Projekt TXT*

Das zweite Wort | 2018 – Unendlich

Was ist das Projekt *.txt?

Schnell erklärt soll das Projekt *.txt der Inspiration dienen. Einmal pro Monat wird ein Wort verkündet, zu dem die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Texte schreiben. Es gibt keinen Druck, etwas zu schreiben, kein Datum, bis wann die Texte da sein müssen … es soll also in erster Linie Spaß machen!


Warum hat das so lange gedauert? Das vierte Wort steht schon bald in den Startlöchern und jetzt erst kommt mein zweites. Ich hatte eine kleine Schreibflaute und nur die Sachen mit Termin gemacht. Aber im Moment habe ich einen Lauf und habe das gleich ausgenutzt. Wer weiss wie lange das andauert, dann habe ich wieder Wochenlang nichts. Dann hatte ich eine andere Geschichte gestartet – die hat sich dann aber festgehängt. Ich würde sie gerne weiter verfolgen. Mal sehen. Aber jetzt zu meinem zweiten Wort.


Unendliche Rache

Langsam ritt er über die unendliche Prärie. Sein Pferd war müde – ebenso wie er. Die untergehende Sonne stand in seinem Rücken. Für jeden der ihm jetzt entgegenkommen würde, wäre er nur eine schwarze, bedrohliche Silhouette. Aber auch für diejenigen, die ihm näher kommen würden – sie würden ebenfalls nur eine schwarze, bedrohliche Silhouette sehen, denn mehr waren er und sein treues Pferd nicht. Sie waren nur noch dunkle Schatten, auf der ewigen Reise. Er wünschte sich eine Farm und seine Ruhe. Aber dieses Schicksal war nicht für ihn bestimmt – nicht mehr.

Er lebte, nein existierte nur noch für die Rache. Sein Deal war – die Rache gegen seine Seele. Aber wie es so ist: der Teufel ist kein ehrlicher Geschäftspartner. Andere wünschten sich Ruhm und Reichtum. Sie glaubten dem Teufel, dass sie dafür nur ihre Seele geben mussten. Höllenqualen und Verdammnis, das existierte für sie nicht. Sie alle ließen sich täuschen von dem Gehörnten. Und immer mehr verfielen ihm. Seine Macht wuchs und wuchs. Aber James wollte nur seine Rache. Rache für die Ermordung seiner Familie. Er wusste um den Preis. Er wusste, dass er leiden würde. Aber er litt seit dem Tod seiner Familie. Schlimmer könnte es nicht werden.

Seine Seele war schon vorher schwarz gewesen. Er war ein Revolverheld. Viele hatte er getötet, viele hatten ihn herausgefordert. Ein Revolverheld zu sein brachte Verantwortung mit sich. Es war wie ein Wolf zu sein – irgendwann würde ein Jungtier kommen um ihn von der Spitze zu vertreiben. Und es kamen viele, denen er vorzeitig das Leben nahm. Dafür würde er in der Hölle schmoren. Aber er war jung und ohne Perspektive. Sein Gesicht auf den Fahndungsbildern und die ständig steigende Belohnung – das verschaffte ihm einen Rausch. Bis er Rachel traf. Süße Rachel. Sie würde ihn retten. Sein Engel.

Er war so aufgeregt als er um ihre Hand anhielt. Und überglücklich, als sie ihm ein Ja gab. Die Hochzeit war wunderschön – sie war wunderschön. Nicht lange und ihr Sohn wurde geboren. Danach kam noch ein kleines hübsches Mädchen. Sie war so hübsch wie ihre  Mutter und ebenso ein Engel.

Drei Jahre hatte er das glücklichste Leben. Er liebte seine Familie und er hoffte aus den Fängen der Hölle zu entkommen. Bis zu dem schicksalshaften Tag. Er war in der Stadt um Vorräte zu kaufen. Hier kannten sie ihn alle nur als James. Keiner wusste von seinem Vorleben. Als er nach Hause kam, saßen mehrere fremde Männer auf seiner Terrasse. Sein kleiner Engel saß auf dem Schoss eines zahnlosen Säufers. Er spielte Hoppe Hoppe Reiter mit ihr und ihr Lachen klang wie ein Glockenspiel. James Jr. stand neben der Tür und sah ihn ängstlich an. Wo war Rachel? Er trug schon lange keine Waffe mehr. Noch nie hatte er sich so hilflos gefühlt. Fremde, gefährliche Männer bei seiner Familie. Langsam ging er auf die Terrasse. Nahm Marie vom Schoss des fremden Mannes und James Jr. „Geh mit deiner Schwester spielen, James.“ Der kleine war sichtlich erleichtert und zog seine Schwester hinter sich her. Sein Herz ging auf und er merkte wie verletzlich er geworden war.

