Okay – kann ich mir nicht so vorstellen. Ich kann das nicht so erfassen. Und warum ängstigt ihr mich?“

„Entschuldige, das war nicht unsere Absicht, aber wie sollen wir so was denn umsetzen? Ich denke – egal wie – du hättest Angst bekommen.“

„Ich dachte Geister wären hinter mir her. Dieser Nebel und diese Atmosphäre.“ „Hahaha – Geister – die gibt es nicht.“ „Ja klar – das sagt mir gerade ein Werwolf. Okay, wir kommen vom Thema ab. Was wollt ihr von mir?“

„Wir haben deine Seele rufen gehört?“

„Ihr habt was?“ „Wir haben die Fähigkeiten Seelenverwandte zu erkennen. Ihre Seelen rufen nach Freiheit und Wildnis. Der Wald ruft aus ihnen heraus.“ „Man, das klingt wie aus einem mittelmässigen Roman. Was sagt denn meine Seele?“

„Du bist unglücklich. Dein innerer Wolf will frei gelassen werden. Merkst du denn nicht wie er in deinem Inneren an deiner Wand schabt?“ „Wie soll ich das merken?“ „Deine innere Unruhe, deine Unzufriedenheit. Und vielleicht seltsame Gelüste?“ „Was für Gelüste? Nach Menschenfleisch?“ „Wir sind doch keine Zombies. Ich mache dir ein Angebot. Du leugnest es – aber wir spüren es ganz genau – dein Wolf will raus. Wir können dir helfen. Dann bist du Frei. Kannst durch die Wälder streifen. Rennen und mit uns jagen und tollen. Überlege es dir. Wir führen dich zurück zu deinem Lager. Bei Sonnenaufgang kommen wir um deine Entscheidung zu hören. Du bist nicht in Gefahr. Egal wie du dich entscheidest – wir helfen dir.“

Zurück in ihrem Shelter dachte Andrea intensiv nach. Was war das? Kann es das geben? Ich habe es doch gesehen. Bin ich eine Wölfin? Ich liebe es in der Natur zu sein und vermisse es wahnsinnig. Mein Job fesselt mich und ich bin unzufrieden.  Sie überlegte, bis sie einschlief. Und sie träumte. Sie war ein Wolf und rannte mit den anderen durch den Wald. Die Äste schlugen ihr ins Gesicht und sie liebte dieses Gefühl. Als würde sie von ihnen gestreichelt werden.

Bei Sonnenaufgang wurde sie von einer feuchten Nase an gestupst. Sie erschrak und rieb sich die Augen. Sie trat gegen die Äste ihres Shelters und die gaben sie frei. Das Rudel hatte sich um sie herum versammelt. Es war ein toller Anblick. Solch edlen Geschöpfe und sie wollten sie bei sich aufnehmen. Ihre Entscheidung war gefallen. Sie würde eine Wölfin sein und mit ihrem Rudel durch die Wälder streifen. Sie brauchte nichts zu sagen. Die Leitwölfin nickte und nahm ihre Hand zwischen ihre Zähne. Andrea wurde in die Mitte geführt. Ein kleiner Biss und schon war es vollbracht.

„Wann verwandle ich mich? Bei Vollmond“ Die Leitwölfin wandelte sich wieder in eine Frau. Lachend schüttelte sie ihr Haar. „Ach diese Mythen. Nein. Warte einige Stunden, bis mein Biss, den gesamten Blutkreislauf gewandelt hat. Dann kannst du dich jeder Zeit verwandeln. Genau richtig um noch einige Sachen zu erledigen. Bring dein Leben zum Abschluss und komme zu uns. Wir werden auf dich warten“

„Ok. Viel ist es ja nicht. Keine Familie, unbedeutende Freunde – ich beeil mich – ich kann es nicht abwarten bei euch zu sein.“ Andrea rannte los. Sie war so voller Energie und Lebensfreude.  Sie blickte sich um und sah ihre Familie. Noch schneller rannte sie um ihr altes Leben zu verabschieden und ihr neues zu begrüssen.

ENDE

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Geschichtenzauber

Das sechste Wort | 2017 – Splitter – Ein Splitter zur Seeligkeit

Das Projekt*txt wird gegenwärtig von Dominik Leitner und Katharina Peham betreut.

