writing friday

Writing Friday – Wir schaffen das….2 von 2

So, hier kommt die Fortsetzung zum gestrigen Writing Friday.

Gestern habt ihr gelesen, dass Sam und Martin in ein ziemliches Unwetter geraten sind und jetzt auf der Suche nach Miriam sind. Die Frau und Mutter. Heute begeben sie sich weiter auf die Suche.

Dort stand sie. So verloren und klein. Als sie ihn um die Ecke kommen sah rannte sie auf ihn zu und ließ sich auffangen. „Da bist du ja. Ich dachte du bist tot.“ „Was und lass dich hier alleine. Das wirst du nicht erleben. Ich sterbe nicht bevor du verheiratet bist und ich wenigstens Uropa bin.“ Sie giggelte und kuschelte sich an ihn. „Komm ich weiß wo Mami hin wollte. Sie wollte uns suchen.“ Auf dem Weg zum Auto klärte er seine Tochter auf. Das nächste Ziel: Kino.

Als sie am Kino ankamen erwartete sie ein ähnlich zerstörerisches Bild wie beim Salon. Der wunderschöne, riesige Weihnachtsbaum war entwurzelt worden und genau auf den Eingang des Kinos gefallen. Dort war Miriam gewiss nicht hinein gegangen. Hineingelangt. Sie hatte bestimmt den Parkplatz nach ihrem Auto abgesucht. Nein, hier hätte sie keine Zeit verschwendet. Schnell stiegen sie wieder ins Auto uns fuhren vorsichtig weiter. Die Kirche stand noch. Martin atmete auf. Sie war auf einem kleinen Hügel errichtet worden und somit nicht ganz so den Witterungen ausgesetzt, da das Wasser abfließen konnte und keine hohen Bäume vor Ort waren.

„Bleib im Wagen, ich gehe schnell zu Pater Ernest und frag nach Mami.“ Sam wollte widersprechen, aber Martin erhob den Zeigefinger und sie blieb still sitzen. Nicht ohne zu schmollen. Er stieg aus und begab sich zur Eingangstür. „Martin, schön, ihr habt es geschafft.“ „Hallo Pater. Nur ich und Sam. Wir suchen Miriam. Ist sie hier gewesen?“ „Miriam? Ich glaube nicht. Warte ich frage Wanda. Sie hat die Leute aufgelistet. Wanda?“ Eine ältere Frau drehte sich zu ihnen um. „Pater? Hallo Martin.“ „War Miriam hier?“ „Ja, ja sie war hier. Aber weil sie euch nicht gefunden hat, ist sie weiter gegangen. Sie sucht euch.“ Martin ließ die Schulter hängen. Aber immerhin lebte sie noch. „Danke ihr beiden. Ich werde dann mal weiter suchen.“ Am Auto angekommen, ließ er sich auf den Beifahrersitz plumpsen und schüttelte nur den Kopf. „Auf zum Gemeindesaal.“ Lächelte er ihr zuversichtlich zu.

Der Gemeindesaal lag in Richtung ihres zu Hauses. Martin wendete und fuhr wieder vorsichtig an. Im Rückspiegel konnte er den Pater und Wanda erkennen. Hätte er Sam vielleicht bei ihnen lassen sollen? Da wäre sie bestimmt sicherer gewesen. Ein Blick neben sich, versicherte ihm, dass sie mitzunehmen die richtige Entscheidung war. Sie wäre sowieso nicht dort geblieben.

Am Gemeindesaal angekommen, wurden sie von einem unüberblickbaren Chaos begrüßt. Wie sollten sie hier Miriam finden? Nein, ziellos herum irren hätte keinen Sinn. Wieder verwies er Sam auf ihren Platz und ging zum Eingang. Zum Glück gab es dort schon Helfer, die die Namen der Leute im Inneren notiert hatten. „Martin, hallo.“ „Marv. Toll ihr habt es geschafft. Hast du Miriam gesehen?“ „Ja, sie war hier. Hier, das hat sie mir gegeben, als sie euch nicht gefunden hatte. Sie wusste, dass ihr hier herkommen würdet. Wohin auch sonst?“ „Nach Hause.“ „Ich weiß nicht, die Brücke hat einiges abbekommen. Es könnte sein, dass sie einstürzt, wenn ihr drauf fahrt. Bleibt doch besser hier.“ Martin drehte sich zur Brücke um. Der einzige Weg zu ihrem Haus. Er schaute aufs Auto. Sollte er Sam jetzt hier lassen? Nein. Nein. Sie würden das schaffen. Vielleicht war er egoistisch. Sie wäre hier sicher, aber nicht in seiner Obhut. Was wenn es wieder los gehen würde. Nein, sie würde ihm helfen, Miriam zu finden. „Danke Marv. Ich denke wir versuchen es. Ich werde es mir genau anschauen.“ Er klopfte Marv dankend auf die Schulter und ging zum Auto zurück. Als er sass schaltete er die Innenbeleuchtung an und lass den Zettel. Martin, Sam. Ich hab euch überall gesucht. Ich weiß, ihr lebt noch. Ich würde es spüren, wenn nicht. Ich gehe jetzt nach Hause. Dort werde ich auf euch warten.

Miriam. Sie war immer so nüchtern. Sie mochte keine große Gefühlsduselei. Das mochte er so an ihr. Er wusste dann immer, wenn sie Gefühle zeigte, dann waren sie auch echt. „Was meinst du? Fahren wir heim?“ Sam rückte sich zurecht. „Auf jeden Fall. Hasi will in seinem Bett schlafen. Er bekommt Rückenschmerzen im Auto.“ Ich musste lächeln. „Dann mal los.“

Martin startete den Wagen und fuhr zur Brücke. Dort stieg er aus und betrachtete sich die Substanz. Die Taschenlampe beleuchtete alles nur notdürftig. Aber er konnte schon einige bedenkliche Risse auf der Oberfläche sehen. Er blickte über das Brückengeländer und sah, dass sich dort einige große Bäume am Pfeiler gesammelt hatten. Es kamen immer mehr und die drückten gegen ihn. Sie würden ihn vielleicht zum einstürzen bringen. Es war riskant. „Was ist los, Papa?“ „Die Brücke ist nicht sicher. Sie könnte einstürzen.“ „Sie wird halten. Steig ein. Ich bekomme Hunger.“ „Du hast Recht, sie wird halten.“

Noch einmal startete er das Auto. Langsam bewegten sie sich auf die Brücke zu. Martin wagte kaum zu atmen. „Schatz, nimm die Taschenlampe und schau dir die Seiten an, dort wo die Scheinwerfer nicht hinkommen. Wenn etwas bröckelt sag Bescheid.“ Sie schnappte sich die Taschenlampe und ließ das Fenster hinunter. „Alles klar. Kannst fahren. Langsam, langsam. Laaangsam.“ Ein knirschen ließ ihn aufs Bremspedal treten. Sie hätten das Auto stehen lassen sollen. Aber der Weg nach Haus mit Wagen betrug schon eine Stunde. Und im Dunkeln, wollte er das auf keinen Fall riskieren. „Fahr weiter, fahr weiter, es bröckelt. Schnell, Papi, schneller. Da vorne bröckeln die Steine aus dem Geländer. Ich glaube der Riss verbreitert sich. Fahr schneller, schneller, schneller.“ Schrie Sam. Er drückte aufs Gas. Ein Riss vor ihnen hatte sich gefährlich verbreitert. Wenn er zu langsam darüber fuhr, könnten die Reifen hängen bleiben. Er musste Gas geben und hoffen, dass die Brücke hielt. Er drückte das Gaspedal durch und ließ die Reifen quietschen. Ein kleiner Hopser und das Auto fuhr. „Der Spalt wird breiter, Papi, schneller, schneller. Fahr schneller.“ Martin versuchte die Angst in ihrer Stimme auszublenden und bretterte über diesen Spalt. Einen kleinen Moment hielt er die Luft an, als es sich anfühlte, als würden sie stecken bleiben. Aber die breiten Reifen stolperten nur kurz darüber. Samantha drehte sich um. Und jauchzte. „Jeah..oh nein. Schneller, die Brücke stürzt ein. Sie bricht zusammen. Fahr, fahr, fahr.“ Bei jedem Wort schlug sie auf die Rückseite seines Sitzes. Im Rücklicht konnte er sehen, wie der Spalt sich verbreiterte und hinter ihnen die Brücke einstürzte. Die Reifen drehten durch und das Auto schlingerte. Dann fing sich der Wagen wieder und sie fuhren dem Riss davon. Auf der anderen Seite angekommen, hielt Martin das Auto an. Seine Hände zitterten und er musste den Kopf auf das Lenkrad legen. Tief durchatmen, tief durchatmen. Bloß nicht ohnmächtig werden. Kleine Arme schlangen sich um seinen Hals. „Wir haben es geschafft. Die blöde Brücke kann uns nichts anhaben. Wir sind schneller.“ Sie stiegen aus.