Aber als Revolverheld konnte man nicht einfach abdanken. Wer würde dann den Ruhm ernten? Daran hätte er denken müssen, bevor er sich der Hoffnung hingab Glücklich zu werden. Er hatte sich von der Hölle nur eine kurze Zeit frei kaufen können. Jetzt musste er die Rechnung begleichen. Die Männer vor seinem Haus verhielten sich ruhig. Er trat auf die Tür ins Innere zu und öffnete sie. Rachel saß am Tisch. Ihr Kleid war zerrissen und sie hatte Blutergüsse im Gesicht und am Hals. Noch nie hatte er das Fehlen seiner Waffe so schmerzlich gespürt. Sie hing neben dem Küchenschrank – hoch genug, dass die Kinder nicht drankamen. Er würde nie drankommen.

„Hallo James. Da bist du ja endlich. Weißt du eigentlich wie lange ich schon nach dir gesucht habe? Wie alt sind deine Kinder zwei und drei? Ja – dann weißt du es ja. Einfach so von der Bildfläche verschwinden. Tse, tse, tse. Das geht doch nicht. Jemand muss doch deinen Platz einnehmen. Ehrenhaft. Siehst du wozu das geführt hat? Das hier ist alles deine Schuld.“ Rachel weinte leise – sie kannte seine Geschichte und hatte ihn trotzdem geliebt. Ihm vertraut. Und jetzt. James wand sich innerlich. Er sah im Blick seines Gegners was geschehen würde. Eine Träne löste sich und fand ihren Weg die Wange hinunter. „Rachel – es tut mir so leid.“

„Ach wie süß.“ Und ein Schuss löste sich. James Herz blieb in dem Moment stehen, als Rachel vom Stuhl fiel. Draußen hörte er zwei weitere Schüsse. In dem Moment starb er. Sein Körper reagierte nur noch. Er rannte los um zu seiner Waffe zu gelangen aber sein Gegner war schneller und schoss auf ihn. „Verdammt James – so wollte ich das nicht – ich wollte einen fairen Kampf Mann gegen Mann. Aber du hast dich mich entzogen. Was sollte ich denn machen? Hä? Aber du weißt ja – der Sieger schreibt die Geschichte. Leb wohl mein Freund.“ Und er schoss noch mal.

Aber der Teufel hatte andere Pläne mit ihm. Er verhinderte, dass James starb. Denn er wollte seine Seele. Durch die Heirat mit Rachel wäre sie ihm fast entschlüpft. Es war ein solches Vergnügen diesen Bengel Kirk, mit seinen Höhenflügen zu stecken, wo er James finden würde. Jetzt konnte er ihn sich wieder holen, James gehörte ihm.

James erwachte voll Schmerz. Aber schlimmer war – er fühlte nichts im Inneren. Er hatte erwartet dass ihn der Schmerz über den Verlust zerreißen würde. Aber es war nichts. Es war nur noch seine Hülle, die hier auf dem Bett mit Verbänden lag. Wenige Tage später verließ er das Lazarett. Er wusste, was von ihm erwartet wurde. Er spürte ihn schon. Den gefallenen Engel. Er klopfte schon laut an. Und James öffnete. Der Teufel bekam seine schwarze und tote Seele, dafür hatte James den Schuss überlebt um seine Rache auszuüben. Das war alles was er wollte.

Er war jetzt schon einige Jahre unterwegs auf der Suche. Kirk, so hieß der feige Mörder seiner Familie. Er reiste quer durchs Land und bot überall seine Dienste als Revolverheld an. Er war jetzt an der Spitze. Jeder glaubte ihm, dass er James in einem ehrlichen Kampf besiegt hatte. Er war jung und schnell. Warum sollte er es nötig haben zu lügen.

Jetzt war er aber ganz dicht. Er hatte die Information bekommen, dass er sich in dem nächsten Ort aufhalten sollte. Dort würde er ihn endlich stellen und damit auch endlich hinab in die Hölle fahren können. Er würde für seine Sünden büßen und dass er seine Seele verkauft hatte.

Es war dunkel, als er in die Stadt ritt. Die Leute konnten ihn nicht richtig erkennen. Nur seine dunkle Silhouette. Wenn er bei ihnen vorbeiritt wurde ihnen kalt und eine unerklärliche Wut stieg auf. Sobald er an ihnen vorbei war, hatten sie ihn auch schon wieder vergessen und alles war wieder wie sie es gewohnt waren.

Der Saloon war seine erste Anlaufstelle. Dort waren sie zu neunzig Prozent immer anzutreffen. Entweder unten in der Bar oder oben bei den Huren. Kirk war oben. Er schwebte als Schatten die Treppen hoch. Für alle nicht wirklich wahrnehmbar. Vor der besagten Tür hielt er an und klopfte laut.