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Ja – eigentlich sind meine Lieblingstiere Wölfe oder auch Löwen. Aber ich habe in letzter Zeit viele Dokus über Bären gesehen und bin so beeindruckt von diesem süssen Aussehen und der Gefährlichkeit, die sich dahinter versteckt. Aber meine Geschichte ist harmlos.

Es war einer der Tage, an denen man wirklich liegen bleiben sollte.

Es fing mit dem Wecker des Handys an. Diesen Ton wollte ich schon immer ändern, denn er schreit mir ins Ohr „Wake up, wake up, wake up“ Ich vermisse die Zeit, als man diese nervigen kreischenden Wecker hatte auf die man drauf haute oder einfach an die Wand warf. Aber bei einem Handy hat man doch etwas Hemmungen. Also quälte ich  mich aus dem Bett. Das Zimmer war Arschkalt. Schnell kuschelte ich mich wieder in die Decke. Vielleicht sollte ich mir doch mal Holz besorgen.

Ich war gerade wieder dabei einzuschlummern, als das Handy mich schon wieder anschrie. Einen kleinen Herztod später stieg ich aus dem Bett aus. Schlotternd rannte ich ins Bad, na ja was man so rennen nennen konnte bei gefühlten -10°C und frisch aus dem Bett heraus geschrien.

Ich stand vor dem Spiegel und schaute mir meine violetten Augenringe an. Ich sah furchtbar aus. Wie eine gerupfte Krähe. Ich drehte die Dusche auf, damit sie schon warm war, wenn ich versuchte mich wach zu duschen. Ach ich hasste es aufzustehen. Ich könnte den ganzen Tag in dem warmen Bett liegen. Den Winter einfach verschlafen. Das wäre doch was. Ich wäre ein Bär und  könnte mich das ganze Jahr über vollstopfen und dann den ganzen kalten Winter verschlafen.

Dieser Gedanke liess mich schmunzeln. Vor allem hätte ich einen schönen wärmenden Pelz. Ich träumte noch etwas vom Winterschlaf, während ich  mich von oben bis unten einseifte. Dann liess ich das heisse Wasser über mich laufen. Ach, was war das angenehm. Allerdings – wegen mangelnden Holzes – musste ich jetzt bald raus in das kalte Bad. Ich seufzte und drehte das Wasser ab. Ich griff nach meinem Bademantel. Der war so schön kuschelig.

Ich trat an den Spiegel,  der von dem Wasserdampf angelaufen war. Ich nutzte den Ärmel, des Bademantels um mir die Sicht frei zu wischen. Da knarzte es. Der Spiegel hatte einen Sprung. Oh – nein. Da war wohl der Temperaturunterschied zu gross für das Spiegelglas. Na toll. Und dann passierte es. Ein riesiger Splitter löste sich aus dem Spiegel und viel in das Waschbecken.

Wie ich mein Glück kenne, nehme ich jetzt diese Scherbe um sie wieder an zu kleben und schneide mich. Ja. Das würde passen. Allerdings kann ich ja gar nicht verbluten, denn es ist so kalt, dass mein Blut sofort gefriert. Ich schaute verzweifelt zu dieser Lücke, die der Splitter hinterlassen hat.

Was war das denn? Da bewegte sich etwas in der Lücke. Ich schaute genauer hin und ich sah tatsächlich Bewegungen. War ich besoffen. Hatte ich gestern was getrunken um es mir warm zu machen? Ich konnte mich nicht erinnern. Meine Neugier war geweckt. Ich öffnete den Spiegelschrank und fand nur die Nagelfeile. Na – mit einer Nagelfeile, kann man schon einiges bewirken.

Ich schob die Spitze, der Feile in die Lücke unter die gesprungenen, noch haftenden Splitter. Diese fielen jetzt nach und nach in das Waschbecken. Verdammt! Was war das? Hinter dem Spiegel war eine bewegte Landschaft. Eine schöne hügelige Panorama Aufnahme mit bewegten Figuren.