Sam schaute zu ihrem Vater: „Paps?“ „Hm?“ Meinst du wir finden sie?“ „Natürlich, mein Schatz, wenn sie noch lebt finden wir sie.“ Mit großen Augen in denen die Tränen schimmerten fragte sie: „Könnte sie tot sein?“ Martin überlegte kurz. Nach diesem Tag war sie kein Kind mehr. Sie konnte die Wahrheit ertragen. „Ja mein Schatz, das könnte sie.“

Ende

 

 

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Writing Friday – Wir schaffen das….1 von 2

Und schon wieder ist eine Woche um. Ich habe doch tatsächlich fleissig für den Writing Friday geschrieben. Wirklich fleissig und es ist viel geworden. Deswegen werde ich den Text teilen. Damit ihr ihn besser lesen könnt und es euch nicht zu langatmig wird.

Eine Geschichte, die ich aus einem Bruchstück eines Traumes geschrieben habe.

Schreibe eine Geschichte die mit dem Satz “Es war eine Nacht, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte, zum ersten Mal sah man…” beginnt


Es war eine Nacht wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte, zum ersten Mal sah man die Ausmaße des Geschehenen. Martin hatte Samantha an der Hand und blickte zum anderen Ufer, auf ihre Stadt herüber.

Sam schaute zu ihrem Vater: „Paps?“ „Hm?“ Meinst du wir finden sie?“ „Natürlich, mein Schatz, wenn sie noch lebt finden wir sie.“ Mit großen Augen in denen die Tränen schimmerten fragte sie: „Könnte sie tot sein?“ Martin überlegte kurz. Nach diesem Tag war sie kein Kind mehr. Sie konnte die Wahrheit ertragen. „Ja mein Schatz, das könnte sie.“

Martin seufzte und dachte einige Stunden zurück.

Er war mit Sam und Miriam im Auto unterwegs. Sie wollten in die Innenstadt. Ihr Haus lag ziemlich abseits. Sie liebten die Ruhe. Vor Jahren waren sie aus der Stadt aufs Land gezogen. Martin hatte eine gutgehende Web-Design Firma von der er meist zu Hause arbeiten konnte und Miriam war Grundschullehrern. Samantha war sieben. Sie liebte das Landleben. Überall Tiere, Pflanzen, Pfützen. Sie konnte ihrer Fantasie freien Lauf lassen.

In der Stadt hatten sie Miriam beim Friseur raus gelassen. „Ich muss unbedingt zum Friseur. Meine Haare sehen aus wie ein Rabennest. Sie müssen mal wieder verwöhnt werden. Da gönn ich mir gleich  mal das Komplettverwöhnpaket. Maniküre, Pediküre, Kopfmassage. Oh, das werde ich genießen. Ihr zwei könnt also mindestens eine Stunde machen worauf ihr Lust habt.“ Sam und Martin schauten sich an. „Kino?“ „Kino!“ Sie eilten zum Auto. Ein kurzer Blick zurück zu Miriam. Ein Handkuss und schon drängelte Sam ihn zur Eile.

Der Himmel war grau in grau. Es sah nach Regen aus. Martin hatte es gerade zu Ende gedacht, da platschten die ersten großen Regentropfen auf die Autoscheibe. Sam blickte fasziniert dem Verlauf des Tropfens hinterher, als sich der nächste Tropfen einfand und der Spur des Vorgängers folgte. Sam ließ ihren Finger die Scheibe entlang, dem Weg des Tropfens folgen. Danach öffneten sich die Himmelsschleußen. Ein Platzregen ergoss sich über das Auto. Sam schrie erschrocken auf. Die Scheibenwischer schafften es nicht mehr, die Massen von Wasser zu verdrängen. Es lief wie ein Sturzbach an dem Auto herab.

Sam blickte zu Martin: „Papa, ich hab Angst. Das ist so viel Wasser und es ist so dunkel.“ „Ich weiß mein Schatz. Das ist nur einen Moment. Solche Regengüsse halten sich nicht lange. Ich versuche an den Straßenrand zu kommen und dann warten wir einfach. Okay.“ Sie nickte. Martin gab es schnell auf, das Auto weiter zu bewegen. Er ließ es einfach stehen und die Lichter blieben an, damit sie von anderen Autofahrern gesehen werden konnten. Er hoffte allerdings, dass die anderen auch stehen bleiben würden. Sam zitterte. „Komm Schatz. Klettre auf meinen Schoss.“ Sie ließ sich nicht lang bitten. Er holte die Decke vom Rücksitz und sie kuschelten sich aneinander.

Wenige Minuten später ruckelte das Auto. Martins Herz setzte einen Schlag aus. Das Auto bewegte sich. Es wurde von den Wassermassen mitgezogen. Er musste sehen was da draußen los war. Vorsichtig setzte er Sam auf den Beifahrersitz und drückte ihr, ihren Kuschelhasen in die Hand.

Er öffnete die Tür. Der Wind riss sie aus seiner Hand und er konnte das ganze Ausmaß der Katastrophe sehen. Ein Regenvorhang war vor ihm. Kein einziger Lichtstrahl vermag ihn zu durchdringen. Absolute Dunkelheit umgab ihn. Unter sich konnte er schwach das Wasser erkennen. Aus einem kleinen Rinnsal war ein kleiner Bach geworden. Schnell versuchte er sich gegen den Wind zu stemmen und die Tür wieder zu verschließen. Es fühlte sich an, als wolle der Wind ihm die Arme aus den Gelenken reißen. Aber er schaffte es und zog die Tür heftig zu. Er überlegte den Motor zu starten um die Heizung anzumachen. Er war nass, das Autoinnere war nass. Aber er hatte Angst, dass die Batterie zu stark belastet werden würde. Das durfte nicht passieren. Sobald es möglich war, mussten sie weiter fahren.

Er überlegte fieberhaft was zu machen wäre. Er zog sein Handy vor. Natürlich gab es keinen Empfang. Hoffentlich war Miriam in Sicherheit. Viel mehr musste er sich um sie beide Gedanken machen. Das Städtchen war umgeben von Hügeln. Es lag in einer Art Tal. Martin befürchtete, dass dieser starke Regen den Untergrund der Hügel instabil werden lassen könnte. Und dann würde hier eine Lawine von Geröll und Erde herunter kommen.

Ihm blieb jetzt erst mal nichts anderes übrig, als im Auto zu bleiben. Der Wind und die Massen von Wasser würde sie wie ein Pingpongball über den Asphalt zerren. Das Auto ruckelte und Sam quickte. „Wir sind hier sicher. Hab keine Angst, das geht vorüber.“ Sie blickte ihn voll vertrauen an. Dieser Blick versetzt ihn einen kleinen Dolchstoß ins Herz. Er hoffte ihr Vertrauen in ihn wär gerechtfertigt. Er hoffte sie würden hier heil rauskommen. Wie lange noch? Das Radio, es würde bestimmt einen Notfallsender geben. Schnell drehte er an dem Knopf. Ein statisches Rauschen drang in sein Ohr. Kein Empfang. Aber es würde bestimmt einen Notfallkanal geben. Er zwang sich den Knopf zur Sendersuche langsam zu betätigen. Ein nervzerreisendes Rauschen, war das einzige Geräusch. „….in ihren Häusern zu bleiben.“ Da. „Starke Regengüsse behindern den Verkehr. Die Bevölkerung wird gebeten, die Autos stehen zu lassen und in ihren Häusern zu bleiben. Sobald der Regen nach gelassen hat, können sie sich in den Notunterkünften einfinden, die entweder in den Schulen oder Gemeindesälen eingerichtet wurden. Bitte bleiben sie zu ihrer eigenen Sicherheit in den Gebäuden. Sollten sie in einem Auto eingeschlossen sein, verlassen sie dieses auf keinen Fall. Rettung wird geschickt, sobald die Lage es zu lässt.“

Na toll. Die Rettungsleute kamen also auch nicht durch. Kein Problem. Bis auf die Nässe, war es zum Glück nicht kalt. Zu trinken und zu Essen hatten sie auch eine Kleinigkeit. Das würde für einige Stunden reichen. Martin ließ sich im Sitz zurück sinken. Legte die Hände an die Schläfen und versuchte den beginnenden Kopfschmerz weg zu massieren.

„Papa?“ „Ja Kleines?“ „Werden wir sterben?“ „Was, ach nein. Das ist nur Regen. Irgendwann hört der schon auf. Dann fahren wir zu Mami und danach nach Hause. Da mach ich eine große Portion Pommes und wir kuscheln uns gemeinsam auf die Couch und gucken einen lustigen Film. Irgendwann wird das hier nur eine Erinnerung sein, von der wir erzählen können. Ein Abenteuer.“ „Okay. Ich bin bisschen müde. Vielleicht schlaf ich ein bisschen? Dann geht die Zeit schneller rum.“ „Mach das.“

Sanft streichelte er ihren Kopf und strich ihr das Haar aus der Stirn. Sie war sehr tapfer. Er musste auch tapfer sein. Das würde er schaffen. Sie mussten dieses Unwetter doch nur aussitzen, oder?