„Verschwinde. Ich habe bezahlt und die Zeit ist noch nicht rum. Also verpiss dich.“ Von innen war Lachen zu hören. Wieder klopfte er an. Stärker und bedrohlicher. Kirk riss die Tür auf und erstarrte. Vor ihm stand eine dunkle und hasserfüllte Gestalt. Instinktiv wusste er um wen es sich handelte. Da er aber nackt war, hatte er keine Waffe bei sich. „Hallo Kirk. Ähnliche Situation. Du hast keine Waffe. Es wäre so einfach dich jetzt zu töten. So einfach.“ James lachte. Ein dumpfes böses Lachen, das Kirk eine Gänsehaut verschaffte. „Aber ich bin ein Ehrenmann. Zieh dich an und komm nach unten. Wir treffen uns draußen und klären das wie Männer. Das war doch dein Wunsch damals.“ „James? Du solltest Tod sein.“ „Ja? Tatsächlich. Du hast ja so mutig die Waffe auf mich gerichtet, als ich am Boden lag. Ach und nicht zu vergessen wie du Rachel erschossen hast und meine zwei kleinen Kinder. Das sind wahre Heldentaten. Der Teufel wartet schon auf dich. Soll ich dir ausrichten. Jetzt weißt du wieso ich hier vor dir stehe. Also lass uns das endlich beenden, dass ich verschwinden kann.“

Kirk wurde blass. Es war klar, dass er das nicht überleben würde. Denn James war immer noch der beste Revolverheld. Langsam ging er in das Zimmer zurück und zog sich an. Seine Waffe hing über dem Bettpfosten. Als er sie nahm, zog er sich schnell aus dem Holster und schoss auf James. Das entlockte James nur ein herzloses Lachen. „Kirk, ich bin schon tot. Das hier ist nur noch meine Hülle. Das einzige, das mich Leben lässt ist der Wunsch nach Rache. Also komm. Stell dich mir wie ein Mann.“

Sie trafen sich vor der Tür. James stand und wartete. Kirk schlich wie ein geprügelter Hund auf seine Position. James spielte mit seinem Holster. Kirk war nervös. Plötzlich wurde es gleißend hell hinter Kirk. Es schien aber keiner zu bemerken. Nur James konnte es sehen. Und was er da sah, ließ ihn fast noch mal sterben. Rachel und die Kinder standen dort. Sie kamen näher. „James, mein Liebster. Was tust du. Deine Rache hat dich hier her geführt. Aber bitte, lass davon ab. Komm mit uns.“ „Rachel? Rachel! Mein Herz, mein Engel. Schatz ich kann nicht mit euch kommen. Ich habe meine Seele verkauft. Ich gehöre dem Teufel.“ „Nein. Du hast den Vertrag noch nicht erfüllt. Erst wenn du deine Rache hast, aber wenn du von der Rache ablässt und Kirk verzeihst, dann kann ich dich mitnehmen. Wir können zusammen sein. Als Familie. Schau  nur. Marie und James Jr. Sie warten auf dich. Ich warte auf dich.“ Sie lächelte ihn gütig an. Im Inneren spürte er wie sich etwas löste. Eine Fessel um sein Herz schien zu brechen. Seine Familie stand vor ihm und wartete auf ihn. Er fühlte wärme in sich und Liebe. „Rachel, ich komme. Wartet auf mich.“

Kirk wartete und wunderte sich über das Verhalten des älteren. „James, was ist los. Bekommst du Muffensausen?“ James erwachte aus der Trance. Rachel war weg. Aber in der Ferne am Horizont, konnte er ein helles kleines Licht erkennen. Er ging auf Kirk zu. Kirk wich zurück. Was sollte das denn jetzt? James ließ seine Waffe fallen, schloss Kirk in seine Arme und flüsterte ihn ins Ohr. „Ich vergebe dir.“ Kirk stieß James von sich. Er blickte ihm in das Gesicht. James hatte wieder ein Gesicht. Und in seinen Augen standen Tränen. Kirk schritt einige Schritte zurück. „Zieh deine Waffe, alter Mann. Es wird Zeit endlich einen Schlussstrich unter deine Geschichte zu ziehen.“ James blieb stehen. Er wartete auf Rachel. Aber sie kam nicht. Der Teufel erschien. „James, was machst du, wir haben einen Vertrag. Ich habe dich am Leben gelassen für deine Rache. Ohne mich wärst du schon längst Würmerfutter. Jetzt bring es zu Ende. Ihr gehört beide mir.“ „Nein, ich breche meinen Vertrag. Ich werde diese Sache nicht für dich erledigen.“  „Waaaaas. Das kannst du nicht machen.“ „Doch, das habe ich schon. Ich vergebe Kirk, den Mord an meiner Familie. Ich befreie mich von den Fesseln des Hasses und warte auf  meine Liebe.“ „Aaaaarrrrrhhhhhg. Ich habe meine Zeit verschwendet.“ Er zog ein Stück Papier aus der Luft. James erkannte seine Unterschrift. Der Teufel wollte ihm gerade den Vertrag unter die Nase halten, als dieser sich entzündete und verbrannte. Der Teufel war sprachlos und in diesem Moment brach James leblos zusammen. Durch den vernichteten Vertrag war sein Deal hinfällig und sein Leben, das nur durch den  Vertrag bestand, war es ebenfalls.

James rannte in die Richtung in der das kleine helle Licht auf ihn wartete. Wo seine Familie auf ihn wartete. Er nahm Rachel in die Arme und küsste sie. Seine Kinder kuschelten sich an ihn. Er war endlich wieder glücklich. Jetzt konnte er unendlich viel Zeit mit seiner Familie verbringen. Sie drehten sich von den Szenen im Hintergrund weg und gingen ihren Weg zusammen. Für immer zusammen.

 

Ende

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