Bären? Und kaum hatte ich das fertig gedacht wurde ich eingesogen. Ich wurde in den kaputten Spiegel gesogen. Und ich landete im grünen Feld voll Klee. Jetzt war es zu viel. Ich hatte bestimmt einen Schlaganfall und Halluzinationen. Ich schaute an mir runter und ich setzte mich. Ich hätte mich vielleicht mal rasieren sollen. Aber bei dem Fell, das ich an den Beinen hatte, würde weder  Wachs, Rasierer oder Creme helfen. Und mein Brazilian Waxing war ja wohl sinnlos gewesen. Ich drehte mich um mich selbst und versuchte einen Blick auf meinen Hintern zu erhaschen. Es gestaltete sich etwas schwierig, aber ich schaffte es. Und was ich sah liess ich vom Glauben abfallen. Ich hatte einen Schwanz – einen süssen Puschelschwanz, den ich sogar bewegen konnte. Hä?

Ich schaute mich um und sah eine Pfütze vor mir. Ich trat heran und sah meinen Verdacht bestätigt. Auch im Gesicht hatte ich mittlerweile eine starke Behaarung. Und süsse kleine runde Öhrchen.

ICH BIN EIN BÄR!? ICH BIN EIN BÄR????

Ich viel gerade um. Ich glaube ich wurde Ohnmächtig. Was ist denn hier passiert? Ich musste gestorben sein. Ich verstand gar nichts. Ich erinnerte mich an meinen simplen Wunsch ein Bär mit Winterschlafmöglichkeiten zu sein. Und wieder viel ich in Ohnmacht.

Ich weiss nicht wie lange ich da so lag. Aber als ich wach wurde hing mir irgendwer am Hintern. Ich sprang auf – nun – ich versuchte es. Aber es war gar nicht so einfach als Bär wieder aufzustehen. Ich zappelte etwas herum und schaffte es dann tatsächlich auf meinen Beinen zu stehen. Und da stand ein Bär. Ich wollte schnell flüchten. Ich suchte in meinem Gehirn, was ich über Bären gelernt hatte. Man sollte sie entweder erschrecken – also sich gross machen, oder Tot stellen. Hm. Also Tot stellen, viel ja wohl aus. Denn ich hatte ja schon verraten dass ich lebte. Also Gross machen. Also drehte ich mich um und brüllte. Nun – ich dachte ich brülle. Aber ich hörte mich an wie eine Katze der auf den Schwanz getreten wurde. Ich räusperte mich oder so was ähnliches.

Der andere Bär stand da und beobachtete mich. Dann schien es, als würde er lachen. Können Bären lachen? Ja – also hier stand einer, der lachte über mich.

Ich grunzte. Oh – reden konnte ich nicht – da hatte der aufgeblasene Bär aber Glück. Aber wie verständigen sich Bären? War mir egal. Ich drehte mich um und schupste ihn einfach  mit meinem sehr imposanten Hinterteil. Oh Mann – die ganzen Diäten waren umsonst. Ich hatte vielleicht jetzt einen Hintern anhängen. Ich seufzte. Und da merkte ich was. Ich hatte Hunger. Und nun? Sollte ich jetzt einen Bienenkorb suchen? Oder einen Fisch fangen?

Der andere Bär setzte sich und beobachtete mich. Ich drehte mich zu ihm und deutete auf meinen Bauch und machte mit meiner Pfote – ach herrjeh  Pfote? – ich liess kurz mal den Kopf hängen. Dann zeigte ich mit meiner Pfote auf meinen Mund. Der Bär legte den Kopf schief und starrte mich an. Ja – klar – was soll auch ein Bär mit dieser Geste anfangen. Wieder seufzte ich. Dann schupste er mich. Er zeigte in eine Richtung und ich machte mich lang. Da war ein Fluss.

Ich stinke doch nicht – vor meinem – nennen wir es Transfer – hatte ich ja geduscht. Also was soll ich am Fluss? Ach du dämliche Kuh – nein Bär. Im Fluss – die Fische. Fische fangen. Ich zuckte mit den Schultern und folgte ihm. Blieb mir was anderes übrig? Nein – Ich ging mal davon aus, dass ich mir keine Gedanken machen musste, dass ich an einen Bösewicht gekommen bin. Ich war schliesslich  keine schwache Frau  mehr, sondern eine starke Bärin.

Der Gedanke gefiel mir.  Also trotteten wir gemütlich nebeneinander her zum Wasser. Ich warf immer mal einen heimlichen Blick in seine Richtung. Denn mittlerweile hatte ich mich überzeugen können, dass es ein männlicher Bär war. Er sah gut aus. Aber wie entscheide ich das. Er sieht aus wie jeder andere Bär, den ich in den Dokus schon gesehen hatte. Aber irgendwie fand ich ihn total attraktiv. Sehr seltsames Gefühl.