++

Ein heftiger Ruck ließ Martin aufschrecken. Er war wohl selbst eingeschlafen. Das Auto bewegte sich. Verdammt. Ein Blick auf Sam bestätigte, sie schlief noch.  Es war immer noch dunkel und man konnte nichts sehen. Das Licht der Scheinwerfer verpuffte einfach. Er griff nach dem Lenkrad. Ein weiterer Ruck und das Auto löste sich. Der Schweiß brach ihm aus. Seine Hände rutschten am Lenkrad entlang. Er versuchte es gerade zu halten und hoffte auf keinen anderen Wagen zuzusteuern. Soweit er sich erinnerte, war der Strassenverlauf hier recht gerade. Vielleicht hatte er die Chance irgendwie an den Bordstein zu kommen um sich dort festzukeilen.

Vorsichtig lenkte er nach rechts. Er wollte sanft andocken, sonst würde er sich die Achse ruinieren und könnte dann nicht mehr fahren, wenn die Sicht wieder frei wäre. Er schlitterte langsam. Das Auto tanzte, wie nach einem nur für es selbst hörbaren Song, nach rechts, nach links, nach rechts. Dann spürte Martin einen Widerstand. Ein Bordstein. Sie standen. Er atmete tief aus und löste die verkrampften Finger vom Lenkrad.

Vorsichtig ließ er das Fenster herunter. Der Regen schien schwächer geworden zu sein. Es würde nicht mehr lange dauern und sie könnten los fahren.

++

Wieder musste er eingenickt sein. Sein Nacken schmerzte. Der Regen schien aufgehört zu haben. Er drehte sich um und sah wie sich Sam in die Decke gekuschelt hatte. Nur ihr Haarschopf und die Ohren ihres Stoffhasen waren zu sehen.

Es war stockdunkel draußen. Die Laternen waren ausgefallen. Die ganze Stadt war dunkel. Es gab also keinen Strom mehr. Er startete den Motor. Die Straße stand unter Wasser – aber mit seinen Geländewagen war das kein Problem. Seine Reifen verdrängten das Wasser und er glitt durch die Nacht. Er würde zurückfahren um Miriam aus dem Salon abzuholen. Sie war bestimmt bei diesem Wetter dort geblieben. Im Schritttempo bewegte sich das Auto. Bloß nirgends dagegen fahren, das Auto war ihre Sicherheit. Auf der Rückbank bewegte sich Sam. „Papa? Ist es vorbei?“ „Ja Süße. Es ist vorbei. Wir fahren jetzt Mama holen und dann schnell nach Hause. Dann machen wir eine heiße Schokolade und erzählen von unserem Abenteuer. Klingt das gut?“ Sie krabbelte auf den Vordersitz und schnallte sich an. „Oh ja, ich kann ihr erzählen wie gruselig es war. Wie laut der Regen war und dass Hasi ganz viel Angst hatte.“ „Genau.“ Martin verwuschelte Ihr das Haar und kniff ihr in die Wange.

Er war etwas orientierungslos, da durch die fehlende Beleuchtung alles anders aussah. Die Fixpunkte an denen er seinen Weg immer orientierte existierten nicht im Dunkeln. Waren sie überhaupt noch da? Dieses Unwetter hätte bestimmt einiges zerstört. „Da, Papa, da ist der Friseur. Da, die Ecke.“ Martin starrte aus dem Fenster. Die Ecke existierte nicht mehr. Ein LKW hatte die Gewalt über sein Fahrzeug verloren und war in den Laden gefahren. Er hatte ihn einfach eingedrückt. Er trat erschrocken auf die Bremse. Durch das Wasser verlor er etwas die Spur und schlitterte. Gegenlenken, gegenlenken. Ganz ruhig. Dann standen sie. Er öffnete die Tür und stieg aus. Sam kam von ihrer Seite aus zu ihm. „Wo ist der Laden?“ „Hinter dem LKW“. „Und Mama?“ „In Sicherheit.“ Sam schaute zu ihm nach oben. Hoffentlich strahlte er mehr Zuversicht aus, als er fühlte. Langsam bewegte er sich Richtung Laden. „Bleib da stehen, Schatz. Es kann sein, dass noch Teile herunterfallen. Ich gucke mal nach Mami.“ Sam nickte langsam und drückte ihren Hasen noch enger an sich. So verloren sah sie auch. Am liebsten hätte er sie ebenso an sich gedrückt wie sie ihren Hasen.

Aus dem Handschuhfach hatte er eine Taschenlampe entnommen und leuchtete den Eingang ab. Es gab keinen Eingang mehr. Er lief um den LKW herum. Es gab kein hineinkommen. Er bückte sich, vielleicht konnte er von unten dran. Ja, da war eine Lücke. Er konnte unter dem LKW durch hinein. Er legte sich hin und zog sich unter die Achse. Dann drehte er sich auf den Bauch. Die Taschenlampe schob er immer ein Stück vor sich her und robbte dann nach. Überall lag Glas. Er musste aufpassen, dass er sich nicht die Hände zerschnitt. Dann war er durch. Er stand auf und betrachtete die Überreste des Friseursalons. Überall lagen Lockenwickler und Haarklemmen. „Miriam?“ rief er zaghaft. Keine Antwort. „MIRIAM?“ rief er nun lauter. Er kletterte über Geröll und umgestürzte Friseurstühle. Dort hinten, war das eine Hand? Sein Mund wurde trocken. Langsam ging er darauf zu. Die Hand war blutig und ragte unter den Steinen hervor wie ein makabres Kunstwerk.

Er wollte nicht wissen, wer darunter lag. Was wenn sie es war? Zaghaft bückte er sich und räumte die Steine weg. Legte die Hand frei, bis er das Bündchen eines Pullovers erkennen konnte. Er stoppte und atmete tief aus. Miriam hatte sein Jeanshemd gegriffen. Sie war es nicht. Erleichtert ließ er sich auf den Boden nieder. Er brauchte paar Sekunden um seinen Kreislauf wieder in den Griff zu bekommen. Sie war es nicht. Sie war es nicht.

Er musste weiter gehen. Die selbe Situation traf er noch zwei weitere mal an. Jedes Mal war es kein Jeanshemd. Er ging weiter nach hinten. Dort mussten die Lagerräume und Privaträume sein. Dort sah es noch recht gut aus. Die Zerstörung hatte sich auf den Laden beschränkt. Eine Tür war angelehnt. Ein Quietschen entwich ihr als Martin sie aufdrückte. Dort war keiner mehr. Er blickte sich genau um. Auf dem Tisch lag ein Zettel. Von Miriam: Das heutige Datum war vermerkt. Die Uhrzeit 19:25 Uhr. Ein Blick auf seine Uhr zeigte ihm, dass es schon 23:45 war. Sie hatte ihren Plan notiert. Hinterausgang, Hinterhof, Kino. Wenn nicht dort: Gemeindehaus, Kirche, Zu Hause. Gruß Miriam. Man konnte ihr nicht vorwerfen zu ausführlich zu sein. Aber das reichte ihm. Sie lebte und sie war auf der Suche nach ihnen. Schnell stopfte er den Zettel in die Tasche, als er ein Rumpeln vernahm. Er ging in den Laden und sah, dass ein großer Betonblock von einem oberen Stockwerk auf den LKW gefallen war und ihn sofort tiefergelegt hatte. Auf diesen Weg kam er nicht mehr zurück. Aber er wusste ja von dem Hinterausgang. Schnell lief er in die Richtung Flur. Dort hinten vernahm er den Schemen einer Tür. Die Taschenlampe warf beim rennen gruselige Effekte an die Wand. Die Tür öffnete sich leicht und stolpernd bewegte sich Martin hinaus. Welche Richtung? Egal. Nein – dort – links, da standen die Mülltonnen. Dort würde es bestimmt zur Straße gehen.

Fortsetzung

Projekt TXT*

Das elfte Wort | 2018 – Nein – Tödliches Campen

Das elfte Wort von Projekt TXT lautet dieses mal NEIN

Diese Geschichte entstieg einem Traum. Und zwar hatte ich einen seltsamen Traum mit einer Schneisse zu einem Bunker in dem Tierspuren zu sehen waren in einem Grauen Sand. So wie ich es beschrieben hatte. Nur die Nebenszenen hatten was mit meiner Arbeit zu tun…Seltsamer Mix. Aber das Bild hat mich verfolgt und so ist diese Story entstanden….Achtung – mal wieder blutig. 


Irgendwie war das eine komische Idee gewesen. Mark wollte unbedingt mal was anderes. Den Uni-Stress mal ablegen und offline gehen. Wir hatten die letzten Monat nur gelernt und Praktika  absolviert. Hausarbeiten und Referate. Wir standen alle kurz vor einem Burn Out.