Da standen wir nun. Er war schon im Fluss und ich – in diesen kalten Fluss. Ich weiss nicht. Ich bin so verfroren. Ich hielt meine Pfote rein und zuckte zurück. Aber eigentlich war es gar nicht kalt. Das war nur eine Erinnerung. Das Wasser sollte kalt sein. Aber ich war kein Mensch mehr. Also traute ich mich mit den Vorderpfoten ins Wasser – Das war ein tolles Gefühl. Ich zog den Rest meines riesigen Körpers hinter her. Ich balancierte zu dem grossen Bär. Die Steine waren glitschig und ich rutschte aus. Ich tauchte unter und wieder auf. Was ein Gefühl. Das Wasser kitzelte mich. Ich fing an zu rennen. Im Wasser rennen. Mach das mal als Mensch – mir unmöglich – aber als Bär – es war so toll. Ich flitzte durch das Wasser – schlitterte auf den Steinplatten und pustete das Wasser aus meinem Mund.

Der grosse Bär beobachtete mich. Dann kam er und ich schuppste ihn. Er fiel und verschwand im Wasser. Aber es dauerte nicht lange und er tauchte wieder auf. Dann kam er auf mich zu. Er sah sehr böse und einschüchternd aus. Ich blickte ihm mit grossen Augen an und sah mich schon mit aufgerissener Kehle den Fluss hinabtreiben. Ich schloss die Augen und spürte einen Schupser. Da fiel ich und prustete ich. Ich sah in an und stürmte auf ihn zu. Er floh und wir jagten uns durch das Wasser. Was für ein Spass.

Aber ich hatte immer noch Hunger. Also machte ich wieder die Geste des Essens. Warum verstand er mich? Das war mir ein Rätsel. Steckte da auch ein Mensch drin? Warum sollte nur mir so etwas passieren?  Er stellte sich auf einen kleinen Vorsprung im Wasser und beobachtete. Da sprang er. Ein Fisch. Und mein neuer Freund fing ihn. Ganz stolz zeigte er mir seinen Fang und warf ihn ans Ufer.

Das musste ich auch probieren. Das sah ganz leicht aus. Also stellte ich mich auch zurecht und wartete. Ja – so viel dazu, es sah ganz leicht aus.  Ich landete mehr im Wasser, als ein Fisch in meinen Krallen. So würde ich definitiv verhungern.

Der Bär kam zu  mir und ich beobachtete ihn genau. Er konzentrierte sich und ich auch. Dann kam der Fisch und ich konnte genau sehen wie er zuschlug. Ich war beeindruckt. Das Balzverhalten hatte gewirkt. Ich war hin und weg. Das hätte mal ein menschlicher Mann machen sollen – da hätte ich wohl eher laut gelacht.

Aber dieser Bär – er war prächtig und mächtig und ich fühlte mich sicher. Er kniff mich mit den Zähnen in die Schulter und zeigte mir, dass ich ihm folgen sollte. Er lud mich zum Essen ein. Ich hatte ein Date mit einem Bären. Na so was. Hier wurde keine Zeit verschwendet. Aber rohen Fisch. Ich war nie der Sushi Fan gewesen. Aber wie sollte ich als Bär ein Feuer entfachen. Habt ihr mal die Krallen bewährte Pfote eines Bären gesehen. Da ist nichts mit Stock auf Stock reiben. Ausserdem haben wir ja schon Angst vor Feuer.

Vorsichtig schnappte ich mir einen Fisch und biss rein. Waaaa. Eine Geschmacksexplosion.  Oh mein Gott – schmeckte das. Ich hatte noch nie so guten Fisch gegessen. Ich versenkte meine Schnauze in den Fisch und frass. Dann  nahm ich mir den nächsten und schlang ihn mit einem Happ hinunter.

Nach dem Fressen war ich etwas verlegen. Was sollte jetzt geschehen. Was machen Bären so den ganzen Tag? Ich folgte meinem Bären und sah, wie er ständig Grass frass. Ich machte es ihm nach und es war gar nicht so seltsam. Wir kamen an eine Höhle und er blieb davor sitzen. Ich setzte mich ebenfalls. Das war wohl seine Höhle? Und nun? Er deutete an, dass ich hinein gehen sollte. Ich war doch etwas unsicher. Aber er blickte mich so treu an. Ich vertraute ihm. Also ging ich mit ihm in seine Höhle.

Es roch etwas ungewohnt streng. Aber es fühlte sich nicht schlecht an für mich. Er klopfte auf eine kleine Erhebung und ich kam zu ihm. Dann legte er sich hin und ich war etwas verunsichert, sollte ich mich zu ihm legen? Aber er beantwortete meine Frage. Er deutete neben sich und ich kuschelte mich an ihn. Niemals in meinem Leben hatte ich  mich so wohl gefühlt. Ich schloss die Augen und vergass mein altes Leben. Das hier war mein Leben. Niemals wieder wollte ich was anderes als ein Bär sein.

ENDE

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Das fünfte Wort | 2017 – entdecken – Ich entdecke die Langsamkeit

Das Projekt*txt wird gegenwärtig von Dominik Leitner und Katharina Peham betreut.

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Wie ich entdeckte, dass ich langsam bin.

Eigentlich entdeckte nicht ich es sondern meine Grundschullehrerin. Sie schrieb es mir mal in eines der Zeugnisse, dass ich zwar etwas langsam bin, aber dafür gründlich. Und irgendwann nahm sie mich beiseite und sagte zu mir.

„Kind du bist echt langsam – aber das ist egal, ich hatte schon mal einen Schüler, der war auch so langsam und der ist heute Arzt.“

Ja liebe Frau B. langsam bin ich heute noch aber Ärztin bin ich nicht geworden.

Gründlich bin ich wirklich. Gründlich unordentlich. Steckt da eine alte Seele in mir? Wurde mir auch mal nach gesagt. „Für Dein Alter bist Du so gelassen – es steckt eine alte Seele in Dir.“ Ja O.k vielleicht bin ich auch etwas langweilig. Hat sie nett umschrieben die Kollegin. Aber ich bin nicht nur langsam und unordentlich –ich bin auch faul. Schon in der Schule habe ich nur das nötigste gemacht um eine passable Note zu bekommen. Ich war so eine 2-3 Schülerin – das war auch beim Abi so.

Aber ich kann ehrgeizig sein. Zum Beispiel: Ich war festgefahren, die Ausbildung war vorbei, und mein Leben vorgezeichnet. Heiraten, Kinder, weisser Gartenzaun. *Würg* Dann sprach mich ein Patient an, ob ich mir nicht vorstellen könne Zahnarzt zu werden. OMG – niemals. Aber – der Samen war gepflanzt. Warum nicht Tierärztin? Also meldete ich mich für das Abendgymnasium an und machte mein Abi. Nicht besonders gut – deswegen bin ich zu Bio statt zu Tiermedizin. Aber – hier war meine Grenze – das Studium fiel  mir unheimlich schwer. Ich entdeckte – ich habe kein bildliches Vorstellungsvermögen. Ich konnte mir die Vorgänge in den Pflanzen nicht vorstellen. Faszinierend ja – aber wie zum Teufel soll ich das verstehen, wenn ich es nicht sehe?

Wirklich – ich bin also  nicht nur langsam, unordentlich, faul sondern auch noch unbegabt. Wenn mir jemand etwas beschreibt – kein Plan. Deswegen konnte ich auch mit Bio nicht landen. Als ich aus einem Kurs flog, weil ich im Krankenhaus lag und somit mehr als drei Tage nicht da war – zog ich die Konsequenz – Hier ist mein Weg zu Ende.

Aber ich habe es versucht und brauche nie zu sagen – was wäre wenn. Ich entdeckte, da ich beobachtete in dem Moment in dem ich nichts vom Prof verstand – die ganzen Diplomanten und Doktoranten waren nichts anderes als ich. Ich war eine Zahnarzthelferin, die ihrem Chef Kaffee kochte und das Besteck hinhielt. Dafür habe ich dann studiert. Ja – natürlich kann man sehr weit kommen – aber mein Ehrgeiz ist versiegt.

Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit. Die Anerkennung meiner Chefs – ich wechselte während des Abis zur Krankenkasse – Schon in der Praxis entdeckte ich, dass ich die Arbeit mit Menschen mag – obwohl ich Menschen eigentlich nicht mag. So war es auch bei der Krankenkasse. Als ich dann mit dem Studium anfing, wechselte ich zum Paketdienst. 19 Jahre später hänge ich da immer noch.