„Campen. Äch. Neee – warum nicht in irgendeinen tollen Spa? Sich verwöhnen lassen. Massieren, Hot Stone, Klangmuschel?“ Fragte Camille. „Ich brauch was Bodenfestes. Etwas was mich wieder erdet und mir zeigt, dass ich den richtigen Weg eingeschlagen habe. Diese ganze Lernerei und für was? Dass ich noch Jahrelang einem Prof den Kaffee vortragen kann und seine Sekretärin spielen darf?“ Antwortete Mark. „Nein – ich brauche frische Luft, Sonne und Freiheit. Wenn du nicht mitwillst- Wir Männer können auch gut einen Männertrip machen, hä Jungs?“ Im Hintergrund hörte man die Jungs Beifallklatschen. „Siehst du, wir brauchen keine Frauen, geht ihr nur schön ins Spa.“ Meinte er höhnisch.

„Nein – ich will nicht in ein Spa.“ Meinte ich. „Ich brauch auch was Waschechtes. Dreck, Grillen, Bier, Gespenstergeschichten am Lagerfeuer. Für mich kein Spa. Tut mir leid Camille.“ „Pah – na gut, dann wälze ich mich halt in einer Wildschweinkuhle, dann hab ich auch mein Schlammbad.“ Schmollte sie. „Super. Wer kommt noch mit?“ „Ich, Jan, Patrick und Wolle. Bei euch Mädels?“ „Camille, ich, vielleicht bekomme ich noch Maritta und Anita an den Start, die könnten auch mal Abstand gebrauchen. Dann wären wir zu acht. Haben wir so viel Platz?“ „Platz? Wir sind in der freien Natur – wenn die nicht genug Platz für uns hat…..Morgen um acht Uhr geht es los. Seid pünktlich Andrea – und ungeschminkt. Hahaha“. Ich zeigte ihm den Stinkefinger und streckte ihm die Zunge raus.

Bis ich euch die Geschichte weiter berichte, stelle ich uns kurz vor. Wir sind Studenten. Alle aus verschiedenen Bereichen, die sich in einem Kurs – Statistik – treffen. Das ist ein Fach, das nun wirklich keiner braucht. Wie sagte der Prof? Trau keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Toll, oder. Das ist auch nicht unbedingt mein stärkstes Fach. Aber wir sind uns alle einig – in der Situation in der wir uns bei unserem Trip befanden, hätte kein Studienzweig etwas gebracht – keiner studierte etwas Brauchbares. Es war BWL, Literatur, Kunst, Rechtswissenschaft dabei. Also nichts was uns hätte retten können. Ich will schnell weiter machen, damit ich zur eigentlichen Story kommen kann.

Also wir waren zu acht. Ich, Andrea, Camille, meine beste Freundin, die leider etwas zu verwöhnt ist. Maritta und Anita kenne ich eigentlich eher aus der Mensa. Wir haben sonst keinen großen Kontakt. Sie gehören eher zu den Jungs. Die Jungs – das sind Mark, den ich echt mag, Jan – kenne ich kaum. Patrick ist einer der netten und Wolle ist ein Schwätzer. Das könnte schon bisschen anstrengend werden. Aber wie Mark schon sagte – die Natur hat genug Platz um sich auch aus dem Weg gehen zu können. Wir trafen uns also am nächsten Tag um acht Uhr. Mehr oder weniger Fit. Steigt mit ein und beobachtet.

Wir fuhren mit zwei Bullis. Mark und Jan hatten sie aufgetrieben. Keine Ahnung wo her. Aber wir hätten alle darin schlafen können. Im Notfall. Aber das hätte ja keiner wissen können, dass tatsächlich einer eintreffen würde.

Wir waren krass drauf, für Studenten des digitalen Zeitalters. Für die Anzahl der Tage, die wir nicht festgelegt hatten, ließen wir unsere Handys zu Hause. Großer Fehler. Dieser Offlinewahn, den Mark predigte kostete einige Leben. Vielleicht hätte es anders ausgehen können, wenn wir ein SOS hätten los schicken können.

„Hei – mach mal passende Musik – Beach Boys oder so, etwas für die Stimmung.“ Blökte Maritta von hinten. Mark fuhr den ersten Bus. Der zweite Bus wurde von Jan gefahren. „Wo wollen wir eigentlich hin?“ Fragte ich Mark. „Noch haben wir kein Ziel. Es sind Ferien und wir sind ungebunden. Wir fahren bis es dunkel wird. Dann werden wir uns ein Plätzchen suchen.“ Ich ließ mich hinten auf die Bank nieder und schnappte mir ein Buch. Endlich mal wieder einen Roman lesen – das vergisst man während der Uni-Zeit total. Ich war ziemlich vertieft als der Bus zum Stehen kam. „Pinkelpause, Leute und vielleicht eine Kleinigkeit essen.“ Ich streckte mich – meine Muskeln waren etwas eingeschlafen, ich genoss es endlich mal auszusteigen. Wir waren auf einem Rastplatz. Es war überhaupt nichts los. Wo waren wir? „Ich weiß nicht. Jan hat mich vorhin überholt und ich bin ihm einfach nachgefahren. Kein Plan, wo wir hier sind. Aber es ist ziemlich abgelegen.“ Das sah ich. Aber das war ok. Einsamkeit war ja das was wir suchten.

Nach paar Minuten Pause fuhren wir weiter. Bis es dämmerte. Mark fuhr auf einer Schotterpiste hinter Jan her. Bestimmt eine halbe Stunde später kamen wir dann zum Halten. „Wir sind da – hier wird heute geschlafen.“ Ich stieg aus. Es war noch hell genug um sich etwas umzuschauen. Es war ein seltsamer Ort. „Wo sind wir hier, Jan?“ „Ich weiß nicht, ich glaub hier hatten die Amis früher ihren Truppenübungsplatz.“ „Na ja, schön ist anders. Sind das da hinten Bunker?“ Wolle drehte sich zu dem von mir gezeigten Platz um. „Ja – das sind Bunker – da können wir uns nachher noch einquartieren. Das wird doch cool. Ein Pfeifchen und dann in einem gruseligen Bunker die Nacht verbringen – ultimativer Kick.“ „Nein Danke.“ Meinte Camille – da hab ich ja mal gar kein Bock drauf.“ „Komm sei kein Frosch.“ Sagte Mark. Und ich kleines verliebtes Huhn nickte wie eins. „Ja Camille, komm, das wird bestimmt lustig.“ Sie blickte mich bittend an. Ich wusste, dass sie eigentlich ungerne in dunkle geschlossene Räume geht. Und es war wohl kaum davon auszugehen, dass es dort Fenster gab. Aber da sie mir vertraute, stimmte sie zu.

Am nächsten Tag starteten wir gemütlich. Wir erkundeten das Gebiet. Es war schon aufregend. Wir fanden alte Schiessstände an denen noch die Ziele hingen – sie waren schon teilweise zerrissen und verrottet, aber die Einschüsse waren gut erkennbar. Dann kamen wir zum Drillplatz. Die Wand – die berühmte, die man immer in den Filmen sah. Ich konnte nicht widerstehen. Ich rannte und klatschte scheiternd an diese besagte Wand. Also ich blamierte mich fürchterlich. Mark nahm Anlauf und überflog sie fast. So kam es mir jeden Falls vor. Ich glaube ich idealisierte ihn ein kleines bisschen. Aber wenigstens scheiterten die anderen Mädels auch. Sogar Wolle scheiterte. Zum Glück.

Wir landeten alle lachend vor der Wand und zogen uns gegenseitig auf. Am späten Nachmittag gingen wir zum Bunker. Eigentlich war mir das auch schon zu spät. Er wirkte schon gruselig. Verfallen, obwohl er aus massiven Platten errichtet war. Irgendwie haftete ihm etwas Unheimliches an. In den Ritzen wuchs Unkraut – aber am Boden war alles frei von Grün. Es führte eine Einfuhrschneise vor ein riesiges Tor. Ich denke, dass dies für Panzer gedacht war. Diese Schneise war mit einer Art grauen Sand ausgestreut. Und in diesem Sand konnte man Tierspuren erkennen. Ich bückte mich und hielt meine Hand dagegen. Sie wirkte klein dagegen. Was für ein Tier war das? „Ich glaube das sind Hundespuren?“ „Nein – das sieht anders aus. Ich glaube das sind Löwenspuren.“ „Löwen, vielleicht hat mal ein Zirkus hier campiert?“ „Vielleicht.“ Murmelte ich. Aber irgendwie sahen mir die Spuren viel zu frisch aus. Jan ging zur Tür runter, ich folgte ihm. Auf dem Absatz befand sich ebenfalls dieser graue Sand und in diesem Sand war ein perfekter Abdruck. Aus dem Bunker heraus. Man konnte es genau erkennen. Wir blickten uns an. „Meinst du hier wurden mal Löwen gehalten?“ „Nein, das macht kein Sinn. Das war bestimmt ein Zirkus.“ Meinte er. Mich schauderte es. „Lass uns zu den anderen zurückgehen Den Bunker können wir auch morgen erkunden. Ich hab keine Lust mehr heute.“ „Ja – geht mir auch so. Lasst uns ein Lagerfeuer machen und was grillen. Ich bekomme Hunger.“ Jan rannte zu den anderen. Ich folgte ihm langsam. Dann blieb ich ruckartig stehen. War da gerade ein Geräusch? Kam aus dem Bunker ein Geräusch. Konnte man da überhaupt etwas hören? Ach, du bildest dir was ein, Andrea. Zuviel Fantasie. Und ich ging etwas schneller zu den anderen, als ich es ursprünglich vorhatte.

Wir hatten einen schönen Abend. Jeder erzählte eine Anekdote aus der Uni. Irgendwelche Fehler, die einem während der Praktika oder Referate passierten – und auch Professoren wurden auseinander genommen. In jedem Fachbereich gab es immer einen, der irgendwie seltsam war. Überheblich oder Schräg.  Es war wirklich sehr amüsant. Wir tranken alle etwas zu viel und als es Zeit wurde sich in die Zelte zurückzuziehen, gab es einige Zusammenschlüsse.  Camille ließ sich von Jan entführen. Maritta  ging mit Patrick. Nur ich, Mark, Wolle und Anita blieben zurück. Ich blickte schüchtern zu Mark. Ich hätte nichts dagegen – aber so richtig wollte ich auch nicht. Nein – das wäre mir doch zu schnell – also sprang ich auf und wollte schnell in mein Zelt. Aber ich hatte doch bisschen zu viel getrunken und schwankte stark. Mark sprang schnell auf um mich zu halten. „Geht es?“ „Mhm – ja danke.“ Murmelte ich. Er ließ mich trotzdem nicht los und brachte mich zu meinem Zelt. „Gute Nacht, Andrea.“ Meinte er und drückte mir einen Kuss auf die Wange. Ich fühlte mich wie ein Teenager – meine Hand wanderte auf die geküsste Stelle und ich wurde rot und glücklich. Er mochte mich.

Ich zuckte zusammen – da war wieder das seltsame Geräusch, das ich am Bunker gehört hatte. Ich drehte mich einmal schnell um mich herum und versuchte den Schwindel zu ignorieren. Schnell schlüpfte ich in mein Zelt. Schloss den Reisverschluss und schlüpfte in meinem Schlafsack. Jetzt wäre ich froh, Mark wäre mit in mein Zelt geschlüpft. Ich hatte bisschen Angst alleine. Ich rollte mich zusammen und versuchte mit zusammengekniffenen Augen einzuschlafen.

Es gelang – ich schlief ein – aber ein Geräusch weckte mich – oder war es meine Blase – ich konnte es nicht nachvollziehen. Aber definitiv – meine Blase war voll. Bier. Ja Bier trieb – das hätte ich wohl doch vorher bedenken sollen. Ich überlegte wie lange ich es wohl aushalten würde. Ich kam zu dem Schluss – nicht lange. Vorsichtig befreite ich mich aus dem Schlafsack und zog leise den Reisverschluss des Zeltes auf. Ich lauschte. Ich hörte meine Ohren rauschen. War das mein Blut?

Ich griff nach der Taschenlampe, die ich am Eingang deponiert hatte. Ich schaltete sie an und leuchtete durch die Gegend – im Dunkeln wirkte das hier so unheimlich, das ich wirklich noch mal überlegte, ob ich wirklich herausmusste. Aber es half nichts – ich musste. Leise schlich ich an den Rand der Zelte – ich wollte einfach nicht zu weit weg gehen – mir egal, dass ich fast in unser Camp pinkelte. Scham war in meinen Augen nicht wichtig.

Da – schon wieder – ein Geräusch. Während ich immer noch in gebückter Haltung verharrte, hörte ich was. Ein Reisverschluss. Ich atmete aus. Ich stand auf und blickte mich um. Patrick kam aus seinem Zelt. Er kratzte sich und blickte sich um. Dann sah er mich. Er winkte und torkelte in die andere Richtung. Da musste wohl noch jemand sein Bier loswerden.

Ich schmunzelte. Und stutze. Ich hörte ein plumpsen. Patrick war wohl umgefallen. Aber ich hörte auch ein wimmern. Dann kam der Schrei. Ich stolperte rückwärts. In den anderen Zelten gingen die Lichter an. Wolle und Mark waren die ersten, die ihre Zelte verliesen. Um das Camp sah ich Schatten. Irgendwas umkreiste unser Camp. Ich rannte wieder zurück. Stellte mich zu Mark und Wolle. Aus den anderen Zelten kamen Jan, Camille, Anita und Maritta. „Was ist hier los.“ Fragte Camille verschlafen. „Geh zurück und zieh dir eine Hose an – hier stimmt was nicht und du wirst gescheite Kleidung brauchen. „Fauchte ich ihr zu.  Sie stand in einem Shirt und Höschen vor mir und blickte mich verständnislos an. Mein Blick musste sie so verunsichern, dass sie schnell ihre Hose und Schuhe aus dem Zelt holten und sich anzog. Dann nahm ich sie bei der Hand. Ich wollte sie nicht loslassen. Sie war in diesem Moment mein Anker. Die Männer hatten sich zusammengestellt und blickten noch leicht betrunken aus dem Kreis heraus und versuchten etwas zu erkennen. Ich war die einzige mit einer Taschenlampe. Ich versuchte zu leuchten – aber  der Lichtkegel war nicht stark genug. Er ging nicht bis hinter die Zelte. Immer noch konnten wir nur Schatten erkennen.

Wieder hörten wir den Schrei – dann wurde aus dem Schrei ein gurgeln und dann Stille.

Maritta und Anita fingen an zu wimmern. Ich merkte, dass auch Camille anfangen wollte. „Reis dich zusammen – wir brauchen unsere Konzentration. Lass das die anderen beiden erledigen. Das hier ist nicht nur ein Fake – hier ist irgendwas Tödliches. Und ich glaube ich weiß auch was, oder denke es.“ Ich ging zu Jan. „Jan – kannst du dich an die Spuren am Bunker erinnern? Ich glaube da lebt noch was drinnen, das hier um uns herum läuft.“ „Was? Meinst du Löwen?“ „Ja.“ „Du spinnst doch. Wo sollen die denn herkommen?“ „Aus dem Bunker, du Idiot. Wir sind auf Militärgelände der Amis. Wir wissen doch, dass die immer Experimente durchgeführt haben.“ „Oder irgendein Zirkus hat seine Tiere hier entsorgt, dann sind das altersschwache Viecher.“ „Ich weiß nicht.“ „Doch bestimmt. Nur alte Tiere greifen Menschen an.“ Ich zweifelte immer noch, als Mark zu uns kam. „Was ist los?“ Ich unterrichtete ihn über unseren Fund und unsere Theorien.

„Löwen? Ich weiß nicht. Das klingt bisschen zu sehr nach Hollywood.“ „Na klar, die Amis waren ja auch hier.“ Erwähnte ich bisschen angesäuert, weil er mir nicht glauben wollte. Was sonst hatte wohl Patrick erledigt? „Wie kommst du drauf, dass Patrick tot ist? Vielleicht ist er nur unglücklich gestürzt und hat sich den Schädel in seinem Suffkopf angehauen?“ Das war natürlich auch eine Option. Aber ich glaubte nicht dran. „Und was schleicht um das Camp?“ „Füchse? Wildschweine? Was weiß ich?“

„Ach.“ Meinte ich mit einer wegwerfenden Handbewegung. Ich stand auf und ging zu Camille. „Hör zu. Hier stimmt was nicht. Wir müssen zusammen bleiben. „ Sie blickte mich verunsichert an und schaute zu den Männern. „Sollten wir nicht zu ihnen gehen? Sie können vielleicht helfen – sie sind immerhin stärker als wir.“ Ich blickte mich ärgerlich zu den beiden Männern um. „Nein, die glauben mir nicht. Aber wir werden angegriffen.“ „Andrea – ich weiß, dass du immer gleich das Schlimmste annimmst – aber vielleicht ist es auch nur der Alkohol, der aus dir spricht?“ Mein Kopf ruckte zu ihr um. Meine beste Freundin hielt mich für überzogen? Ich war  vorsichtig. Vielleicht zu misstrauisch – aber nicht hysterisch. Im Gegenteil. Ich war die Ruhe selbst. Ich krabbelte in mein Zelt und wühlte in meinem Rucksack. Ein Messer – wo war mein Messer. Ich ging nie ohne Messer aus dem Haus. Ok – das klang jetzt doch bisschen hysterisch – aber Leute – die Situation in unserem Land ist nicht ohne – da kann Frau auch mal ein Messer zum Selbstschutz haben, oder? Ah hier – und das Pfefferspray war auch da. Wie gut – es war ja zur Tierabwehr. Sonst durften sie es ja nicht verkaufen. Passt doch.