Ich entdeckte meine Grenzen. Ich schluckte daran. Aber heute – bin ich gewachsen, an den Herausforderungen meines Jobs – denn so viel unterschiedliche Charaktere wie bei einem Arbeitgeber, der alles beherbergt – das sind Lebenserfahrungen. Ein menschlicher Pool mit sämtlichen Charaktereigenschaften, die man sich nur vorstellen kann und auch nicht vorstellen kann. Ein Kollege sagte mir mal auf meine Anmerkung, dass ich die Zeit zurückdrehen wolle um früher hier aufzuhören  – Er würde diese Erfahrung nicht missen wollen. Soviel unmögliche und abartige Charaktere auf einem Haufen zu erleben – das hätte er nirgendwo anders kennen gelernt.

Ich entdeckte den Hochmut und den Fall. Ich war oben – und ich fiel. Ich wurde gestürzt. Ich entdeckte meinen Stolz. Ich entdeckte, dass meine Eltern falsch lagen – Was kannst Du für die Firma tun – NEIN! Was kann die Firma für mich tun. 19 Jahre habe ich gelächelt, gekämpft und gewonnen, aber auch verloren. Jetzt bin ich unten –  aber auch oben.  Nicht mehr erpressbar  – ich bin da, ich arbeite, ich gehe und mein Kopf ist endlich frei. Ich weiss nicht ob er jemals so frei war. Als Kind – bevor ich geformt wurde – Ich bin geformt – aber ich kratze an der Form. Vielleicht kann ich sie öffnen und meinen Kopf noch weiter herausstrecken. Vielleicht passt irgendwann mein Körper durch. Aber ich hörte wie die Schale in meinem Gehirn krachte – wie die Ideen wieder kamen, die ich verloren dachte. Ich bin fast frei – nicht genügend frei – aber ich Entdecke  immer mehr.

Ich entdeckte – ich bin langsam, gemütlich, faul, unbegabt, eingeschränkt, eingepfercht – aber nicht verloren.

Geschichtenzauber

Das vierte Wort | 2017 – Alkohol – Wall of Shame

Ein neues Wort ist überlegt und will euch präsentiert werden: Mehr dazu findet ihr bei Projekt.TXT

Am Strand, am See, am Fluss, in der Bar, beim Fest, beim Booty-Call, beim Grillen, in der Kneipe, nach der Arbeit, oder auch manchmal auf Arbeit, im Urlaub – er ist überall dabei.

Wenn man glücklich ist, traurig ist, entsetzt, müde, verliebt, flirtend, resigniert, gelangweilt, jammernd, todernst oder regenbogenhappy: #Alkohol ist ein treuer Begleiter.

 

„Wie betrunken warst du letzte Nacht?“

„Nun – Ich habe immer noch meine Hose an, also nicht zu betrunken.“

„Das sind nicht deine Hosen.“

Ich schaute an mir herunter und tatsächlich. Das war nicht meine Hose. Ich schaute zu Stacy und sie guckte mich an, wie ein verschrecktes Huhn. Wessen Hose hatte ich denn da an?

„Ari – was hast du denn gestern gesoffen?“

„Tja – wenn ich das so wüsste. Ich weiss, ich bin in die Bar gekommen. Da war schon die ganze Clique. Du warst doch auch da. Was habe ich denn alles gemacht. Habe ich mich blamiert.“

Stacy fing an zu lachen. „Oh und ob meine Liebe. Du hast dich gehörig blamiert. Oder was meinst du wie du an die fremde Hose gekommen bist.“ An die Erinnerung denkend musste Tracy sich setzen. Sie schlug mit der Hand auf ihren Schenkel und lachte. Es fehlte nur noch, dass sie anfing sich zu kringeln. Kaum hatte ich das fertig gedacht, ging es los. Stacy kringelte sich.

„Okay – Meine beste Freundin – dann lass mal vom Stapel. Was habe ich denn so peinliches gemacht.“

„Ahahahahaha….ich kann es dir nicht erzählen. Noch  nicht. Ich brauch erst mal eine Pause. Weisst du was, lass und zu Barny´s gehen. Lass und deinen Walk of Shame gehen.“

Na toll. Der Walk of Shame. Dieses Mal war ich dann wohl dran.

Letzten Sommer hatte es Brian erwischt. Er hatte sich auch gehörig blamiert. Immer im Sommer schenkte man bei Barnys einen Selbstgebrannten aus. Ein Geheimrezept. Das würde Barny wohl mit ins Grab nehmen.

„Na gut, gehen wir los, ich will es hinter mich bringen. Oh Mann.“

Stacy gaggerte immer noch und ich verdrehte die Augen. Irgendwann, wäre sie dran und dann würde ich mich fürchterlich revanchieren.

Wir kamen bei Barnys an und traten durch die Tür. Die Bar war schon wieder voll. Hatten die Leute nichts anderes zu tun? Anscheinend nicht. Es war ein kleines Kaff und es gab nicht viel Ablenkung. Die Blicke folgten mir und ich sah, auch die Lacher folgten mir. Was hatte ich denn gestern alles gemacht. Ich sollte wohl mal die Wall of Shame aufsuchen. Es hatte bestimmt jemand Fotos gemacht.

Seit einigen Jahren gab es eine virtuelle Wall of Shame. Die alte Wand befand sich direkt darunter, da waren tolle Aufnahmen aus vergangenen Tagen. Aber Barny  meinte, er müsse mit der  Zeit gehen. Also wurden die Schandtaten an die Leinwand projiziert. Schön als Karussell damit auch jedes Bild möglichst oft zu sehen war.

Ich setzte mich auf den Barhocker und drehte mich zur Leinwand. Da erschien auch schon das erste Foto. Da war noch alles in Ordnung. Ich hatte noch meine Hose an und prostete dem Fotographen zu. Da war ich wohl noch nüchtern. Mein Filmriss, war ziemlich heftig. Daran konnte ich  mich schon nicht mehr erinnern.  Weiter ging es. Man konnte fast nach jeder Stunde erkennen, dass ich immer weiter abrutschte. Aber nicht nur ich. Auch meine Sitznachbarn wurden immer lustiger. Dann kamen – die Bilder der Schande. Stacy tanzte mit irgendeinem Typen, der mir unbekannt war. Aber die Hose kannte ich. Das war die, mit der ich heute wach geworden war. Oweh.

Es folgten noch so einige peinliche Bilder. Ich auf dem mechanischen Bullen. Allerdings mit sehr schrägem Blick und sitz. Wo hatte ich denn diesen Cowboy Hut her. Ich sass auf dem Bullen, mit dem Hut in der einen Hand und einem Glas Bier in der andern. Ich wusste gar nicht, dass ich solch starke Beinmuskulatur hatte. Kamen die nur in Folge von Alkohol zu Tage? War ich Hulk. Bei dem Gedanken musste ich selbst mal lachen.

Es folgten weitere, sehr amüsante Bilder. Ich war witzig, wenn ich betrunken war. Ich stand auf der Bar und machte einen auf Coyote Ugly. Gut – ich hätte wohl nie viel Trinkgeld bekommen, denn die Bilder sprachen eine eindeutige Sprache – tanzen konnte ich nicht. Aber die Leute hatten viel Spass gehabt.

Weiter ging es in der Bildergalerie. Da war Stacy – so so. Nicht nur ich hatte zu viel von Barny´s Selbstgebrannten.

Die Tür öffnete sich und der nächste Schwall Gäste kam rein. Und schon ging das grosse Hallo los.

„Ari – na geht es wieder? Warst gut drauf gestern. Willste da weiter machen wo du aufgehört hast? Hahahahah“

„Haha. Danke Marty. Du bist echt ein Scherzkeks. Aber es wird euch alle auch noch treffen. Dafür ist Barny´s Selbstgebrannter bekannt. Jedes Jahr ein anderer auf der Wall of Shame. Ich dieses und du nächstes Jahr. Wer weiss das schon.“

Stacy kam zu ihr und setzte sich neben sie. Sie hatte ein neues Glas Bier dabei und nahm  mich in den Arm. „Ach Süsse. Nimm es nicht so schwer. Der Typ, dessen Hose du an hattest – der war noch besser drauf. Er hatte schliesslich keine Hose mehr an. Er lief nackig über die Hauptstrasse. Der Sheriff hat ihn zum Ausnüchtern in die Zelle gesperrt. Vielleicht willst du ihm die Hose zurück geben? Hahaha.“