Während ich im Zelt wühlte, hörte ich erneut Schreie. Eine Frau – schnell schälte ich mich wieder raus. „Camille?“ „Ich bin hier – ich weiß nicht wer das war. Maritta oder Anita – ich kenn ihre Stimmen noch nicht. Ich spurtete in die Richtung aus der der Schrei kam. Da stand Maritta. Sie hatte die Arme um sich geschlungen und war in die Hocke gegangen. Sie wippte aufgewühlt vor und zurück. „Maritta, Maritta? Was ist los?“ schrie ich sie an. Sie reagierte nicht. Ich knipste die Lampe an und leuchtete nach vorne. Da – eine Spur – der Boden war aufgewühlt. Und eine Schleifspur verlies den Platz. Ich rannte hin – in der einen Hand das Messer, in der anderen die Lampe und verfluchte mich, dass ich nicht an die Stirnlampe gedacht hatte. Blut – die Schleifspur war voll Blut. Und dort? Ich musste würgen. Im Staub lag ein Arm. Ein Frauenarm. Die Männer kamen angerannt. Jan, Wolle und Mark. Ich deutete aufgeregt auf die Stelle mit dem Arm. „Ein Fuchs? Ein Wildschwein? Machen die so was? Ich glaube kaum. Das hier war ein Raubtier. Und kein kleines?“ „Vielleicht ein Wolf?“ Meinte Mark. „Nein, das glaube ich nicht – schau dir die Spuren an – das sind keine Wolfsspuren. Die sehen anders aus. Da kann man keine Krallen im Abdruck sehen. Das hier sind nur Fußballen. Ich sage euch, das sind Löwen. Hört mir doch zu.“ Alle blickten mich entgeistert an. Ich nahm einen Schatten von rechts wahr. Bevor ich eine Warnung ausrufen konnte, sprang der Schatten. Im Sprung schnappte er sich Wolle. Dieser Löwe war riesig. Das war doch kein normaler Löwe. Die anderen drehten sich schnell um und schnappten nach Luft. Sofort gerieten sie in Panik. „Wartet, wartet. „ Schrie ich. Bleibt doch zusammen. Sonst…“ und schon hörte ich den nächsten Schrei. Wieder eine Frau. „Camille? Camille?“ „Andrea.“ Hörte ich sie schluchzend schreien. „Ich bin hier – zwischen den Zelten. Was war das. Ich….Ahhhh“ Mir gefror das Blut. Irgendwas hatte Camille angegriffen. Ich rannte zu der Stelle, die sie mir genannt hatte. Dort lag sie. Sie hatten sie nicht mitgenommen. Warum? Aber da sah ich ihn – ein majestätisches Tier. Den Namen König der Tiere hatte er wahrlich verdient. Ich rannte auf ihn zu. Fuchtelte mit den Armen und schrie. Ich schrie, bis ich fast heiser wurde. Der Löwe blickte mich irritiert an und ließ von Camille ab. Er drehte sich weg und verließ den Platz. Schnell rannte ich zu Camille. „Camille? Camille?“ Ich schüttelte sie sanft. Im Schein der Taschenlampe konnte ich sehen, dass sie eine tiefe Wunde am Oberschenkel hatte. Was ich erkennen konnte,  zum Glück war nicht die Hauptschlagader betroffen, da es zwar heftig, aber nicht sprudeln blutete. Ich zog mein Shirt aus und schnitt es mit dem Messer in Streifen. Schnell machte ich einen unbeholfenen Verband. Dann schnappte ich mir ihren Gürtel und legte noch einen Druckverband an. Ich hoffte das würde die Blutung erst mal stillen. Dann nahm ich sie von hinten unter den Armen und zog sie weiter in den Schatten. Ich wusste nicht, wie ich sie verbergen sollte – aber erst mal weg vom Tatort. Währenddessen schaute ich ob ich Mark oder Jan irgendwo sah. Nichts. Sie hatten uns alleine gelassen. Was Helden. Gut – jeder also für sich. Kein Problem. Das würde ich schaffen, hoffte ich.

Ich startete einen Versuch die verbleibenden Männer zu finden. „Mark? Jan? Wo seid ihr? Camille ist verletzt. Ich könnte eure Hilfe gebrauchen.“ Nichts. Waren sie schon gefressen worden? Hatte ich ihre Schreie überhört, da ich mit Camille beschäftigt war? Ich wusste es nicht. Camille war ohnmächtig. Das war nicht gut. Besser wäre es, sie könnte laut schreien um die Löwen zu verunsichern. Ich musste sie ins Auto bringen. Da wäre sie sicher. Wieder schnappte ich sie unter den Armen. Ich zog sie rückwärts Richtung Auto. Sie stöhnte, ich stöhnte. Ich blieb stehen und lauschte. Nichts. Sie machten keine Geräusche beim Jagen. Da, da war eins der Autos. „Bitte, bitte sein nicht abgeschlossen.“ Betete ich. Ich kam an die Tür, zog am Türgriff – zu. „Warum? Warum habt ihr hier draußen denn abgeschlossen? Wer soll denn das Auto klauen, ihr Idioten.“ Schrie ich verzweifelt. Ich ließ Camille liegen und rannte ums Auto herum. Vielleicht war eine der anderen Türen offen? Nein. Wo war das andere Auto? Ah, da. Schnell rannte ich hinüber. Auf halben Weg spürte ich ihn. Einer der Löwen stürmte auf mich zu. Ich blieb stehen. Ich drehte mich zu ihm. Auf einmal wurde ich ganz ruhig. Alles kam mir wie in Zeitlupe vor. Ich erkannte wie der Löwe zum Sprung ansetzte. Ich hob meinen Arm, machte eine Faust und schlug zu. Ich traf. Ich traf! Ich war überraschter als der Löwe. Ich hatte ihn mitten auf die Stirn getroffen. Zwischen den Augen. Er schüttelte den Kopf und entfernte sich von mir. Fragt nicht, ich konnte meine Hand nicht mehr spüren. Sie war taub – war sie noch da, oder hatte er sie abgebissen? Ich konnte es nicht sagen. Kurz danach setzte der Schmerz ein. Ich glaube, ich hatte mir was gebrochen, aber egal. Erst mal konnte ich zum anderen Auto weiter sprinten. Auch hier versuchte ich alle Türen. Auch alle abgeschlossen. Das konnte doch nicht wahr sein. Ich drehte mich zu Camille um. Was sollte ich nur machen? Ich stand zwischen den beiden Autos und wusste nicht weiter.  Wenn ich die Scheiben einschlug, wäre es kein Schutz mehr –Kurzschließen konnte ich nicht – ich brauchte also sowieso einen Schlüssel. Ich musste einen der Männer finden. Mark oder Jan, das war mir gerade egal. Tod oder Lebendig, war mir auch egal. Sie hatten uns schließlich im Stich gelassen. Ich ging zurück zu Camille. Ich zog sie unter das Auto. Es war ein Versuch. Die Löwen konnten sie erreichen, aber nicht ohne Schwierigkeit. Das war erst mal das wichtigste.

Ich schlich mich in die Richtung der Zelte. Am liebsten hätte ich den Atem angehalten. Ich konnte mich laut atmen hören und mein Herz schlug wie ein Schlagzeug. Für die Löwen musste ich aussehen wie ein phosphoreszierendes Fresschen. Ich war mir sicher, dass ich auch hätte normal laufen können. Denn die Löwen sahen und hörten mich. Da hatten sie mir einiges voraus. Ich konnte nämlich keinen von ihnen entdecken. Dann hörte ich Schritte. Mark. Ich konnte ihn sehen, er kauerte sich hinter das Zelt von Maritta. Und daneben kniete Jan. Ich atmete auf. Sie waren doch noch da. Ich winkte ihnen. Sie winkten zurück. Ich rannte geduckt zu ihnen, und kam mir total lächerlich vor. Die Löwen spielten Katz und Maus mit uns. „Hei, warum habt ihr Idioten die Autos abgeschlossen?“ „Gewohnheit.“ Meinte Mark. „Camille ist schwer verletzt. Ich will sie im Auto in Sicherheit bringen. Gebt mir einen Schlüssel.“ Die beiden schauten sich an. Ich konnte gerade erkennen, wie der Groschen fiel. Die Autos. Nicht zu fassen, dass sie nicht selbst drauf gekommen waren. „Gebt mir einen Schlüssel.“ Forderte ich. Ich hatte etwas beängstigendes im Auge der beiden aufblitzen sehen. Sie würden uns hier lassen. Ich konnte es erkennen. Fast riechen. „Jan! Gib mir den Schlüssel.“ Ich stand vor ihm und hatte das Messer in der Hand. Er blickte mich nicht mal an. Und dann sprangen die beiden auf und rannten los. Ich fluchte und hängte mich an ihre Fersen. Aber ich war viel zu langsam. Nein, nein, nein. Sie durften nicht an die Autos kommen. „Jan! Mark! Bitte. Lasst uns nicht im Stich. Gebt uns eine Chance, lass den Schlüssel da.“ Rief ich verzweifelt.

Ich hörte ein Schnaufen hinter mir. Ich blieb sofort stehen. Drehte mich um und blickte in die Augen des nächsten Angreifers.  Ein wunderschönes Tier mit prächtiger Mähne stand mir genau gegenüber. Ich tastete in meiner Hosentasche nach meinem Pfefferspray. Langsam zog ich es hervor. Langsam hob ich meinen Arm und drückte das Spray. Ich erinnerte mich an die Infos und schloss sofort meine Augen, um nicht selbst was davon abzubekommen. Ich hörte das schmerzvolle und wütende Gebrüll des Löwen. Noch immer mit geschlossenen Augen, warf ich mich zu Boden und rollte mich weg. Im Hintergrund hörte ich wie die Männer sich anbrüllten. „Schnell, Mark schließe die scheiss Tür auf. Mach schon, komm gib her.“ Dann hörte ich ein Gerangel und ein klimpern. Der Schlüssel war auf den Boden gefallen. Ich konnte eine gewisse Genugtuung nicht verhindern. Hektisch fielen die beiden über den Schlüssel her und behinderten sich gegenseitig. Sie bemerkten nicht, wie sie dabei umzingelt wurden. Erst Mark hörte auf sich um den Schlüssel zu bemühen. Während Jan ihn beiseite schubste um den Schlüssel aufzuheben, hatte Mark schon registriert, dass sie keine Chance mehr hatten. In dem Moment, als Jan versuchte den Schlüssel aus dem Bund zu entwirren, stürzten die Löwen auf sie zu. Mark sprang auf und versuchte zu flüchten. Aber er hatte keine Chance. Auf seinem Rücken landete ein mächtiger Löwe. Er begrub Mark unter sich, und ich konnte nur noch die Angst und Hilflosigkeit in seinen Augen erkennen. Jan kämpfte noch und schlug sich tapfer – aber er hatte keine Chance. Er wurde regelrecht zerfetzt. Ich wendete meinen Blick ab. Jetzt lag es an mir. Ich brauchte immer noch den Schlüssel.

Camille lag noch unter dem Fahrzeug. Direkt neben ihr wurden die beiden Männer gefressen. Ich war froh, dass sie ohnmächtig war. Es war ein grausames Bild und die Geräusche waren eklig. Wenn ich nicht gerade unter Adrenalin stehen würde, wäre ich zusammengebrochen. Aber das konnte ich mir nicht erlauben. Ich wollte überleben. Ich musste also abwarten, bis die Löwen fertig waren. Ich drehte mich um. Langsam entfernte ich mich von diesem grausamen Szenario. Sollte ich zu dem Bunker gehen. War ich da sicher, gab es da irgendwas zur Abwehr? Ich könnte mir vorstellen, dass dort Waffen wären. Aber ich konnte eh nicht schießen. Und wer weiß, wie viel Löwen dort noch drin waren. Nein. Jetzt wünschte ich, wir hätten die Handys nicht zu Hause gelassen. Ich zog mich in den Schatten der Bäume zurück und wartete. Ich beobachtete. Am Rande der fressenden Gruppe konnte ich einen weiteren Löwen erkennen. Er war grösser als die anderen, und die waren schon wirklich groß. Er beobachtete. Er überblickte die Gegend. Und dann sah er mich. Ein Brüllen entwich ihm und sein Rudel hörte auf zu fressen. Ich beobachtete ebenfalls. Ich konnte Signale erkennen, die die Löwen untereinander gaben. Das waren doch keine normalen Löwen. Einer der Kleineren löste sich von der Gruppe. Erst ging er langsam in meine Richtung. Ich konnte sehen, wie der Große die Situation beobachtete. Der Kleine blieb langsam. Er trotte auf mich zu. Es wirkte fast spielerisch. Bis kurz vor mir, dann sprintete er auf mich zu. Ich sprang auf, zog mein Messer und trat mit meinem Fuß erst mal in seine Richtung. Ich traf ihn an der Brust. Ein Röcheln entwich ihm. Ich zögerte nicht und stürzte mich mit dem Messer auf ihn. Ich stach auf ihn ein, wie benommen. Ich stach, stach und stach. Das Tier brach zusammen und war tot. Schon kam der nächste auf mich zu. Ich rannte auf ihn zu. Schrie und fuchtelte mit meinen Armen. Er blickte mich verunsichert an. Aber im Hintergrund ging ein leichtes brüllen von dem Großen aus. Und der Löwe stürzte sich mir entgegen. Ich ließ mich fallen. Ich schlitterte unter ihn, mit gezogenem Messer. Seine Gedärme landeten warm dampfend auf mir. Wenn ich Zeit gehabt hätte zu denken, hätte ich mich übergeben. Aber Zeit war Luxus. Denn schon stand der nächste Löwe mir gegenüber. Ich war noch immer aufgepumpt mit Adrenalin und zögerte nicht lange. Mit einem lauten Schrei stürzte ich mich ihm entgegen. Er sprang auf mich zu und landete schwer auf mir. Meine Luft entwich. Ich hatte das Gefühl zu ersticken. Sein Gewicht auf mir war kaum zu ertragen. Er bräuchte mich gar nicht zu zerfleischen. Wenn er auf mir liegen bleiben würde, wäre ich in wenigen Minuten erstickt. Zum Glück war meine Messerhand frei. Ich versuchte sie anzuheben. Was nicht leicht war – aber ich schaffte es und stach zu. Nicht tödlich, aber es war ausreichend um ihn von mir herunter zu treiben. Schnell setzte ich mich und robbte rückwärts von ihm weg. Er brüllte wütend und stürmte wieder auf mich zu. Ich war noch nicht in der Lage aufzustehen. Ich rollte mich weg und er rannte an mir vorbei. Dann versucht ich mich aufzurichten. Es gelang. Meine Kräfte schwanden. Aber ich gab noch mal alles und stürmte hinter ihm her. Ich warf mich auf seinen Rücken und stach ihm in den Nacken. Das Tier brach sofort zusammen. Ich zog zur Sicherheit noch das Messer über seine Kehle. Er sollte nicht gelähmt leiden.

Ich wunderte mich über diesen Gedanken, konnte aber nicht verweilen. Der nächste Löwe stürzte sich auf mich und biss mir in die Wade. Ich schrie laut auf und trat nach ihm. Zum Glück hatte ich Treckingschuhe an. Sieleisteten mir jetzt gute Dienste. Ich traf ihn an der Schnauze. Die Nase platze auf und blutete. Er jammerte und ich trat weiter zu. Meine Wade schmerzte fürchterlich. Ich spürte mein warmes Blut an meinem Bein entlanglaufen. Der Schmerz entzündete meine Wut. Ich richtete mich auf und umklammerte seinen mächtigen Hals Ich konnte ihn nicht ganz umfassen, deswegen krallte ich mich in seiner Mähne fest. Er versuchte mich abzuschütteln. Aber ich blieb hartnäckig. Ich zog mich an ihm hoch und erwischte sein Ohr. Ich biss zu. Dann spuckte ich ein Teil seines Ohrs aus. Er stieg hoch und erwischte mich mit seinen Tatzen. Er riss mir die Haut am Bauch auf. Ich schrie und lies los. Ich hielt meine Hand auf meine Wunde – drei tiefe Kratzer zogen sich über meinen Körper. Schmerzhaft, aber nicht tödlich. Stark blutend, wurde meine Wut noch mehr angespornte. Ich sammelte meine restliche Kraft und stürmte auf ihn zu. Mein Messer landete seitlich in seinem Hals. Eine Fontäne Blut ergoss sich über meine Hand. Das Tier brach zusammen und riss mein Messer mit sich. Oh nein, mein Messer. Hektisch versuchte ich es aus ihm herauszuziehen. Der Griff war vom Blut ganz glitschig. Ich rutschte ständig ab. Verdammt. Ich zog mein Top aus und umwickelte den Griff. Kräftig zog ich und mit einem eklig schmatzenden Geräusch konnte ich es herausziehen. Ich landete auf meinem Hintern und legte mich hin. Mein Atem ging stoßweise. Ich wollte nicht mehr. Aber Camille brauchte mich, und ich wollte leben.

Ich zog mich langsam zum Auto. Meine Beine waren Wackelpudding. Ich würde nie wieder aufstehen können. Quatsch, Andrea. Reis dich zusammen. Du hast es soweit geschafft. Jetzt wirst du nicht sterben. Steh auf. Ich kniete mich hin. Camille war wach. Sie stöhnte und versuchte unter dem Auto hervor zu kommen. „Camille, bleib unter dem Auto, bitte.“ Schrie ich, dachte ich. Aber mehr als ein Flüstern kam nicht mehr hervor. Ich blickte hoch. Der Große bewegte sich in Richtung meiner Freundin. „NEIN!“ Schrie ich. „NEIN – das kommt nicht in Frage. Lass sie in Ruhe. Komm zu mir, lass sie in Frieden.“ Er blickte zu mir. Ich könnte schwören, dass er lächelte. Er zeigte seine Zähne. Es war einfach beeindruckend. Wenn ich nicht so viel Angst hätte, hätte ich den Anblick bewundern können. Ich stand auf. Wankend versuchte ich mich so schnell wie mir möglich war, zu ihnen zu gelangen. Vor dem Auto brach ich zusammen.