„Wirklich Stacy – bei solchen Freunden brauche ich keine Feinde. Aber ja – lass uns zum Sheriff gehen und ihm seine Hose zurück geben. Vielleicht brauch er sie ja noch für die nächste Feucht-Fröhliche Party. Aber eins sage ich dir. Das war das letzte Mal, dass ich Barny´s Selbstgebrannten getrunken habe. Es wird Zeit, dass die nächste Generation sich lächerlich macht. Ich bin jetzt zu alt dazu. Hahaha.“

Wir verliessen Barny´s Kneipe und liefen Richtung Sheriffsbüro. Mal sehen was das für ein Typ war, dessen Hose es wert war meine Beine zu kleiden.

Niemals wieder kam ich in diese Situation. Aber jedes Jahr traf es jemand anderen. Die Wall of Shame hatte immer genügend Bilder zur Auswahl. Es war immer lustig. Eine Tradition, die nie ein Ende finden würde.


Passend zum vierten Wort von Projekt TXT bin ich über diesen Writing Prompt gestolpert.

Geschichtenzauber

Das dritte Wort | 2017 – Fernweh – die Reise allein

Es ist wieder soweit! Das dritte Wort für 2017 steht in den Startlöchern und möchte verwendet werden! Wir sehnen uns schon so nach Sonne, nach etwas Wärme, die auf der Haut kitzelt, ferne Länder die entdeckt werden wollen, Geschichten, die das Leben schreibt, Geschichten aus 1001 Nacht, aus dem Morgen- und Abendland. Zauberhafte Geschichten, Geschichten voller Magie, Geschichten, dass einem Hören und Sehen vergeht und einen staunend zurücklässt. Unser neues Wort lautet daher: #Fernweh! Auja! Weg von hier und ab ins (literarische) Abenteuer:

Mehr dazu findet Ihr bei Dominik Leitner und Katharina Peham

fernweh

Fernweh

Es war sonderbar – das hat er sich eigentlich alles bisschen anders vorgestellt. Das Leben geniessen, das war sein Plan. Endlich den Alltag, Alltag sein lassen. Freiheit und Sonne und Meer und Wegfahren. Seine Frau schnappen und endlich dem Fernweh nachgeben. Er war frei, sie war frei. Jetzt sollte es soweit sein. Aber wie soll es anders sein. Warum sollte es jetzt anders sein, als zu der Zeit, als er noch nicht frei war?

Sein Fernweh. Oh weh. Sein Fernweh dem würde er doch nicht nachgeben können. Das Schicksal ist eine Bitch – sagt man das nicht heute so. Ja  – so ist es. Gefangen genommen wurde er. Er konnte sich nicht mehr befreien. Die Fesseln sassen so fest. Wie sollte er denn jetzt mit seiner Frau das Leben geniessen. Sie wollte endlich ohne Hürden und Barrieren mit ihm Leben. Jetzt ist das Leben die Hürde und er die Barriere.

Er ist gefesselt. Gefesselt. Er kann sich nicht befreien. Was ist mit seiner Fernweh? Er will weg. Aber es wird nicht mit ihr sein. Denn sie ist frei. Sie wird es schon schaffen. Sie ist stark. Sie ist mein Anker und mein Augenstern. Aber sie kann mir nicht mehr helfen. Sie kann mich nicht befreien. Wie soll sie mich von mir befreien?

Ich bin gefesselt. Ich kann nicht Atmen. Ich will weg. Die Fernweh plagt mich. Nur wohin ich reise, da reise ich alleine hin.

Es wird warm und friedlich sein. Meine Frau wird willkommen sein, aber noch lange nicht. Ich werde alles vorbereiten für uns. Wenn sie zu mir kommt dann werden wir endlich frei sein. Ich folge meiner Fernweh. Es ist leicht. Ich folge dem Licht. Es ist schön warm dort. Nie wieder werde ich frieren.  Nie wieder Schmerzen haben. Nur Freude und bisschen Sehnsucht nach meiner Liebe. Aber die Fernweh – mein Schatz trennt uns und führt mich weg von dir. Aber nicht für immer.

loving-1207568_640Für meinen Schwiegervater kreuz-4 03.03.17