Mit dem Messer in der Hand drohte ich ihm. Seine Schnauze war mit dem Blut meiner Freunde rot verschmiert. Zwischen seinen Zähnen konnte ich Fleischfetzen erkennen. Sein stinkender Atem in meinem Gesicht. Mein Gesicht, verschmiert mit dem Blut seines Rudels. Wir blickten uns fest in die Augen. Mein Messer war stichbereit. Seine Zähne waren bereit zuzubeißen. Auge in Auge, blutverschmiert sahen wir uns an. Ich konnte so was wie Respekt in seinen Augen erkennen. Er brüllte mich an. Meine Haare, wenn sie nicht vom Blut nass gewesen wären, hätten sich wie in einem Sturm nach hinten gelegt. Ich öffnete meinen Mund und brüllte zurück. Er legte den Kopf schräg. Schnupperte, schaute mir tief in die Augen, trat drei Schritte zurück und drehte sich um. Er ging hoheitsvoll weg. Ohne sich umzublicken, bewegte er sich in Richtung des Bunkers. Er verschonte mich und Camille. Hatte er Respekt vor mir als Kämpferin? Oder hatte er einfach kein Interesse mehr, weil er satt war? Ich wusste es nicht.

Ich robbte schnell zu dem blutigen Haufen von Jan und Mark. Es war widerlich, aber ich brauchte den Schlüssel. Ich wühlte mich durch Gedärme und Haut und fühlte dann das kühle Metall. Der Schlüssel.

Ich schluchzte. Schnell versuchte ich zum Auto zu gelangen. Ich steckte den Schüssel ins Schloss und er passte. Ein kleines Stoßgebet gen Himmel schickend, lief ich zu Camille. „Camille, wir haben es geschafft. Wir haben überlebt. Komm, Steh auf – versuch es. Du musst schnell ins Auto.“ Sie stöhnte. „Andrea, ich kann nicht…“ „Doch, streng dich an. Hilf mir. Bitte.“ Ich würde bald zusammenbrechen. Sie musste mir einfach helfen. Ich merkte wie ein Ruck durch sie ging. Sie versuchte aufzustehen. Ich stütze sie. Dann half ich ihr ins Auto. Schlug die Tür zu und atmete durch. Ich hatte es geschafft. Ich hangelte mich an der Motorhaube entlang auf die Fahrerseite. Das Schloss klickte, und ich öffnete die Tür. Bevor ich einstieg, blickte ich zum Bunker. Die Sonne ging auf und auf einem Hügel konnte ich den König der Tiere sehen. Er saß dort. Um seine Füße wuselten kleine Löwen herum. Die nächste Generation Killermaschinen. Seine Kulisse vor dem Sonnenaufgang war imposant. Ein Brüllen entwich seiner Kehle. Ich stieg ein, zündete den Motor und fuhr los.

Ich konnte es kaum glauben. Ein Blick in den Spiegel zeigte mir eine andere Andrea. Blutverschmiert mit einer unbekannten härte in den Augen. Ein Blick, den nur Überlebende hatten. Wir hatten überlebt. Aber nicht gewonnen.

ENDE.

 

 

writing friday

[#WritingFriday] Week 43 – Blutiger Wechsel

[#WritingFriday]

ist eine wöchentliche Schreibaktion von Elizzy.

Die Oktoberthemen:

Ich bin etwas spät – aber ich habe heute einen Kasten an einem Baum gesehen, der mich animierte diese böse Geschichte zu schreiben.

WARNUNG – es wird blutig. 


Er sah nach hinten und ihm lief ein kalter Schauer über den Rücken, denn ein beängstigendes Geräusch schälte sich aus dem dunklen Wald hervor. Wieso hatte er sich überhaupt überreden lassen dieses Mal die Wildtierkameras auszutauschen. „Die Speicherkarte ist voll. Und Lars hat es vergessen auszutauschen. Benny, bist du so lieb und kannst das für mich übernehmen. Mir sitzt die Erkältung noch so im Nacken. Das wäre soooo lieb von dir. Biiiiitte.“ Benny rollte mit den Augen, das war nicht das erste Mal, dass Lars den Wechsel angeblich, vergessen hatte. Und jedes Mal ließ er sich von Roxanne überreden sie auszutauschen. Sie blickte ihn dann immer mit ihren rehbraunen Augen an und da schmolz er einfach wie Eis in der Sonne.

Jetzt verfluchte er seine Schwärmerei. Es war wirklich gruselig. Eigentlich machte es ihm, als Wildhüter nichts aus, im Dunkeln durch den Wald zu streifen. Heute allerdings war er sehr empfindlich. Schon den Weg vom Auto zur Kamera hatte er ständig das Gefühl beobachtet und verfolgt zu werden. Er betrachtete sich die Spuren am Baum. Die Taschenlampe fing einen seltsamen Abrieb ein. Benny bückte sich und strich über die Rinde. Sie war nicht einfach nur abgerieben, wie es die Wildschweine sonst so machten. Sie war, wahrscheinlich von den Hauern, abgehauen. Wie wenn man mit einem stumpfen Beil auf den Baum eingeschlagen hätte. War das Blut? Er leuchtete genauer. Ja, das war eine rote Flüssigkeit und sie sammelte sich an der Wurzel.

Benny drehte sich um und betrachtete die Schleifspur. Unsicher folgte er ihr. Er wusste, dass dies ein Fehler sein würde, aber es war wie ein innerer Drang. Er musste dieser rot verschmierten Spur einfach folgen. Etwa zwei bis drei Meter entfernt stieß er auf den Verursacher dieser Spur. Ein Hirsch. Ein prächtiger, großer Hirsch. Sein Bauch war aufgerissen. Er ging in die Hocke und betrachtete die Wunde. Sie war nicht nur aufgerissen, sie wirkte wie aufgeschlitzt. Er dachte an Wilderer. Immer wieder trafen sie auf illegal getötetes Wild. Es gab immer so kranke Kerle, die meinten sie müssten hier einen auf Jäger machen. Oder diese kranken Tierquäler.

So ein prachtvolles Tier, sinnlos dahingeschlachtet. Er notierte sich den Fundort und schaute ob er einen Sender, oder eine Markierung finden konnte. Als er fertig mit seinen Notizen war, ging er zurück zum Baum. Er öffnete den Kasten in dem die Wildkamera sicher verstaut war, und wechselte die volle Speicherkarte aus.

Der Nebel kroch langsam aus dem Boden heraus auf ihn zu. Er fluchte. Jetzt würde es auch noch gleich eklig kalt werden. Er sollte Roxanne mal nach einem Date fragen, dass er sich nicht immer so bequatschen lassen würde. Jedenfalls nicht ohne dann dafür wenigstens mal eine kleine Belohnung zu bekommen. Er hielt inne. Da war wieder das Geräusch.  Wildschweine. Das war nichts Ungewöhnliches. Aber dieses Geräusch klang anders, als er es kannte. Eine Gänsehaut breitete sich aus. „Ich sollte mich wohl mal beeilen. Irgendwie ist mir das nicht so geheuer.“ Er schloss wieder alle Kabel an der Kamera an, verschloss den Kasten und verstaute alle seine Dinge.

Als er sich umdrehte stand eine Horde Wildschweine vor ihm. Der Eber, der am Anfang stand, hatte eine rot verschmierte Schnauze und seine Hauer waren ebenfalls rot. Benny leuchtete mit seiner Taschenlampe auf die Horde. Sie blinzelten nicht mal. Er machte einen Schritt auf sie zu um die zum Aufbruch zu animieren. Der Eber trat ihm entgegen. Benny stockte der Atem. In dem Strahl seiner Taschenlampe konnte er sehen, dass die Augen des Ebers hasserfüllt blickten. Konnte ein Tier überhaupt solche Gefühle entwickeln, dass sie ihm aus den Augen heraus schienen? Anscheinend schon. Langsam versuchte er sich zurück zu ziehen. Jeden Schritt, den Benny rückwärts machte, machte der Eber vorwärts. Im Hintergrund konnte er das Klicken der Kamera hören. Bei jeder Bewegung schoss sie ein Bild. Das würde eine Dokumentation werden, dachte er bei sich.

In diesem Moment schoss der Eber auf ihn zu. Benny versuchte zurück zu weichen, stolperte über ein Stück Totholz und fiel schmerzhaft. Er robbte auf dem Hintern von dem Eber weg, aber dieser stand ihm schon Gesicht an Gesicht gegenüber. Speichel tropfte aus seinen Lefzen. Der Speichel war rot eingefärbt. Benny konnte noch blutige Fleischreste in den Hauern hängen sehen. Jetzt wusste er, wer den Hirsch getötet hatte. Sein letzter Gedanke war: „Das wird mir doch nie jemand glauben.“ In diesem Moment spürte er einen unbeschreiblichen Schmerz, der ihn durch die Eingeweide fuhr. Er blickte an sich hinunter und sah wie der Eber seine Hauer in seinen Unterleib bohrte. Seine Schnauze drang direkt dahinter ein und wühlte sich durch seine Organe.

Und im Hintergrund dieser grausamen Szene konnte man immer wieder die Klickgeräusche der Kamera hören.

Ende